Jahrgang 
1 (1879)
Seite
145
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77 I = X

oſtet 20 Pfenunige.

3 9 6 1 g α Die Herrin von Penwyn. Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Paver Riedl. (Fortſetzung.)

Maurice nahm die Einladung an. Er hatte ein ſeltſames Verlangen, mehr von dem Mädchen zu ſehen, deſſen bleiches Geſicht in dem Gerichtsſaale einen ſo erhabenen Ausdruck gezeigt.

Trug ſie wirklich ſo tiefen Kummer im Herzen um ſeinen ermordeten Freund? Sie, die ihn nur zwei Tage gekannt? Oder war es ein ſinſteres Geheimniß, das ſie ſo tief bewegte? Der Mann ſchien freimüthig und offen genug. Es ſchien ſchwer, zu glauben, daß ſich unter der rauhen Freundlichkeit des Komödianten Schurkerei verberge.

Sie gingen geradenwegs nach dem Quartier in der engen Straße, die nach dem Fluſſe hinabführte. Hier ſchien Alles genügend komfortabel. Das Abendmahl war bereit, als Mr. Elgood und ſein Beſucher eintraten, und Mr. und Mrs. Dempſon warteten mit einiger Ungeduld auf ihre Erfriſchung. Sie ſahen bei dem Erſcheinen Cliſſold's überraſcht aus, und Mrs. Dempſon erwiderte ſeinen Gruß etwas ſteif.Es iſt nicht das angenehmſte Gefühl in der Welt, mit einem Menſchen, der eines Mordes verdächtig iſt, an einem Tiſche zu ſitzen, bemerkte ſie nachher, worauf Juſtina, mit einem plötzlichen Erröthen, zornig erwiderte:Denken Sie, ich würde mit ihm in demſelben Zimmer bleiben, wenn ich dächte, er ſei ſchuldig?

Der Komiker nahm die Sache leichter, als ſeine Gattin.

Nun, Mat, ſagte er,ich dachte ſchon, daß Du nie wiederkommen würdeſt. Ich war unten und hörte die Ver⸗ handlung. Bin erfreut, Sie wieder in Freiheit zu ſehen, Mr. Cliſſold. Eine alberne Geſchichte, Ihre Verhaftung. Ich hörte alle Zeugen. Ich denke, dieſe Detektives aus Spinners⸗ bury machten es ſo heiß. Ich hoffe, die Preſſe wird dieſe Schwätzer charakteriſiren. Gut gemacht, Judy! fuhr er fort, indem er Juſtina freundlich auf die Schulter klopfte;Sie ſprachen vortrefflich. Würden Sie auf der Bühne ſo ſprechen, Sie wären bald die erſte Heldin!

Juſtina ſprach kein Wort, ſondern nahm ruhig ihren Platz am Tiſche ein, wo Mrs. Dempſon den Thee einſchänkte, wäh⸗

rend Mr. Elgood ein ſaftiges Stück Lendenbraten zer⸗ theilte.

Ich war deshalb ſelber beim Fleiſcher, ſagte er.In ſolchen Dingen geht nichts über perſönlichen Einfluß. Der wagt es nicht, mir ein Stück von einer alten Kuh zu geben. Er weiß, daß er es mit einem Manne von Urtheil zu thun hat.Das iſt ein Kapitalochſe, ſagte der Fleiſcher, während er mit dem Meſſer auf dieſes Lendenſtück ſchlug, und ein Ochſe iſt es. Lieben Sie es mit Saft, Mr. Cliſſold?

Es war auch eine Schüſſel dampfender Kartoffeln da und eine andere mit Kopfſalat, welchen grünen Stoff Mrs. Demp⸗ ſon ſo fleißig verzehrte, als ob ſie eine Blutsverwandte von Nabuchodonoſer geweſen wäre.

Niemals hatte Maurice Cliſſold Jemand ſo ſchweigſam und zurückhaltend geſehen, als das bleiche, zarte und traurig blickende Mädchen, welches ihre Freunde Judy nannten. Sie intereſſirte ihn lebhaft und er erwies Mr. Elgood's idealem Rinderbraten nur wenig Gerechtigkeit, während er ſie be⸗ obachtete. Sie ſelbſt kaum etwas; aber die Anderen waren zu ſehr mit ihrer Mahlzeit beſchäftigt, um ſich um irgend etwas zu kümmern, das um ſie her vorging. Sie ſaß bei ihrem Vater und trank ein wenig Thee, blieb meiſt regungslos, mit ihren dunklen, gedankenvollen Augen in die Ferne blickend, wie in eine Welt, welche nicht da war für die Anderen.

Sobald die Qualen des Hungers getilgt und die Freuden der Tafel in einem gewiſſen Maße erſchöpft waren, wurde Mr. Elgood wieder geſprächig. Er gab eine detaillirte Be⸗ ſchreibung des letzten Renntages des Soupers und von Allem, was James Penwyn geſagt oder gethan, inſofern es zu ſeiner Kenntniß gekommen war. Und dann kam es zu einer Diskuſſion darüber, wer die That gethan haben könne.

Sie ſagen, er war den ganzen Abend im Theater, ſagte Maurice.Iſt es möglich, daß ihn irgend einer der Couliſſenſchieber oder ein Arbeiter anderer Art bemerkt und geſehen haben könne, daß ſeine Börſe wohlgefühlt war? Iſt

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