Jahrgang 
1 (1879)
Seite
146
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146 Concordia.

es möglich, daß ein ſolcher ihm aus dem Theater gefolgt? Es war eine ſeiner thörichten Gewohnheiten, viel Geld bei ſich zu tragen zum Beiſpiel zwanzig bis fünfzig Pfund Sterling. Er ſagte, es beläſtige ihn weit mehr, ſich wegen jeder Kleinigkeit hinzuſetzen und eine Geldanweiſung zu ſchrei⸗ ben. Und auf unſerer Reiſe war natürlich baares Geld eine Nothwendigkeit. Denken Sie, daß es Einer von Eueren Leuten geweſen ſein könnte?

Nein, Sir, erwiderte Mr. Elgood.Die Bühne hat zu den Berichten über Verbrechen nichts beigetragen. Von dem höchſten Genius, der jemals das Drama ſchmückte, bis zu dem niedrigſten Funktionär, der bei den Maſchinen be⸗ ſchäftigt iſt, hat es nie ein gemeines Verbrechen gegeben.

Es freut mich, Sie das ſagen zu hören, Mr. Elgood; aber es iſt mir klar, daß dieſes Verbrechen durch irgend Je⸗ mand begangen worden ſein muß, der meinen armen Freund beobachtete und ihm folgte von Jemandem, der genug von ihm kannte, um zu wiſſen, daß er Geld bei ſich hatte.

Das gebe ich zu, Sir, antwortete der Schauſpieler.

Es war nun Zeit für dieſe Thespisjünger, ſich nach dem Theater zu begeben, Juſtina ausgenommen, die in dem erſten Stücke nicht beſchäftigt war. Maurice nahm Notiz von dieſem Umſtande, und nachdem er Mr. Elgood bis zu dem Schau⸗ ſpielhauſe begleitet, ging er zurück nach der Wohnung dieſes Gentlemans, um einige Worte allein mit ſeiner Tochter zu ſprechen.

Er ſchritt unbeanſtandet durch den Laden, wo man ge⸗ wöhnt war, Beſucher der Miethsleute ganz frei ein⸗ und aus⸗ gehen zu laſſen, und ging ruhig die Treppe empor. Die Thür des Wohnzimmers war nur angelehnt. Er ſtieß ſie auf und trat ein.

13. Kapitel. AMeine Liebe, meine Liebe, und keine Liebe für mich.

Juſtina ſtand hinter einem alten Lehnſtuhle und hatte ihr Antlitz auf ein Kiſſen von abgeblaßtem Zitz geſenkt, heftig ſchluchzend ſeltſam verändert gegen das ſchweigſame, un⸗ empfindliche Weſen, von dem Maurice vor etwa zehn Minuten ſich verabſchiedet hatte. Der Anblick ihres Kummers rührte ihn. Was er auch immer bedeuten mochte, dieſer Schmerz war echt.

Verzeihen Sie mir dieſes Eindringen, Miß Elgood, ſagte er ſanft, an der Thür ſtehen bleibend, da er ſie nicht durch eine plötzliche Annäherung beunruhigen wollte.Ich wünſche lebhaft, mit Ihnen allein zu ſprechen, und daher wage ich es, zurückzukehren.

Sie fuhr empor und wiſchte haſtig ihre Thränen ab.

Ich bedauere es, Sie in ſo tiefem Kummer zu ſehen, fuhr Maurice fort.Sie müſſen ein zärtliches Herz haben, das traurige Ende meines armen Freundes ſo tief zu fühlen.

Das bleiche Geſicht röthete ſich, als ob dies ein Vorwurf geweſen wäre.

Ich habe kein Recht, ſo traurig zu ſein, möchte ich ſagen,

ſtammelte Juſtina,aber er war ſo gütig gegen mich gütiger als irgend Jemand zuvor und es iſt hart, daß er

ſo grauſam fortgenommen wurde, gerade als mir das ganze Leben wie neu und verändert erſchien, eben ſeiner Güte wegen.

Armes Kind! Sie müſſen eine dankbare Natur haben.

Ich bin ihm dankbar.

Ich kann es verſtehen, daß Sie gerade jetzt ſeinen Tod fühlen, als wäre er ein perſönlicher Verluſt für Sie, aber das kann nicht lange dauern. Sie hatten ihn eine zu kurze Zeit gekannt. Zugegeben, daß er Sie bewunderte und Ihnen hübſche Komplimente machte und Aufmerkſamkeiten erwies, die Ihnen bei Ihrer Jugend neu geweſen. Hätte er gelebt, um Ihnen morgen Lebewohl zu ſagen und auf ſeinem Wege weiterzugehen, Sie würden ſich ſeiner kaum eine Woche er⸗ innert haben.

Ich würde mein ganzes Leben dafür geben, ſagte Juſtina mit einem Blick, der ihn glauben machte, daß ſie es wahrhaft thun würde.

Wiſſen Sie nicht mehr, als Sie dieſen Nachmittag bei Gericht ausſagten? Nichts, das ein Licht auf ſeinen Tod werfen könnte.

Nichts. Sie ſollten darüber weit mehr wiſſen als ich. Wieſo?. Sie wiſſen Alles, was vor dieſer Zeit vorging ſeine

Umſtände ſeine Genoſſen. Ich lag die ganze Nacht bis zum Morgen wach im Nachdenken darüber, und ich glaube, daß jede Idee durch meinen Kopf ging, die darüber gedacht werden kann. Es muß doch irgend ein Motiv für den Mord dageweſen ſein. d

Das Motiv ſcheint klar genug Straßenraub.

Doch wurde ſeine Uhr in dem Graben gefunden.

Sein Mörder mag natürlich gefürchtet haben, irgend et⸗ was an ſich zu nehmen, das zur Entdeckung führen kann. Sein Geld war fort. 3

Armes Kind, wiederholte Cliſſold, ſeine Hand ſanft auf ihr Haupt legend, wie es ein Prieſter oder Vater gethan haben würde, wobei er das braune weiche Haar in einer wirren Maſſe von der heißen Stirn ſtrich. Arme Kinder, Ihr Beide! Es wäre bei Allem eine thörichte Heirat geweſen, mein theures Mädchen, wenn er gelebt hätte und an ſeinem Entſchluſſe feſtgehalten haben würde. Ungleiche Ehen bringen meiſt Reue und Elend mit ſich. James Penwyn war nicht ein hartarbeitender Wanderer, wie ich, der ich mir mein Weib an jeder nächſtbeſten Wendung des Lebensweges holen darf. Er war der Beſitzer eines großen Grundeigenthums, und das Glück ſeiner Zukunft hing davon ab, eine paſſende Heirat zu machen. Seine Gattin mußte Irgendwer gegweſen ſein, ehe ſie ſeine Gattin wurde. Sie mußte ſich auf ihre eigene Ab⸗ ſtammung beziehen können, ſie mußte etwas haben, deſſen ſie ſich ihrerſeits rühmen konnte, ſodaß ſie, wenn ihre Kinder auf⸗ wuchſen, ihnen Rechenſchaft geben konnte über ihre mütter⸗ lichen Onkel und Tanten. Sie werden mich für weltlich geſinnt halten, armes Kind, aber ich bin nur weltklug. Wäre es eine Frage perſönlichen Verdienſtes, ſo würden Sie gewiß eine der beſten Gattinnen abgegeben haben.

Das Mädchen hörte dieſe lange Rede mit einer zerſtreuten Miene an; ihre thränenvollen Augen waren in's Leere ge⸗ richtet und ihre ruheloſen Hände dicht zuſammengefaltet, als ob ſie durch dieſen muskulöſen Griff ihren Kummer hätte mildern können.

Ich weiß nicht, ob es weiſe oder thöricht war, ſagte ſie, aber ich weiß, daß wir einander liebten.