Concordia.
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„Ich liebte ihn auch, Juſtina,“ ſagte Maurice, unfreiwillig ihren Taufnamen gebrauchend— ſie war nicht eine Perſön⸗ lichkeit, die er Miß Elgood nennen konnte—„ſo ſehr, als ein Mann einen anderen lieben kann. Sie ſehen, ich nehme ſeinen Tod ruhig genug auf, aber ich würde zehn Jahre meines Lebens dafür geben, ſeinen Mörder aufzufinden.“
„Ich würde mich ſeiner erinnert haben all' mein Leben,“ ſagte Juſtina feſt.
„Dann hatte er in dieſen zwei Tagen einen tiefen Ein⸗ druck auf Ihr Gemüth oder Ihre Phantaſie gemacht.“
„Er liebte mich,“ antwortete das Mädchen mit einem kleinen Ausbruch von Leidenſchaft,„und ich gab ihm Liebe für Liebe zurück aus meinem ganzen Herzen und mit all' meiner Kraft, wie man uns ſagt, daß wir Gott lieben ſollen. Warum kommen Sie hierher, um mich um ihn zu quälen? Sie können ihn nichz zum Leben zurückbringen. Gott wird es nicht. Ich würde mein ganzes Leben auf meinen Knieen zubringen, wenn er dadurch wieder erweckt werden könnte, wie Lazarus! Ich meinte, daß ich niemals darüber ſprechen würde. Ich habe es ſogar vor meinem Vater geheim gehalten. Er ſagte mir, daß er mich liebe, daß ich ſeine Gattin werden ſolle und daß wir unſer Leben miteinander zubringen würden. Ver⸗ geſſen Sie nicht, was es heißt, ſo glücklich geweſen zu ſein und nun Alles verloren zu haben!“
„Ich begreife Ihren Schmerz. Doch ſcheint es ſeltſam, daß gerade er unter ſo Vielen auserwählt worden ſein ſollte— daß er das einzige Opfer geweſen— ermordet einiger wenigen Pfunde wegen.“
„So ſchmuzig das Motiv, iſt dies unglücklicherweiſe ein gewöhnliches Motiv von Mord,“ antwortete Maurice.
„Aber könnte nicht irgend Jemand einen ſtärkeren Beweg⸗ grund gehabt haben?“
„Ich kann mir keinen vorſtellen. James hat ſich in ſeinem Leben niemaks einen Feind gemacht.“
„Sind Sie deſſen ganz gewiß?“
„So gewiß, als ich bezüglich irgend etwas bei dieſem jungen Manne geweſen ſein kann, den ich ſo gut kannte, als wenn er mein leiblicher Bruder geweſen wäre,“ antwortete Maurice, der ſich über den ruhigen, klaren Ton des Mäd⸗ chens wunderte. In dieſem Momente ſchien ſie älter, als ihre Jahre— ihm gleich, oder mehr als ihm gleich an Schlauheit und Urtheil.
„Iſt irgend Jemand da, der durch ſeinen Tod weſentlich gewinnt?“ fragte ſie.
Natürlich. Der nächſte Erbe der Beſitzung Penwyn. Für ihn bedeutet James Penwyn's Tod ſtatt einem Leben voll harter Arbeit Reichthum, Ueberfluß und eine glänzende Zu⸗ kunft.“
„Könnte er etwas mit dem Verbrechen zu thun gehabt haben?“
„Er! Churchill Penwyn? Nun, nein; es wäre ebenſo hart, ihn zu verdächtigen, als mich. Churchill Penwyn iſt ein Gentleman und, wie ich glaube, ein Mann von Ehre. Sein Benehmen gegen mich heute zeigte mir ihn als Mann von echtem Gefühl.“
„Ich glaube nicht, daß Gentlemen ſolche Verbrechen be⸗ gehen,“ ſagte Juſtina nachdenklich.„Und wir werden nie⸗ mals wiſſen, wer ihn getödtet. Das ſcheint das Härteſte von
Allem. Dieſes heitere junge Leben wurde genommen, und Der, welcher es nahm, ſoll frei ausgehen.“
Thränen füllten ihre Augen, während ſie ſich von Cliſſold abwendete, beſchämt von ihrem Kummer, Thränen, die ſie im Geheimen reichlich vergoſſen haben würde, wenn ſie an das Schickſal ihres Geliebten gedacht.
Cliſſold verſuchte ſie zu tröſten, verſicherte ſie ſeiner Freundſchaft— ſeiner Hilfe, wenn ſie derſelben nöthig haben ſollte.
„Ich werde mich ſtets für Sie intereſſiren,“ ſagte er.„Ich werde an Sie denken als an die erſte und letzte Liebe meines armen Freundes. Er hatte ſeine thörichten, knabenhaften Liebeleien; aber ich habe Grund zu behaupten, daß er nie zu⸗ vor einer Anderen Herz und Hand als ſeiner Gattin ver⸗ ſprach; er war zu ehrlich und aufrichtig, um ein ſolches An⸗ erbieten zu machen, wenn er es nicht ernſtlich meinte.“
Juſtina richtete einen dankbaren Blick auf ihn. Es war zum erſten Male an dieſem Tage, daß er ihr Geſicht in Ver⸗ gnügen aufleuchten ſah.
„Sie glauben alſo, daß er mich liebte?“ rief ſie eifrig. „Es war nicht nur mein eigener thörichter Traum. Er hat ſich nicht nur“— die nächſten Worte kamen langſam, als ob es ſie verletze, ſie auszuſprechen—„auf meine Koſten amüſirt.“
„Ich zweifle nicht an ſeiner Wahrheit, ich hörte niemals, daß er eine Lüge ausſprach. Ich ſage nicht, daß ſeine Neig⸗ ung immer hätte andauern müſſen— ſie mag zu plötzlich ge⸗ weſen ſein, um für immer anzudauern. Aber gewiß ſprach er in jenem Momente die Wahrheit— und er würde vielleicht ſein Leben unglücklich gemacht haben, um der Liebe eines Tages getreu zu bleiben.“
Diesmal richtete das Mädchen auf ihn.
„Warum ſagen Sie mir, daß er ſich verändert haben müßte, wenn Gott ihn erhalten?“ fragte ſie.„Warum finden Sie es ſo ſchwer, zu denken, daß ſeine Liebe zu mir fortgewährt hätte? Bin ich ein ſo unwürdiges Geſchöpf in Ihren Augen?“
„Ich bin vollſtändig bereit, zu glauben, daß Sie ein ſehr edles Mädchen ſind,“ antwortete Maurice,„würdig eines beſſeren Geliebten, als meines armen Freundes. Aber Sie ſind Miß Elgood vom Stadttheater in Eborsham, er aber war Squire Penwyn von Penwyn. Die Zeit würde dieſe beiden That⸗ ſachen nicht geändert haben, aber ſie konnte ſeine Art, ſie an⸗ zuſehen, ändern.“
„Sagen Sie mir nicht, daß er ſich geändert haben würde,“ rief ſie leidenſchaftlich.„Laſſen Sie mich denken, daß ich Alles verlor— Liebe, Glück, Heimat, Reichthum, Alles, was ein Mädchen je zu gewinnen hoffen kann. Es paßt nicht zu meinem Kummer. Es würde mir meine Liebe nicht nehmen, auch wenn ich müßte, daß er wankelmüthig war und meiner müde geworden ſein würde. Dieſe zwei Tage waren die ein⸗ zigen glücklichen meines Lebens. Sie werden immer unver⸗ ändert vor meinem Geiſte, in meinem Gedächtniſſe ſtehen. Ich werde nie wieder den Sonnenſchein ſehen, ohne zu denken, wie er einſt herabglänzte auf uns Beide bei dem Wettrennen zu Eborsham. Ich werde nie wieder das Mondlicht ſehen, ohne mich zu erinnern, wie wir Seite an Seite ſaßen bei ſeinem Scheine unter der Trauerweide, die ihre Zweige in den Fluß tauchte.“
einen zornigen Blick
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