Jahrgang 
1 (1879)
Seite
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eines jungen Herzens! Ein Luftſchloß, das in ſechs Monaten wie ein Nebel zerfloſſen wäre!

Es werden wieder glückliche Tage kommen, ſagte er ſanft. Sie werden Erfolge auf der Bühne gewinnen. Sie ſind gerade die Art von Mädchen, deren Genius wie durch einen Blitzſchlag erwacht wie durch Inſpiration. Sie werden Erfolge haben, nach und nach Ruhm gewinnen und mit einem traurigen, mitleidigen Lächeln auf die Liebe James Penwyn's zurückblicken, und zu ſich ſelber mit einem bedauern⸗ den Seufzer ſagen:Das war die Jugend! Sie werden eines Dages von einem Manne geliebt werden, der Ihnen beweiſen wird, daß wahre Liebe nicht in einigen Sommerſtunden wächſt.

Ich möchte gern einmal berühmt ſein, antwortete das Mädchen ſtolz,nur um Ihnen zu zeigen, daß ich der Liebe Ihres Freundes würdig geweſen.

Ich fürchte, ich habe Sie durch meine offene Sprache be⸗ leidigt, Miß Elgood, erwiderte Maurice,aber wenn Sie jemals eines Freundes benöthigen und mich mit Ihrem Ver⸗ trauen beehren wollen, ſollen Sie mich deſſelben nicht unwür⸗ dig finden. Ich habe nicht eine ſehr einflußreiche Stellung in der Welt, aber ich bin ein Gentleman durch Geburt und Erziehung und ermangle auch anderer Eigenſchaften nicht, die einem Manne auf dem Lebenswege forthelfen können, ſolcher wie Geduld und Ausdauer, Fleiß und kräftigen Willen. Ich habe die Literatur zu meinem Berufe erwählt; denn dieſe giebt mir ein Privileg, das ich am wenigſten miſſen möchte, die Freiheit. Mein Einkommen iſt glücklicherweiſe groß genug, um mich vom Erwerbe unabhängig zu machen, ſodaß ich mir geſtatten darf, zu ſchreiben, wie der Vogel ſingt ohne meinen Nock nach dem Tuche eines anderen Mannes zu ſchnei⸗ den. Wenn Sie und Ihr Vater jemals in London, Miß Elgood, und geneigt ſind, meine Aufrichtigkeit zu prüfen, ſo werden Sie mich unter dieſer Adreſſe finden.

Er gab Juſtina ſeine Karte: Mr. Maurice Cliſſold, Hogarth Place, Bloomsbury.

Keineswegs eine faſhionable Gegend, ſagte er,aber im Mittelpunkte meines Kreiſes und nahe dem Britiſchen Muſeum, wo ich gewöhnlich meine Morgen zubringe, wenn ich in London bin.

Juſtina nahm die Karte unachtſam genug, nicht als ob ſie die Abſicht habe, Mr. Cliſſold's Freundſchaft in der Zukunft beſonders hoch anzuſchlagen. Er ſah, wie weit ihre Gedanken von ihm entfernt waren und von allen gewöhnlichen Dingen. Sie erhob ſich mit einem überraſchten Blicke, als die Uhr der Kathedrale drei Viertel auf Acht ſchlug.

Ich werde zu ſpät kommen, rief ſie beunruhigt aus;ich vergaß Alles.

Es iſt mein Fehler, Sie aufgehalten zu haben, ſagte Maurice, bekümmert darüber, ihre Beunruhigung zu ſehen. Laſſen Sie mich mit Ihnen nach dem Theater gehen.

Aber ich habe einige Dinge zu tragen, antwortete ſie, haſtig mehrere Putzſachen zuſammenrollend, die auf einem Sei⸗ tentiſche ausgeſtreut lagen Schleier, Bänder, Federn, einen abgenützten Fächer und ein Paar vielgebrauchte Atlasſchuhe.

Ich ſchäme mich nicht, ein Packet zu tragen.

Sie gingen mitſammen fort, Juſtina athemlos, und eilten nach dem Eingange zur Bühne.

Concordia.

Maurice drang durch einige finſtere Gänge und ſtolperte über ein paar halsbrecheriſche Stufen in ſeiner Angſt, zu er⸗ fahren, ob ſeine Gefährtin zurecht komme. Die Muſik ſpielte eben im Zwiſchenakt. Das zweite Stück hatte noch nicht be⸗ gonnen.

Iſt Alles in Ordnung? fragte Maurice, als die leichte Geſtalt, die ihm vorausgeeilt, daran war, hinter einer dunklen Thür zu verſchwinden.

Ja, rief Juſtina;ich trete erſt in der zweiten Szene auf und habe gerade noch Zeit, mich anzukleiden.

Beruhigt taſtete ſich Mr. Cliſſold wieder zurück in's Freie.

Es war ein ſtiller Sommerabend und dieſer Theil der Stadt hatte ein ruhiges, verlaſſenes Ausſehen, wie ein Punkt,

von dem ſich das geſchäftige Leben zurückgezogen. Das Theater ſchuf keinen belebten Kreis und kein Geräuſch in dieſen ent⸗ arteten Tagen, und von außen geſehen, hätte man es irr⸗ thümlich für eine Kapelle halten können. Einige kleine Jungen trieben ſich am Eingange zur Bühne umher, als Mr. Cliſſold heraustrat, und dieſe, bemerkte er, ſahen mit Intereſſe auf ihn und ſprachen von ihm. Er war augenſcheinlich auch dieſen Straßenjungen bekannt als der Mann, der im Verdachte ge⸗ weſen, ſeinen Freund ermordet zu haben.

Er begab ſich nach dem kleinen ruhigen Platze, der ſich vor der Fronte des Theaters befand, zündete ſeine Pfeife an und ging auf dem leeren Trottoir auf und ab, darüber nach denkend, was er mit dem noch übrigen Theile des Abends beginnen ſolle.

Die letzte Nacht hatte er in dem mittelalterlichen Ge⸗ fängniſſe ruhig genug geſchlafen, ermüdet von traurigen Ge⸗ danken. Dieſe Nacht blieb ihm nichts zu thun übrig, als nach demWaſſervogel zurückzugehen, wo ihm die Zimmer wie geſpenſtiſch erſcheinen mußten ſeine Sachen zuſammen⸗ zupacken und ſich zur Rückkehr nach London bereitzumachen. Seine Feſttage waren vorüber, und wie traurig hatten ſie geendet!

Er war James Penwyn ſehr zugethan geweſen. Erſt ietzt, da die Zwei geſchieden waren für immer, wußte er, wie ſtark dieſe Zuneigung geweſen.

Das heitere, junge Antlitz, die friſche, fröhliche Stimme, Alles war dahin.

Ich bin nicht raſch im Freundſchaftmachen, dachte Maurice. Ich habe das Gefühl, als ob ſein Tod mich in der Welt ganz allein gelaſſen hätte.

Sein Leben war ungewöhnlich einſam geweſen, dieſe eine ſtarke Freundſchaft ausgenommen. Er hatte in der Kindheit ſeinen Vater verloren und ſeine Mutter ein paar Jahre ſpäter. Glücklicherweiſe hatte Kapitän Cliſſold, obgleich ein jüngerer Sohn, von ſeiner Mutter eine kleine Beſitzung in Devonſhire geerbt. Dieſe brachte ſeinem verwaiſten Sohne jährlich vier⸗ hundert Pfund ein Einkommen, das ſeine Erziehung zu Eton und Oxford geſtattete und welches ihn durchaus un⸗ abhängig machte, als einen jungen Mann, dem die Idee einer Heirat und der daraus entſtehenden Verpflichtungen ganz fern zu liegen ſchien.

Sein Onkel, Sir Henry Cliſſold, war ein Gentleman von einiger Stellung in der politiſchen Welt, eine hervorragende Perſönlichkeit in ſeiner Grafſchaft, ein Mann, der in un⸗ zähligen Komités Vorſitzender war und niemals einen Augen⸗ blick der Muße hatte. Die Anſchauungen dieſes Mannes be⸗