144 Concordia.
Wand des in Mildenthal's Zimmer ſtehenden Schreibſekretärs vor ſich. Das Räthſel des Diebſtahls war gelöſt: der Dieb hatte vorſichtig die Tapete von der Wand entfernt, die Ziegel gelockert und herausgenommen, ein Loch in das Bret ge⸗ ſchnitten und war ſo von der Rückſeite des Sekretärs, ohne dieſen oder das Zimmer öffnen zu müſſen, zu der Kaſette gelangt, die er aufgeſprengt, beraubt und wieder an ſeinen Ort geſtellt hatte. Die Wiederherſtellung der Oeffnung war eine verhältnißmäßig leichte Arbeit, die meiſte Sorgfalt er⸗ forderte das Aufkleben der losgelöſten Tapete, was dem Diebe aber ganz vortrefflich gelungen war, ſodaß nur ein ge⸗ übtes Auge die Spuren zu erkennen vermochte.
Der Verdacht fiel natürlich augenblicklich auf Veilchenſtein, der während des Diebſtahls allein in ſeinem Zimmer ge⸗ weſen war. Die Polizei, welcher ſofort Anzeige erſtattet wurde, machte zunächſt der Vermietherin und dem Tapezierer ſtrengſte Verſchwiegenheit zur Pflicht und als einige Tage ſpäter Veilchenſtein eintraf, nahm ſie ihn ſofort auf dem Bahnhofe in Empfang. Schreckensbleich und zitternd vernahm der Kaufmann, um was es ſich handle, und die ſo unerwartet über ihn hereingebrochene Kataſtrophe brachte ihn dermaßen außer Faſſung, daß er ein umfaſſendes Geſtändniß ablegte.
Veilchenſtein hatte im Einverſtändniß mit dem ihm be⸗ kannten Jablonski, einem ebenfalls der moſaiſchen Religion angehörenden Makler, gehandelt, nach vollbrachter That hatte er ſeinen Raub in ein Tuch gewickelt und durch das Fenſter dem im Hofe harrenden Komplicen zugeworfen. So kam es, daß bei der Hausſuchung nicht die geringſte Spur des Ver⸗ mißten zu entdecken war. Weder Veilchenſtein noch Jablonski hatten gewagt, die Edelſteine an ihrem Wohnorte, wo man ihre nicht glänzenden Verhältniſſe kannte, zu veräußern, viel⸗ mehr waren ſie übereingekommen, einen entfernten Seeplatz hierzu zu wählen, in der Hoffnung, die geſtohlenen Diamanten würden auf dieſe Weiſe nach überſeeiſchen Ländern gelangen und die Entdeckung des Diebſtahls dadurch erſchwert werden; daß ihr Beauftragter in ſeiner Argloſigkeit mit den Steinen nach Leipzig gehen und durch einen in der Weinlaune ver⸗ übten übermüthigen Streich die Entdeckung herbeiführen würde, konnten ſie natürlich nicht ahnen.
Veilchenſtein erhielt langjährige Zuchthausſtrafe, während ſeinem Socius keine Mitſchuld nachgewieſen werden konnte. Jablonski hatte ſich, als er erfuhr, welche Wendung die An⸗ gelegenheit zu nehmen drohte, rechtzeitg aus dem Staube gemacht und iſt nicht zu erlangen geweſen.
Plandereien.
Die vielfach verbreitete Anſicht, daß nur die Jugend⸗ und Mannesjahre den Vollbeſitz der Kraft und Phantaſie gewähren, die zu künſtleriſchem Schaffen erforderlich ſind, wird durch die That⸗ ſache widerlegt, daß eine große Anzahl hervorragender Meiſter⸗ werke von ihren Schöpfern erſt im höheren Lebensalter vollendet wurden. Sogar das hohe Greiſenalter hat noch künſtleriſche Früchte von höchſter Bedeutung gezeitigt, was freilich nicht mehr als Regel, ſondern als Ausnahme gelten muß. Meyerbeer ſchuf ſeine Oper„Die Afrikanerin“ in ſeinem dreiundſiebenzigſten Lebens⸗ jahre, zugleich das Jahr ſeines Todes. Das mächtige Oratorium Händel's, ſein„Meſſias“, entſtand, als der Meiſter bereits ſieben⸗ undſechszig Jahre zählte, und Haydn ſtand ebenfalls in Mitte der Sechszig, als ſein großes Werk„Die Schöpfung“ vollendet ward. Beethoven’s größtes Werk, ſeine neunte Sinfonie, entſtand im drei⸗ undfünfzigſten Jahre des Komponiſten, und Gluck' Oper„Orpheus und Euridice“, welche eine neue Aera im Gebiete des muſikaliſchen Drama's eröffnete, wurde im zweiundfünfzigſten Jahre des großen Tonmeiſters fertig. Das größte Werk des berühmten engliſchen Dichters Milton, ſein„Verlorenes Paradies“, iſt erſt entſtanden, als der Dichter bereits ſein ſechszigſtes Lebensjahr erreicht hatte. Die Schaffenskraft Goethe's aber war geradezu bewundernswerth, denn er vollendete im zweiundachtzigſten Lebensjahre noch den zweiten Theil des„Fauſt“, nachdem er im ſiebenzigſten den„Weſt⸗ öſtlichen Divan“ geſchrieben hate.„Der Kosmos“, jenes großartige Werk Alexander von Humboldt's, wurde erſt in den achtziger Jahren ſeines Verfaſſers fertig, während deſſen Bruder Wilhelm bis zu ſeinem im neunundſochszigſten Lebensjahre erfolgten Tode hervor⸗ ragend ſchriftſtelleriſch thätig war. In welcher hervorragenden Weiſe der greiſe Feldmarſchall Moltke, der„Denker der Schlachten“, thätig war, iſt in Aller Gedächtniß, ebenſo die geiſtige und körper⸗ liche Friſche, mit welcher Kaiſer Wilhelm ſeine ſchweren Obliegen⸗ heiten erfüllt. 2
Durch ein hübſches Taſchenſpielerkunſtſtückchen wurde der be⸗ kannte Bellachini, Profeſſor der natürlichen Magie, königlich preußiſcher Hofkünſtler. Auf ſein Anſuchen ward ihm einmal vom Kaiſer Wilhelm in Potsdam Audienz gewährt, wobei Bellachini an den Monarchen die Bitte richtete, ihn zum Hofkünſtler zu ernennen. „Wenn Sie etwas Außergewöhnliches leiſten, ſoll Ihr Wunſch er⸗ füllt werden,“ ſagte der Kaiſer und der Künſtler erwiderte:„Ich will Ew. Majeſtät eine Probe meiner Fertigkeit geben, die ich bis⸗ her noch vor Niemandem produzirte. Geruhen Ew. Majeſtät eine von den Federn, die auf Ihrem Schreibtiſche liegen, zu nehmen.“ Der Kaiſer that nach dem Wunſche des Taſchenſpielers.„Ich bitte, die Worte: Bellachini kann nichts! zu ſchreiben.“ Der Monarch tauchte ein, verſuchte, aber die Feder verſagte, nur farbloſe Kritzeln entſtanden auf dem Papier.„Nehmen Ew. Majeſtät eine andere Feder und ſchreiben Sie dieſelben Worte,“ fuhr der Künſtler fort. Aber auch diesmal gab die Feder keine Tinte, obgleich der Kaiſer wiederholt eintauchte.„Nun, dann geruhen Ew. Majeſtät zu ſchreiben: Bellachini iſt Hofkünſtler!“ meinte der Profeſſor endlich. Der Kaiſer ſetzte die Feder an und ſofort gab dieſe Tinte und die gewünſchten Worte ſtanden auf dem Papier.„Mag es nun auch dabei bleiben,“ ſagte der Kaiſer lachend, und Bellachini führte fortan den Titel: königlich preußiſcher Hofkünſtler.—*
Als der berühmte Eiſenbahntechniker Georg Stephenſon einſt einen Bahnzug an ſich vorüberſauſen ſah, ſagte er:„Nicht durch die Kraft des Dampfes wird dieſe Maſchine in Bewegung geſetzt, ſondern durch die Kraft der Sonnenſtrahlen. Dieſe haben den Kohlenſtoff in den Pflanzen fixirt und vor Millionen Jahren die Steinkohlen gebildet.“ So exiſtirt nichts Neues in der Natur und nichts geht in derſelben verloren. Stephenſon nannte daher die Lokomotiven nicht Dampf⸗, ſondern Sonnenroſſe.—
Derontwortlicher Redakteur: Otto Freitag in
Drerden.— Veclaz von 3n
J., Deen.— Druxk vo F W. Gleituer in Dresdeu.


