Concordia. 143
verſchloſſenen Zimmer aufgefunden worden war, um ſo ſicherer mußte trotz der gegentheiligen Behauptungen der Wittwe das Eindringen des Diebes mittelſt Nachſchlüſſels angenommen werden; jede andere Möglichkeit, zu dem Werthſtücke zu gelangen, erſchien ausgeſchloſſen. Die umſichtige Polizei hatte ſich mit der Behörde in Jaſſy in's Vernehmen geſetzt und dieſelbe zur Beobachtung der beiden Kaufleute Veilchenſtein und Kallmann veranlaßt, indeſſen gaben dieſelben keinerlei Gelegenheit zu Mißtrauen oder gar gerichtlichem Einſchreiten.
Eines Tages erhielt Mildenthal eine Vorladung auf das Polizeiamt; ein fremder Kaufmann war wegen Erzeſſes in einer Weinſtube verhafet worden und bei der Durchſuchung ſeiner Kleider fand man einen kleinen Lederbeutel, welcher eine Anzahl Edelſteine enthielt.
„Kennen Sie dieſen Herrn?“ fragte der Beamte den Holländer, auf den aus der Haft vorgeführten Kaufmann deutend.
Der Juwelenhändler verneinte.
„Würden Sie die Ihnen vor Jahresfriſt abhanden ge⸗ kommenen Steine als die Ihrigen zu rekognosziren im Stande ſein, wenn ſie Ihnen vorgelegt würden?“
„Ganz beſtimmt!“ verſicherte Mildenthal.
Der Aſſeſſor legte dem Beſtohlenen den Lederbeutel nebſt Inhalt vor.
„Das ſind meine Diamanten!“ rief Mildenthal, nachdem er einen Blick auf die Edelſteine geworfen hatte.„Das nach dem Verluſte ſofort eingereichte Verzeichniß mit Angabe der Merkmale und des Gewichtes der Steine wird dies beſtätigen. Hier, dieſer blaue Diamant mit den beiden Milchflecken, dieſer kleine waſſerhelle, der große grüne mit den Federwolken, dieſer klare, prachtvoll geſchliffene, der werthvollſte der ganzen Samm⸗ lung— ich erkenne ſie alle wieder, es müſſen, wenn keiner fehlt, zweiundſechszig Stück ſein.“
Er nahm ein Etui mit einer Edelſteinwaage hervor und die Prüfung einiger Steine ergab die genaueſte Ueberein⸗ ſtimmung mit dem bei den Akten befindlichen Verzeichniß.
„Wie ſind dieſe Juwelen in Ihren Beſitz gelangt?“ fragte der Beamte den fremden Kaufmann.
„Sie ſind nicht mein Eigenthum,“ entgegnete dieſer, „ſondern mir nur von einem Geſchäftsfreunde zum Verkauf übergeben worden.“
„Wir haben das höchſte Intereſſe daran, die Perſon dieſes Geſchäftsfreundes näher kennen zu lernen,“ erklärte der Aſſeſſor. „Wollen Sie mir alſo darüber einige möglichſt genaue An⸗ gaben machen?“
„Das vermag ich leider nicht, da mir der Auftraggeber gänzlich unbekannt iſt.“
„Wie ſoll ich das verſtehen? Ihnen gänzlich unbekannt?“
„Eine Warſchauer Firma bezieht ſeit zehn Jahren durch Vermittelung eines Spediteurs Waaren von mir, eigenthüm⸗ licherweiſe aber nie direkt, ſondern trotz der dadurch ver⸗ urſachten Speſen ſtets durch ein Kommiſſionshaus, welches auch die fälligen Zahlungen leiſtet. Durch daſſelbe erhielt ich auch den Auftrag, die Juwelen zu veräußern und den Erlös an den Kommiſſionär zu zahlen.“
„Das iſt eine etwas ungewöhnliche Geſchäftsführung. Fiel Ihnen dieſelbe nicht auf?“
„Ich hatte von dem Diamantendiebſtahl keine Kenntniß
Ihr Geſchäftsfreund iſt
trauen. Das Warſchauer Haus hat die von mir entnommenen Waaren ſtets pünktlich bezahlt und ich halte daſſelbe deshalb für durchaus ſolid.“
„Wie lautet die Firma in Warſchau?“
„Joſef Jablonski und Sohn.“
„Und die des vermittelnden Speditions⸗ und Kommiſſions⸗ geſchäftes?“
„Gebrüder Grantzow in Stettin, wo auch ich mein Domizil habe.“
„Es werden ſich alſo zunächſt weitere Erörterungen nöthig machen,“ ſagte der Beamte,„und ich bedauere, Sie vorläufig in Haft behalten zu müſſen. Die Juwelen,“ ſetzte er, zu Mildenthal gewendet, hinzu,„bleiben vorläufig in unſerer Ver⸗ wahrung, ſie werden Ihnen aber ſeinerzeit natürlich zurück⸗ gegeben werden.“
Erleichtert verließ der Holländer das Zimmer des Aſſeſſors; war auch der Dieb ſelbſt noch keineswegs entdeckt, ſo hatte er doch gegründete Ausſicht, ſein werthvolles Eigenthum zurück⸗ zuerhalten.
Die Nachforſchungen in Stettin und Warſchau ergaben, daß die Firmen Gebrüder Grantzow und Joſef Jablonski und Sohn wirklich exiſtirten und daß beide Handlungshäuſer in Geſchäftsverbindung ſtanden. Auch die Angaben des in⸗ haftirten Kaufmanns betreffs der Diamanten hatten ihre Richtigkeit, ſodaß jeder Verdacht gegen Letzteren ſchwand und derſelbe entlaſſen werden mußte.
Von der Unterſuchungsbehörde war die Vernehmung des Chefs der Firma Jablonski veranlaßt worden; die Ausſagen⸗ deſſelben erſchienen aber nicht geeignet, Licht in dieſe An⸗ gelegenheit zu bringen, vielmehr wurde ſie durch dieſelben nur noch verwickelter. Jablonski erklärte, die Diamanten auf der Meſſe zu Niſchnei⸗Nowgerod, die er regelmäßig beſuche, von einem armeniſchen Kaufmanne, der ſich in Noth befand, für fünftauſend Rubel, alſo bedeutend unter dem Werthe, gekauft zu haben; er ſelbſt befaſſe ſich nicht mit dem Edel⸗ ſteinhandel, aber der in Ausſicht ſtehende bedeutende Gewinn habe ihn veranlaßt, dennoch das Geſchäft mit dem Armenier abzuſchließen. Namen und Domizil des Letzteren vermochte Jablonski nicht anzugeben, die Behörde war alſo außer Stande, weitere Schritte gegen denſelben einzuleiten.—
Es war kurz vor der Michaelismeſſe deſſelben Jahres, als die Wittwe Lorenz ſich genöthigt ſah, eine durchgreifende Renovation ihrer Fremdenzimmer vornehmen, Thüxen und Fenſter mit friſchem Anſtrich und die Wände mit neuer Tapete verſehen zu laſſen. Beim Abreißen der alten Wand⸗ verkleidungen ſiel es dem Tapezierer auf, daß die Ziegel an einer Stelle der Mauer nur loſe, ohne verbindenden Mörtel, aufeinanderlagen. Er machte die Frau auf dieſe Wahr⸗ nehmung aufmerkſam und Beide unterſuchten die Sache nun genauer. Es ergab ſich, daß die Ziegel mit Leichtigkeit herausgenommen werden konnten, die dadurch entſtandene Oeffnung aber war auf der entgegengeſetzten Seite der Wand durch das Rückenbret eines größeren Möbelſtückes verſperrt. Ahnungsvoll, mit zitternden Händen, unterſuchte die Wittwe das Hinderniß; kein Zweifel, mit einem ſcharfen Inſtrumente war aus der Rückwand des Möbels ein viereckiges Stück ausgeſchnitten und wieder eingeſetzt worden. Wie Schuppen fiel es der Vermietherin von den Augen: ſie hatte die hintere


