Jahrgang 
1 (1879)
Seite
142
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142 Concordia.

Sind die beiden Zimmernachbarn zu Hauſe? fragte der Fremde.

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Herr enſtein hat ſei

Mittag ununterbrochen ge⸗ ſchrieben, während ſein Socius Kallmann bereits gegen neun Uhr früh ausgegangen und noch nicht wieder zurückgekehrt iſt. Sie glauben doch nicht, Herr Mildenthal

Ich habe gegen Niemanden Verdacht, aber irgendwo müſſen die Steine doch ſein, unterbrach ſie der Juwelenhändler, indem er auf's Neue zu ſuchen begann. Mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit, aber ohne ihren Standpunkt an der Thür zu verlaſſen, folgte Frau Lorenz ſeinen Bewegungen, aber ihre Hoffnung, das Etui zum Vorſcheine kommen zu ſehen, erfüllte ſich nicht. Mit einem tiefen Seufzer ließ Mildenthal die Arme ſinken und lehnte ſich in den Seſſel zurück.

In einer Viertelſtunde bin ich wieder hier, erklärte die Frau, indem ſie die Thürklinke faßte.Bitte, öffnen Sie, Herr Mildenthal, wenn Jemand klingeln ſollte.

Sie ging, und der Holländer hörte gleich darauf, daß ſie die Vorſaalthür öffnete und ſorgfältig wieder verſchloß.

Nach kaum zwanzig Minuten kehrte ſie in Begleitung von zwei Kriminalbeamten zurück. Der Juwelenhändler erzählte ihnen auf Befragen, daß er gegen zwei Uhr Nachmittags aus⸗ gegangen um einige Geſchäftswege zu beſorgen. Er habe, wie er dies ſtets thue, die Etuis, in denen die Edelſteine ent⸗ halten waren, in die eiſerne Kaſette gelegt, dieſe verſchloſſen und ſie dann in den Schreibſekretär, deſſen Schlüſſel er zu ſich ſteckte, geſtellt. Auch die Stubenthür ſei von ihm, wie er beſtimmt wiſſe, verſchloſſen worden, den Schlüſſel habe er eben⸗ falls mit ſich genommen. Letzteres beſtätigte auch Frau Lorenz.

Und Sie fanden die Stubenthür und den Sekretär nach Ihrer Rückk uft offen⸗ fragte der Beamte.

Keins von Beiden, erwiderte Mildenthal, die im Sekretär ſtehende Kaſette.

Das iſt höchſt ſeltſam! ſagte nachdenklich der Mann des Geſetzes. Kaſette fehlte nichts als das Etui mit den Diamanten?

Dieb iſt ein Kenner von Edelſteinen geweſen. Die weniger werthvollen ließ er unangerührt, während er die Diamanten, welche allein einen höheren Werth beſitzen als die übrigen Steine zuſammen, an ſich nahm. Ich bin ein ruinirter Mann! fügte der Beſtohlene jammernd hinzu.

Wie buc ſchätzen Sie den Verluſt?

Zwanzig⸗ bis fünfundz zwanzig tauſend Gulden holländiſch. Genau läßt ſich dies bei dieſem Artikel nicht angeben. Eine Ver unnrihurg wie der Dieb zur Kaſette gelangt iſt, ohne die Zimmerthür und den Sekretär zu öffnen, haben Si nicht? Es iſt doch wohl keine andere Möglichkeit denkbar, als daß Letzteres durch Nachſchlüſſel bewirkt wurde.

Das iſt ganz unmöglich! rief die Wittwe Lorenz da⸗

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zwiſchen,ich hätte das unter allen Umſtänden bemerken müſſen, da ich die Wohnung während der ganzen Zeit mit keinem Fuße verlaſſen habe⸗

Wie ich ſehe, hat auch das Zimmer nur dieſe eine Thür, ein Eindringen aus den Nachbarſtuben iſt alſo ebenfalls aus⸗ ge ſchloſſen. Ich ſtehe hier vor einem Räthſel! äußerte der

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Beamte kopfſchüt indem er ſich aufmerkſam im Zimmer h. Aengſ tlich, als erwarte ſie einen entſcheidenden Aus⸗

1 8 7 pruch, folgte die Vermietherin ſeinen Blicken.

Ein nochmaliges Durchſuchen Ihres Zimmers halten Sie für überflüſſiig? fragte der Mann der Behörde nach einer Pauſe, zu Mildenthal gewendet.

Es wäre vergebliche Mühe, da ich ſelbſt die Stube auf's Genaueſte durchſucht habe, erklärte der Edelſteinhändler.

Dann wollen wir wenigſtens, um nichts verſäumt zu

haben, die übrigen Wohnungsräume einer Reviſion unter⸗ ziehen. Führen Sie mich in das Zimmer der beiden anderen

Meßfremden, Frau Lorenz.

Herr Veilchenſtein ſchaute verwundert von ſeinem Arbeits⸗ tiſche auf, als die Logiswirthin mit zwei fremden Männern und dem ihm wohlbekannten Stubennachbar Mildenthal herein⸗ trat. Mit kurzen Worten erklärte der Beamte den Zweck ihres Beſuchs und die Nothwendigkeit, eine Durchſuchung des Zimmers vornehmen zu müſſen.

Sie dürfen dieſe Maßregel nicht als die Folge eines gegen Sie vorliegenden Verdachtes auffaſſen, fügte er hinzu, ein ſolcher exiſtirt nicht. Aber der Zufall ſpielt oft ſonder⸗ bar, und es iſt unſere Pflicht, jede Möglichkeit in's Auge zu faſſen, welche auf eine Spur zur Entdeckung des Diebes führen könnte.

Der Jude erhob ſich und mit der Ruhe und Sicherheit des guten Gewiſſens erwiderte er:

Es iſt blos in der Ordnung, wenn Sie Ihre Schuldigkeit thun; dies Zimmer ſteht zu Ihrer Verfügung.

Er nahm eine Anzahl Schlüſſel aus der Taſche und ſteckte die paſſenden an die Kaſten des Sekretärs, ſowie an zwei in der Ecke ſtehende Reiſekoffer. Wie zu erwarten ſtand, war die Ausſuchung vergeblich, denn trotz der genaueſten Reviſion, die ſich ſogar auf das Bett, den Ofen und die geſammten Kleider des Bewohners erſtreckte, fand ſich nicht das geringſte Verdächtige. Ebenſo erfolglos war die Durchſuchung der übrigen von der Wittwe Lorenz ſelbſt benutzten Räume der Wohnung.

Unverrichteter Sache, ohne den geringſten Anhalt gefunden zu haben, verließen die Beamten die Wohnung.

Zwei Tage darauf überbrachte ein Mann dem Juwelen⸗ händler ein Etui von ſchwarzem Leder, das in goldenen Lettern die Aufſchrift trug: A. Mildenthal aus Amſterdam. Der Fremde hatte das Käſtchen in den Anlagen an der Parkſtraße zufällig im Gebüſch gefunden und mit Leichtigkeit den Eigen⸗ thümer ermittelt, da der Name angegeben war. Aber das Etui war leer, die Edelſteine verſchwunden; der Dieb hatte ſich nur eines möglichen Verräthers entledigen wollen.

Ein Jahr war vergangen; wieder war die Meſſe gekommen und wieder hatten die drei Abmiether der Wittwe Lorenz ihre alten Zimmer bezogen. Mildenthal war ein reicher Mann; ſo empfindlich ihn auch der Verluſt der Diamanten getroffen hatte, ſein Geſchäft erlitt dadurch keine Störung. Nach wie vor bewohnte er nun ſeit fünfzehn Jahren das kleine Hinter⸗ ſtübchen auf dem Brühl; ſeine Kundſchaft ſuchte ihn dort auf und Niemanden befremdete das beſcheidene Quartier, man wußte, daß in der Meßlage jeder Raum ſo vortheilhaft als möglich ausgenutzt wird.

Von dem geſtohlenen Gute hatte die Polizei nicht die geringſte Spur zu entdecken vermocht, und weder von dem Diebe noch den Diamanten war auch nur die leiſeſte Fährte zu bemerken geweſen. So wunderbar es erſchien, daß die Kaſette geöffnet und beraubt im verſchloſſenen Sekretär und