Jahrgang 
1 (1879)
Seite
141
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Concordia.

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Frida ſtand im neunzehnten Jahre. Sie war eine blühende ſchöne Jungfrau, auf welche das Dichterwort:

Den Himmel in das Herz geborgen Und lieblich wie ein Maienmorgen

trefflich paßte. Doch nicht nur ihre äußere Schönheit war es, durch welche ſie allgemein geliebt wurde, ſondern nament⸗ lich ihr edles, kindlich frommes, theilnehmendes Gemüth, durch welches ſie ſich die Liebe und Verehrung Aller, die ſie kannten, erworben hatte.

Faſt war es ein Räthſel, wie Frida in der Umgebung ihres Vaters und ihres egoiſtiſchen, ja bisweilen rückſichtsloſen Bruders dieſe Tugenden ſich erwerben und erhalten konnte. Ihre Mutter war zeitig geſtorben und der Vater hatte geglaubt, für ſeine Kinder genug zu thun, wenn er ihnen tüchtige Lehrer gab. Daß das Herz der Pflege und Sorgfalt auch bedarf, daran hatte er nicht gedacht.

(Fortſetzung folgt.)

Das Juwelenkäſtchen.

Kriminalgeſchichte von Moritz Lilie.

In der alten Meß⸗ und Handelsſtadt Leipzig herrſchte be⸗ wegtes Leben; die Vorwoche der Oſtermeſſe hatte begonnen und Kaufleute aus aller Herren Länder waren gekommen, um ihre Waaren an den Mann zu bringen oder ihre heimiſchen Lager mit neuen Vorräthen zu verſehen. In den Hauptſtraßen der Stadt wogte das Menſchengewühl auf und ab; ernſte Armenier mit gelbem Teint und großen Schnurrbärten, die hageren Glieder trotz der Wärme in Pelze gehüllt, ſchritten gravitätiſch einher, Griechen mit der farbigen, tief auf dem Hinterhaupt ſitzenden nationalen Mütze drängten ſich zwiſchen eifrig geſtikulirenden, lebhaft ſchwatzenden Juden hin⸗ durch, deren lange Kaftane und hohe Cylinderhüte faſt aus⸗ nahmslos ziemlich bejahrt erſchienen, wohlbeleibte Türken mit dem rothen Fez auf dem Kopfe, phlegmatiſche Yankee's, die Hände in den Taſchen, bewegliche Franzoſen, blonde Skandi⸗ navier, dazwiſchen ein treuherziger Tiroler Teppichhändler, ein wollköpfiger Aethiopier und Deutſche aller Dialektſchattirungen, das war das große Völkerſtelldichein, das alljährlich mehrere Male in der berühmten mitteldeutſchen Handelsmetropole ſtattfindet.

Am lebhafteſten ging es in der großen Verkehrsader,der Brühl genannt, zu. Hier ſind die Magazine der großen Rauchwaarenhandlungen, hier haben die bedeutenden Kom⸗ miſſions⸗ und Speditionshäuſer ihre Geſchäftsräume und hier liegen während der Meſſen oft in kleinen, unſcheinbaren Hin⸗ terzimmern ungeheure Schätze an Juwelen und Perlen auf⸗ geſpeichert. Der Brühl iſt auch der Hauptſammelpunkt der ruſſiſchen, polniſchen und rumäniſchen Juden, die hier, auf dem Trottoir entlang ſpazierend und von Zeit zu Zeit ſtehen bleibend, um das Notizbuch hervorzuziehen, ihre Geſchäfte abwickeln.

In dem Seitengebäude eines jener großen Hausgrundſtücke, die auf der Rückſeite an die mit dem Brühl parallel laufende Parkſtraße ſtoßen, wohnte in dritter Etage die Wittwe Lorenz, die, wie ſo viele Leipziger Einwohner, einen großen Theil ihres Unterhaltes durch Meßvermiethungen erwarb. Die geſammte kleine, aus zwei Zimmern und einigen Kammern beſtehende Wohnung hatte ſie an Fremde abgetreten, während ſie ſelbſt ſich mit dem Aufenthalte in der engen, dunklen Küche begnügte. Das eine dieſer Zimmer bewohnten zwei Jaſſyer Juden, die andere Stube dagegen hatte der Edelſteinhändler Mildenthal aus Amſterdam inne.

Frau Lorenz ſaß auf dem Nande ihres in der Küche auf⸗ geſchlagenen Bettes, mit einer Näharbeit beſchäftigt die

Stühle waren ſämmtlich den Abmiethern zur Benutzung über⸗ laſſen worden als in dem Zimmer des Juwelenhändlers die Klingel lebhaft und anhaltend ertönte. Erſchrocken ſprang die Vermietherin auf, um dem Rufe zu folgen und ſich nach den Wünſchen ihres Meßfremden zu erkundigen.

Ein ſeltſamer Anblick bot ſich ihr beim Eintritt in's Zim⸗ mer; Mildenthal ſaß am Schreibſekretär, mit fieberhafter Haſt die geöffneten Käſten durchſuchend. Am Boden lagen eine Menge Papiere zerſtreut umher und auf dem Tiſche ſtand eine eiſerne Kaſette inmitten einer Anzahl kleiner ſchwarzer Käſtchen, die zum Theil offen waren und ihren funkelnden, in Edel⸗ ſteinen beſtehenden Inhalt ſehen ließen.

Mir fehlt ein Etui mit meinen koſtbarſten geſchliffenen Diamanten, ſchrie der Juwelenhändler ſeiner Logiswirthin entgegen,es iſt mir geſtohlen, mein halbes Vermögen iſt ver⸗ loren!

Frau Lorenz vermochte vor Schreck den Fuß nicht von der Stelle zu rühren; Mildenthal war kaum zwei Stunden fort⸗ geweſen und während dieſer Zeit hatte Niemand die Stube des Fremden betreten. Die Vorſaalthür wurde ſtets verſchloſſen gehalten, wer herein wollte, mußte den Klingelzug in Ve⸗ wegung ſetzen, worauf die Inhaberin der Wohnung von innen öffnete. Niemand außer einem hauſirenden Apfelſinenhändler, den die Wittwe abfertigte, ohne daß derſelbe die Schwelle überſchritten hätte, war ſeit einigen Stunden dageweſen und um ſo räthſelhafter mußte daher das Verſchwinden des Werth⸗ ſtückes ſein.

Sie werden ſich irren, Herr Mildenthal, brachte die Logiswirthin endlich mühſam hervor,die Diamanten finden ſich gewiß noch, es iſt unmöglich, daß ſie geſtohlen ſind!

Es iſt kein Fleckchen mehr im Zimmer, das ich nicht durchſucht hätte, jammerte der Holländer,die Steine ſind nicht zu finden.

Die Wittwe wagte ſich im Zimmer nicht weiter vor, der Anblick der auf dem Tiſche ausgebreiteten Schätze verurſachte ihr ein unbehagliches Gefühl, das durch die Mittheilung ihres Abmiethers noch erhöht wurde. Sie zitterte vor dem Ge⸗ danken, daß ſo ein einziges Steinchen verloren gehen und ſich der Verdacht wohl gar auf ſie lenken könne.

Ich werde die Polizei von dem Verluſte in Kenntniß ſetzen, ſagte die reſolute Frau.Wenn das Etui vor Ihrem Weggange noch dageweſen iſt, muß es ſich auch jetzt noch in der Wohnung befinden, es hat außer Ihnen dieſelbe kein Menſch verlaſſen.