Jahrgang 
1 (1879)
Seite
140
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Concordia.

Ich bin aber nicht für die Strenge. Gelindigkeit und Milde iſt Gott angenehm. Durch den leiblichen lieben Bruder beſchämt, ſo ſtrafe ich. Ich will der Langmuth Gottes nicht vorgreifen; bin nur ein ſchwacher Menſch, aber ein ehrlicher Deutſcher. Freilich eine Hausſuchung nach ſtaats⸗ gefährlichen Schriften muß ich bei ihm vornehmen laſſen und doch das Weitere wird ſich finden. Sie dürfen ver⸗ ſichert ſein, daß ich in Ihrem Intereſſe ſo ſchonend als mög⸗ lich verfahre.

Ich geſtehe, daß mich die Sache ungemein aufregt und daß ich an die Schuld meines Bruders kaum glauben kann.

Das macht Ihrem Herzen Ehre! Gott ſegne Ihr Bruder⸗ herz und beſſere den verſtockten Sünder Edgar. Aber da ſehen Sie, wie die ſogenannten Moraliſten ſind. Aeußerlich ziehen ſie mit glatten Worten den Pöbel an ſich, innerlich ſind es die ſchwarzen Lachen des böſen Feindes! Gehen Sie mit meinem Sohne in ſein Zimmer und heute Mittag ſind Sie unſer Gaſt!

Kopfſchüttelnd verließ Arthur mit dem Hofrath das Zim⸗ mer; wohl leuchtete in ihm eine Ahnung auf, daß es mit ſeinem Bruder eine andere Bewandtniß haben könne, aber noch zu ſehr hielt ihn der Bann der Schurken umſchlungen, noch zu viel ſchenkte er den gleißneriſchen Freundſchaftsverſicherungen Glauben, als daß er ſich ſelbſt Licht in dieſer Sache verſchafft hätte.

Der Geheimrath ging, nachdem er allein war, heftig im Zimmer auf und ab. Er mußte Jemanden haben, an dem er ſeinen Aerger auslaſſen konnte, und dazu ſchien ihm Nie⸗ mand geeigneter als ſein Sekretär, der, im Nebenzimmer ſitzend, ohnedies Zeuge der Unterredung geweſen war. Ein Druck auf die Glocke rief den Helfershelfer herbei.

Nun, was ſagen Sie? redete er den Sekretär an.

Der Sekretär zuckte bedenklich die Achſeln und entgegnete:

Die Sache ſteht ſehr ſchlimm!

Der Kerl muß auf die Feſtung! Ein allerhöchſter Kabinets⸗ befehl muß ihn fortſchaffen!

Wenn damit nur geholfen iſt.

Dort mag er die Gefangenwärter aufklären.

Das wäre vielleicht am allerſchlimmſten!

Was iſt das! brauſte der Geheimrath auf,will man witzig ſein? das laſſe man bleiben!

Unſere Lage iſt eine äußerſt bedenkliche, Herr Geheim⸗ rath! Elsner's Schickſal rührt, an Walther wird man eben⸗ falls Antheil nehmen und man ſpricht bereits ſehr laut über uns!

Mag man ſprechen! Elsner iſt ein Bettler. Für ſolche Menſchen wird anfangs geweint und bezahlt; allmälig aber ennuyirt ein Bettler und bald iſt er zuwider. Wenn der Phantaſt Walther heimlich verſchwindet, ſo ſchweigen die Furchtſamen und die Schreier reden im Stillen.

Aber der alte Onkel?

Was?

Die Figur, die man bisweilen Abends geſehen haben will, ſoll dem Signalement, das Sie mir gegeben, durchaus ähnlich ſein!

Tod und Teufel! knirſchte der Geheimrath.

Deshalb

Aber warum ſuchen Sie den Mann nicht auf?

Man findet ihn nirgends.

Ach, Sie ſind ein erbärmliches Subjekt! Ich will noch einmal mit dem Polizeikommiſſar Röthing ſprechen. Mit Ihnen iſt nichts anzufangen.

Aber Herr Geheimrath! ſprach der Sekretär erſtaunt.

Stillgeſchwiegen! donnerte er,Sie ſind ein einfältiges Subjekt, das jederzeit omina und periculosa erblickt, aber nie⸗ mals einen Ausweg findet. Sie ſind nicht für das Große gemacht, ſondern nur als Thürſteher zu gebrauchen. Einen kleinen Landdienſt mögen Sie allenfalls ausfüllen können, da gehen Sie hin. Ihren Gehalt will ich Ihnen voll aus⸗ zahlen, aber Sie gehen mir ſofort aus den Augen!

Der Sekretär ſtand wie angewurzelt, und nach einer Pauſe, während deren der Geheimrath heftigen Schrittes auf⸗ und ab⸗ gegangen war, ſprach der Sekretär:

War das Ihr Ernſt, Herr Geheimrath?

Gewiß! entgegnete dieſer heftig,ich ſcherze nie mit einem Dummkopfe!

Aber bedenken Sie

Der Geheimrath ſtampfte mit dem Fuße und rief in höchſter Wuth:

Was ich ſage, iſt bedacht! Er griff in den Geldkaſten, nahm einige Geldſcheine heraus, und ſie dem Sekretär hin⸗ werfend, rief er:

Hier haben Sie Ihr Geld, und ſind Sie in zwei Stunden nicht aus meinem Hauſe, ſo laſſe ich Sie auf die Straße werfen Sie elender Stümper!

Er verließ raſch das Zimmer und ſchlug die Thür heftig zu.

Der Sekretär ſchien einen wichtigen Entſchluß zu faſſen nachdenklich ſtützte er den Kopf auf die Hand, und nachdem er einige Augenblicke ſo geſtanden, ließ er die Hand ſinken und richtete ſich hoch auf.

Wie ſagt doch der Moor in Schiller'sFiesco?Der Moor hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Moor kann gehen! Nun denn, auch ich gehe! Aber beim Teufel, ich will auch handeln wie jener Moor!

7. Kapitel. Gewagtes Spiel.

Der Geheimrath von Salfeld ſaß arbeitend in ſeinem Zimmer. Auf ſeiner Stirn ſtanden dichte Schweißtropfen und ſein Geſicht drückte die höchſte Erregung aus. Er bereute jetzt bitter, den Sekretär, ſeinen Helfershelfer, ſo plötzlich entlaſſen zu haben. Immer hatte er gehofft, daß dieſer ihn bitten würde, bleiben zu können, allein er hatte den Befehl faſt buchſtäblich ausgeführt und bereits ſeit einigen Stunden das Haus verlaſſen. Jetzt erſt dachte er darüber nach, welch' furchtbare Waffen ſein Sekretär gegen ihn beſaß! Und der Gedanke, daß dieſer im Fall einer Denunziation auch auf ſein eigenes Haupt eine Strafe herabbeſchwor, konnte ihm nur wenig Beruhigung geben.

Ein leiſes Klopfen an der Thür ſtörte ihn aus ſeinen Betrachtungen und auf ſeinen Ruf trat Frida, ſeine Tochter, ein.

Beim Anblick des ſchönen Mädchens runzelte ſich die Stirn des Geheimrathes und mit mürriſcher Stimme fragte er:

Was willſt Du hier? Habe ich nicht befohlen, daß mich Niemand hier ſtören ſoll?

Das Mädchen neigte das Haupt und ſchwieg.

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