üt
ihm zur Vertheidigung aufgefordert ward. Ich ſchwöre Ihnen
—
Concordia. 139
bei Gott, Elsner ward übermenſchlich gereizt!“
„Hinter die Menſchheit verkriegt ſich jetzt Alles— er konnte ſich ja beklagen— dagegen proteſtiren.“
„Wohl. Er hat gefehlt; unterſuchen Sie und ſtrafen Sie, wie es das Geſetz erfordert.— Nur ſeien Sie menſchlich! Nur richten Sie nicht die ganze Familie zu Grunde.“
Jetzt warf ſich auch Agnes dem Geheimrathe auf's Neue zu Füßen und rief:
„Ich umfaſſe Ihre Kniee!— Seien Sie menſchlich, er⸗ barmen Sie ſich!— Das ganze Glück unſeres Hauſes wird
ja von Ihnen vernichtet, ſei es, nur retten Sie meinen Vater!“
„Sehen Sie hin, Herr Geheimrath,“ fügte Edgar bei, „mit Todesangſt umfaßt ſie Ihre Kniee—“
„Herr Walther, miſchen Sie ſich nicht in fremde Angelegen⸗ heiten!“ unterbrach ihn der Geheimrath kalt.
„Fremd?“ fragte Edgar,„der Vater des Mädchens iſt mein Vormund, er iſt ein redlicher, ehrlicher Mann und ich rede als Sohn für ihn. Ich warne Sie, Chikane und Un⸗ menſchlichkeit fortzuſetzen!“
„Und ich warne Sie, dieſe Sprache fortzuſetzen, Herr Walther,“ entgegnete der Geheimrath ſcharf,„denn meine Ge⸗ duld iſt erſchöpft.“
„Dennoch müſſen Sie die Sprache hören!“ fuhr Edgar entſchieden fort.„Lange genug jammern die Redlichen unter dem Drucke Ihrer gemißbrauchten Gewalt! Aber bei dem ewigen Gott! die Unſchuldigen ſollen ihren Sprecher finden!“
„Und der wäre?“ fragte teufliſch lächelnd der Geheimrath.
„Ich!“
„Sie? So, ſo!“
Moch einmal, wollen Sie mildern oder nicht?— Ich ver⸗ ſpreche Ihnen eidlich Verſchwiegenheit— wollen Sie Elsner zurückgeben?“
„Muß ich antworten?“ fragte er kalt.
„Wahrhaftig, Sie müſſen!“
„Nun, ſo gehen Sie nach Hauſe, erwarten Sie den Aus⸗ gang und halten Sie ſich hübſch ſtill, denn ſonſt könnten Sie Herrn Elsner Geſellſchaft leiſten müſſen.“
„Gut denn, jetzt ſchlägt die Stunde meiner Beſtimmung!“ rief er heftig.„Breche, was brechen kann!— Sie geſtürzt, oder ich in's Geſängniß!— Sie entlarvt, zur ſchmählichſten Schande entlarvt, oder ich als bübiſcher Pasquillant an den Pranger!“
„Das kann Ihnen werden, Sie wahnſinniger Thor!“
„Sei es! Aus mir ſpricht die gute Sache! Das An⸗ denken an das Elend meines alten Onkels Blumau nährt mein Feuer!— Ich habe vollſtändige Beweiſe Ihrer Hand⸗ lungsweiſe; zugleich mit dem Elend der Patrioten, dem Ge⸗ ſchrei der unterdrücken Waiſen, will ich ſie dem Fürſten vor Augen legen!“
„Geh' hin, Schwärmer!“ höhnte der Geheimrath.
Vergebens waren die Bitten Agnes' an Edgar, ſich zu mäßigen, vergebens ſtellte ſie ihm vor, daß ſeine Heftigkeit den Geheimrath nur noch mehr erbittere und die Lage des Vaters verſchlimmere; er fuhr wie vorher fort:
„Zu verlieren iſt jetzt nichts mehr— zu gewinnen Alles!“
Auf ſein Bitten verließ Agnes, nachdem ſie wiederholt vergebens um Rückgabe des Vaters gefleht, das Zimmer; kaum aber hatte ſie ſich entfernt, ſo begann der Geheimrath:
„Nun, Weltenbezwinger!— Sie haben die Maske ab⸗ gelegt, ich will es auch.— Thor, Ihre Kräfte reichen nicht zu, einen Gran von meiner Macht zu nehmen, und ein Gran iſt hinreichend, um Sie zu verderben! Verſuchen Sie, was Ihre pöbelhafte Modefrechheit ausrichten wird.“
„Das werde ich!“ entgegnete Edgar feſt.„Der Fürſt kommt heute zurück, er iſt der Vater ſeines Landes, er iſt ein edler Menſch! Er ſoll mich hören! Was ſchützt Euch bei Euerem Raube, als die ſchwache Kette des Ceremoniels!— Ich breche ſie, ſo wahr ein Gott über mir lebt! Als freier Bürger trage ich dem Fürſten die Sprache des Landes vor—“
„Sie vergeſſen,“ unterbrach ihn kalt der Geheimrath,„daß ich die Brücke bin, auf welcher Sie zu dem Fürſten gelangen können, indeſſen Sie werden, ehe Sie dahin gelangen, den Hals brechen!“
„Gewiß nicht! Ich gehe jetzt! Aber das ſchwöre ich Ihnen zu, in kurzer Zeit rufen Sie Wehe über ſich ſelbſt und Ihr Haus!“
Er ſtürzte hinaus.
Der Geheimrath ſchien einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt zu kämpfen; endlich blieb er ſtehen, griff zur Glocke und befahl dem eintretenden Diener:
„Edgar Walther, der eben mein Zimmer verließ, iſt ſogleich zurückzubringen!“
Indeſſen es war zu ſpät. verlaſſen.
„Warten Sie!“ rief er dem Diener zu, der ihm dieſe Meldung brachte.
Raſch ſetzte er ſich an den Tiſch, ſchrieb einige Zeilen, und nachdem er ſie verſiegelt, ſprach er:
„Dies zu dem Kammerdiener Sr. Durchlaucht des Fürſten! Aber ſchnell!“.
Der Diener verneigte ſich und ging.—
Bald darauf traten Arthur Walther und der Hofrath ein.
„Nun, was wollte mein Bruder?“ fragte der Erſtere.
Wieder nahm der Geheimrath die Maske der Heuchelei vor, als er entgegnete:
„Welch' ein Böſewicht! er führte Klage gegen Sie; er ver⸗ langte, daß die Klauſel in Ihrem Teſtamente durchgeſetzt und er zum Adminiſtrator Ihres Vermögens ernannt werde.“
„Was?“ rief Arthur erſchrocken,„das hat er gewagt?“
„Leider! Wohin geräth doch der Menſch in ſeiner Leiden⸗ ſchaft!“ ſetzte er ſalbungsvoll hinzu.—„Uebrigens muß ich Ihnen ſagen, lieber Herr Walther, daß Ihr Bruder ein dem Staate äußerſt gefährlicher Menſch iſt.“
„Wie? Mein Bruder?“
„Gewiß! Man hat ſchon lange ein Auge auf ihn. Ihnen zu Gefallen aber wollen wir die Sache erſticken und machen, daß es in aller Stille ausgehe. Wenn man ihn unbemerkt wegſchaffen kann, ſo ſollen Sie ihm zu der Zeit verkünden, daß man ihn um Ihretwillen ſchone.“
„Wenn er ſchuldig iſt, ſo iſt das ſehr gütig!“
„Schuldig, mehr als ich Ihnen ſagen mag. Langes, langes Gefängniß—“
„Mein Gott!“ rief Arthur.
Edgar hatte das Haus bereits
18*


