138
Concordia.
für die gemißhandelte Menſchheit zu bitten. Beide, mein Onkel und mein Vormund, leiden furchtbar unter dem un⸗ gerechten Drucke dieſes Mannes, und ach— werde ich helfen können?“
In dieſem Augenblicke trat der Geheimrath ein; ihm folgte mit teufliſchem Lächeln ſein Sohn.
„Willkommen, Herr Walther!“ begann der Geheimrath. „Eine recht ſeltene Ehre, Sie in meinem Hauſe zu ſehen. — Franz, Stühle!“
„Herr Geheimrath, ich wünſchte Sie auf einige Minuten allein zu ſprechen.“
„Nach Belieben!— Laß uns allein, Franz!“
Kaum hatte der Hofrath ſich entfernt, ſo begann der Ge⸗ heimrath:
„Nun ſind wir allein; was wünſchen Sie?“
„Ich bitte, daß Sie einen ehrlichen Mann vom Verderben retten, Herr Geheimrath!“
„Wie ſo?— Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte er, ſich verwundert ſtellend.
„Ich rede von meinem Vormund, dem Kaufmann Elsner.“
„So?— Von dem?“
„Für ihn bitte ich und will, was Sie thun, als eine Gnade anſehen!“
„Ja, Sie ſagten: vom Verderben retten! Wie ſo das?“
„Von ſchrecklichem Verderben, von Verzweiflung, worin ihn buchſtäbliche Anwendung der Geſetze unvermeidlich ſtürzen muß. Einige Rückſicht auf den redlichen Mann und auf ſeinen makel⸗ loſen Lebenswandel kann ihn, ohne der Gerechtigkeit Einhalt zu thun, retten.“
„Lieber Herr Walther, die Gerechtigkeit muß ihren Weg gehen—“
„Das ſoll ſie— darum bitte ich. Als Richter, als Günſt⸗ ling des Fürſten bitte ich Sie, verhindern Sie, daß dem ehr⸗ lichen Manne nicht Unrecht geſchieht.“
„Sie ſind ein braver, junger Mann, wie ich ſehe, von den edelſten, recht chriſtlichen Geſinnungen— indeſſen ich kann von meiner Pflicht nicht abweichen— im gegenwärtigen Falle iſt das ohne Wiſſen der Obervormundſchaft ausgeliehene große Kapital dem Herrn Elsner nicht nur als ein peccatum omissionis, ſondern auch als ein peccatum commissionis zu imputiren.“
„Das Trenkler'ſche Haus war das beſte in der Stadt—“
„Hat aber doch fallirt—“ ergänzte er boshaft lächelnd.
„Elsner hat durch Bürgſchaft den Schaden geſichert.“
„An dieſe Bürgſchaft hält man ſich eben jetzt.“
„Gut! So ſtellen Sie das weitere Verfahren gegen Elsner ein, geben Sie ihm die Freiheit.“
„Er iſt nicht allein deshalb gefänglich eingezogen worden, obwohl man der vormundſchaftlichen Verwaltung auch nach⸗ ſehen muß— es iſt auch kein gerichtliches Inventarium bei dem Tode Ihres Vaters gemacht worden.“
„Mein Vater hat ihn dazu bevollmächtigt.“
„Dieſe Vollmacht iſt ex testamento nicht zu erſehen— eine ſonſtige Schrift aber nicht vorhanden.“
„Aber es klagt doch Niemand von den Erben gegen Herrn Elsner.“
„O, ja— allerdings.“
„Wer?“
„Ihr Herr Bruder.“
Edgar's Wangen wechſelten raſch vom dunkelſten Roth bis zur Leichenbläſſe die Farbe. 2
„Mein Bruder?“ fragte er mit bebender Stimme.
„Gewiß.“
„Nein!— Nein, es iſt nicht möglich!“
„Laut eigener Unterſchrift!“ verſetzte der Geheimrath mit Hohn.
„Gut!“ ſprach Edgar gefaßt.„Sie können doch Alles ein⸗ ſtellen— Verſiegelung und Arreſt—“
„Weshalb?“
„Ich bürge mit meinem Vermögen für ihn.“
„Sehr löblich und chriſtlich,“ entgegnete der Geheimrath, „aber es geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Sie ſind ſelbſt noch nicht mündig, können ſelbſt bei Elsner's Verwaltung gelitten haben, und die Obrigkeit, als von Gott den Waiſen gegebener Vater, muß auch Ihre Sache unter Aufſicht nehmen.“
Edgar ſtand wie angewurzelt. Seine Lippen bebten und mit erzwungener Faſſung ſprach er:
„So vergönnen Sie wenigſtens dem ehrlichen Bürger die Friſt, die man ſelbſt Denen vergönnt, welche den Staat und den Fürſten betrogen haben—“
„Hat man Andere günſtig behandelt, ſo iſt das höchſt un⸗ gerecht und wird auf geſchehene Denunziation gebührend be⸗ ſtraft werden. Aber hier läßt ſich nichts thun.— Ein Glück wird es für ihn ſein, wenn man ihn nicht noch wegen ganz anderer Dinge zur Verantwortung zieht.“
„Herr Geheimrath!“ rief jetzt Edgar erregt,„Sie ſind alſo entſchloſſen, auf dieſem Wege gegen Herrn Elsner fortzugehen?“
„Auf dem Wege der Gerechtigkeit— ja.“
„Sie begehen eine Ungerechtigkeit!“
„Ungerechtigkeit?“ fragte erſtaunt und ergrimmt zugleich der Geheimrath.„Junger Menſch, gehen Sie nach Hauſe, Sie ſind krank!“
„Keinen Spott, Herr Geheimrath— ich warne Sie— noch iſt es Zeit.“ 3
Der Geheimrath zog hämiſch lächelnd die Doſe hervor, und nachdem er mit ſcheinbarer Ruhe geſchnupft, begann er:
„So— hm— wann iſts denn nicht mehr Zeit?“
„Sobald ich unſeren Fürſten geſprochen habe, Herr Ge⸗ heimrath!“ verſetzte er faſt drohend.
Der Geheimrath wollte eben antworten, als Agnes, Els⸗ ner's Tochter, eintrat.
Noch ehe Edgar es vorhindern konnte, ſtürzte ſie dem Ge⸗
heimrathe zu Füßen und rief:
„Gnade, Barmherzigkeit für meinen Vater!“
Den aber rührte der mit thränenerſtickter Stimme ge⸗ ſprochene Ruf nicht; kalt fragte er:
„Wer ſind Sie und was wollen Sie?“
„Ich bin die Tochter des unglücklichen Elsner— o, geben Sie uns den Vater wieder.— Wir wollen gleich fort aus der Stadt— ich weiß, daß Sie uns nicht leiden können— wir wollen gewiß gleich fort; nur geben Sie uns den Vater wieder!“
„Ich kann es nicht!— Er hat eine obrigkeitliche Perſon in Ausführung der Dienſtpflicht gemißhandelt!“
„Ich war Zeuge des Vorfalles!“ rief Edgar aus,„Zeuge, daß man ihn widerrechtlich beſchimpfte, daß die Menſchheit in


