Jahrgang 
1 (1879)
Seite
137
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Concordia. 137

Fleming's Kind ſich ſchon ſo feſt bei ihm eingeniſtet, daß uur ihre Gegenwart im Hauſe ſchon ein Bedingniß ſeines Glücks geworden war? Bei dem Gedanken hieran beſchloß er, ſich von Petronel zu trennen, und ſo freiwillig das zu thun, wozu er vielleicht ſpäter durch die Verhältniſſe gezwungen werden könnte.

Sobald er zum Entſchluß gekommen war, ſtand die Sache als dringend nothwendig feſt bei ihm.

Du haſt vollkommen recht, Bertram! Eine Penſion iſt für Petronel das Beſte. Ich habe mein Wort verpfändet, für ihr Wohl und Glück zu ſorgen, und ſie hier zu behalten, würde für Beide, für ſie und für meine Schweſter, ungerecht ſein, es würde fortwährend Zank und Unfrieden geben.

Du mußt auch gegen Deine Schweſter gerecht ſein! fügte Bertram hinzu.

Ja, das ſehe ich ein, es wäre undankbar von mir, wenn ich auf ſie keine Rückſicht nehmen wollte. Bei dieſer Gelegen⸗ heit freilich iſt ſie vollſtändig aus der Rolle gefallen und hat ſich unliebenswürdig benommen. Ich kann es aber einmal nicht ertragen, wenn das Kind geſchmäht und ſchlecht behandelt wird! Das muß anders werden!

Ich erzählte Dir früherhin ſchon einmal von der Penſion in Antwerpen, in der meine Schweſtern ſind, ſagte Bertram.

Das iſt mir entfallen, doch theile mir Näheres da⸗ rüber mit.

Ich glaube, dort würde Miß Fleming gut aufgehoben ſein. Jeſſie und Ellen, die faſt in demſelben Alter ſind, fühlen ſich dort ſehr glücklich, und meine Mutter hält viel auf die ganze Anſtalt.

Antwerpen iſt nur etwas fern von hier, ſagte Ulih; er hatte eigentlich nur an eine Penſion in Rockborough gedacht, hier hätte er Petronel ganz nach Gefallen ſehen können. Als er ſich jedoch bei dieſer Schwäche erwiſchte, faßte er den Be⸗

ſchluß, ſich für Antwerpen zu entſcheiden, ſobald er die Zu⸗ ſicherung bekäme, daß das Kind dort gut aufgehoben ſei.

Es iſt in einem Tage zu erreichen, unſeren Mädchen geht es dort ſehr gut; mein Vater bringt ſie an Bord des Dampf⸗ ſchiffes an der Katharinen⸗Werfte und jenſeits des Kanals nimmt ſie Jemand von dem Lehrerperſonal in Empfang. Auf dieſe Weiſe richten alle Kinder ihre Hin⸗ und Her⸗ reiſen ein.

Ich möchte hierüber nur noch die Anſicht Deiner Mutter, auf die ich als Dame von Anſtand und Bildung viel gebe, einholen; ihr Urtheil ſoll entſcheiden, ich werde ſofort an ſie ſchreiben. Meine Schweſter und ich wiſſen nicht mit Kindern umzugehen, fügte er ſeufzend hinzu,wir kennen weder ihre Weiſe, noch ihre Bedürfniſſe; ich hätte mich eigentlich nie da⸗ mit befaſſen ſollen!

So darfſt Du nicht denken; wenn ſo etwas nicht gleich im Anfang gut ausfällt, iſt damit nicht geſagt, daß es mit der Zeit nicht beſſer gehen wird. Soviel iſt klar, Miß Fleming iſt ein ſelten aufgewecktes Mädchen, und eine un⸗ richtige Behandlung könnte ihr beſonders ſchädlich werden. Ihr fehlt der Verkehr mit Altersgenoſſinnen, den kannſt Du ihr in einer Penſion leichter ſchaffen, als hier im Hauſe. Wenn ſie erwachſen und ihre Ausbildung vollendet iſt, iſt ſie der ſpeziellen Kontrole von Miß Ford entwachſen, und Du wirſt ſehen, daß die Beiden ſich dann gut zuſammen ver⸗ tragen.

Das iſt noch lange hin! bemerkte Ford.

Das ſagſt Du wohl, doch Du wirſt ſehen, daß es früher kommt, als Du denkſt, die Mädchen ſind heutzutage früh er⸗ wachſen, in drei oder vier Jahren iſt Miß Fleming ſchon eine junge Dame.

(Fortſetzung folgt.)

Furchtlos und treu.

Roman. (Fortſetzung.)

Ja natürlich! entgegnete etwas zerſtreut der Hofrath.

Dann ging er in das Arbeitszimmer ſeines Vaters und kehrte bald darauf mit der Weiſung zurück, den Beſuch herauf⸗ zuführen.

Du, Arthur, gehſt inzwiſchen in mein Zimmer. Mein Vater hält ſeinen Beſuch für eine Interceſſionsviſite; wenn wir nur Zeit gewinnen, ſo iſt in der Sache bereits das Ge⸗ hörige gethan.

Arthur verließ das Zimmer, und bald darauf trat Edgar ein. Der Sekretär hatte nicht zu viel geſagt; er ſah blaß und verſtört aus und ſeine Züge trugen Zeichen ſichtlicher Erregt⸗ heit. Im Zimmer angelangt, ging er, ohne von dem Hofrath Notiz zu nehmen, heftigen Schrittes auf und ab.

Dringende Geſchäfte verhindern meinen Vater, die Ehre Ihres Beſuchs gleich anzunehmen, Herr Walther; er wird in⸗ deß eilen, Sie zu ſprechen.

Wie lange glauben Sie, daß dieſe Geſchäfte dauern werden, Herr Hofrath?

Nicht lange, denke ich; nehmen Sie nur Platz, Herr

Walther die Verbindung, worin Sie mit unſerem Hauſe kommen werden

Verbindung? Wie ſo? fragte Edgar raſch.

Nun, durch die Heirat meiner Schweſter mit Ihrem Herrn Bruder

So? Ich habe davon nichts gewußt.

Wirklich?

Doch es wird ſpät! fuhr er, nach der Uhr ſehend, fort,

Glauben Sie, daß der Herr Geheimrath noch lange bleiben

wird?

Nein, er muß gleich hier ſein. Meine Geſellſchaft ſcheint Ihnen nicht angenehm zu ſein, und deshalb will ich meinen Vater nochmals von Ihrer Eilfertigkeit benachrichtigen.

Er ging mit einer hämiſchen Verbeugung, die Edgar jedoch im Auf⸗ und Abgehen nicht bemerkt hatte, nach dem Zimmer ſeines Vaters.

Kaum war Edgar allein, ſo murmelte er:

Gott! gieb mir Mäßigung, kaltes Blut! Hier in dieſem Zimmer habe ich als Kind für die Freiheit meines guten Onkels gebeten jetzt bin ich ein Mann und habe wieder

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