136
Concordia.
litten! Miß Penfold kann Dir erzählen, was ich Alles durch⸗ gemacht, keine Mutter hätte beſſer für Petronel's Kleidung und Eſſen, für ihre Ausbildung und alles Sonſtige ſorgen können, wie ich es gethan, und dafür keinen Dank— weder von ihr noch von Dir!— Das muß mich ja auf's Schmerz⸗ lichſte betrüben!“
„Wofür rechneteſt Du auf Dank von Petronel? Dafür etwa, daß Du ihr ihre Familien⸗Verhältniſſe vorhielteſt, die Irrthümer der Verſtorbenen auf ihr Haupt wälzteſt und ihr klar zu machen ſuchteſt, daß ſie keinen Anſpruch hätte auf meinen Schutz und Deine Großmuth?“
Auf dieſe Anklagen, die ihr mit der Strenge eines ver⸗ urtheilenden Richters vorgehalten wurden, wußte Miß Ford nicht anders als mit Thränen zu antworten.
„Ach,“ rief ſie dann ſchluchzend aus,„nun es ſoweit ge⸗ kommen iſt, wäre es das Beſte, wenn ich dieſes Haus ver⸗ ließe— jetzt gleich, wenn Du es wünſcheſt! In meinem guten Glauben hoffte ich immer, es würde Alles gut werden, aber vergebens! Ich hätte einſehen müſſen, daß das Mädchen mir Deine Liebe rauben und meinen Platz erobern würde. Sie iſt Dir Alles, und ich, die ich treu und gewiſſenhaft zwölf Jahre hindurch Deinen Haushalt geführt und weder Mühe noch Arbeit geſcheut, wenn es galt, Alles nach Deinem Wunſch einzurichten— ich bin Dir Nichts! Das Beſte, was ich thun kann, Ulih, iſt, daß ich reiſe.“
Alle dieſe Worte unberückſichtigt laſſend, zog er an der Glocke und befahl, das Eſſen zu ſerviren.
„Ein Wort noch!“ ſagte er, als kein Diener zugegen war. „War Miß Penfold Zeugin der entwürdigenden Szene, die dieſen Nachmittag zwiſchen Dir und Petronel vorfiel?“
„Ja, gewiß!“ murmelte ſie, indem ſie ſich die Augen trock⸗ nete und ſich zum Eſſen rüſtete.
„Und ſie blieb ganz ruhig und verſuchte nicht, Dich zur Vernunft zu bringen?“
„Glaubſt Du denn, Ulih, daß ſie das wagen würde?“
„Auch nicht, wenn ſie anſehen mußte, daß Du das arme Kind abohrfeigteſt?“
Bei dieſer Frage erröthete Miß Ford, ſuchte ſich aber zu faſſen und ſagte:„Das hätte mich doch erſtaunen ſollen, wenn ſie oder ſonſt Jemand mich daran hätte hindern wollen!“
„Nun gut!“ ſagte er ſorglos,„dann ſage Miß Penfold morgen, wenn ſie wiederkommt, eine Empfehlung von mir, und zugleich, daß hier fortan ihre Dienſte überflüſſig ſeien.“
„Miß Penfold ſoll entlaſſen werden, Ulih? Dann müſſen wir ihr ja aber den Lohn für das ganze Vierteljahr zahlen, und ich ſehe gar keinen Grund dazu!“
„Mir ſcheint Grund genug dazu vorzuliegen. Ich enga⸗ girte ſie, um hier verſchiedene Pflichten zu übernehmen; dieſes hat ſie nicht gethan, und ich habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Was ihren Lohn anbetrifft, ſo magſt Du ihr den meinet⸗ wegen gern für ein ganzes Jahr auszahlen, ihre Stellung aber behält ſie hier keinen Tag länger.“
„Da hat Rockborough wieder eine herrliche Gelegenheit, über Dein Benehmen zu ſprechen!“ ſagte Miß Ford zitternd vor Unmuth.„Ich bin nur begierig, zu hören, was Du mit dem Mädchen anzufangen gedenkſt, wenn Miß Penfold fort iſt.“
„Das laß unbedingt meine Sorge ſein!“ erwiderte Ulih ruhig.„Doch nun zu Tiſch und zu einem anderen Kapitel, hiervon hat der arme Bertram ſchon genug hören müſſen!“
Dann ſetzte er ſich zu Tiſch und plauderte mit ſeinem Freunde ſo unbefangen wie gewöhnlich, fragte nach dem Be⸗ finden ſeines Viehſtandes, nach dem Garten in Oxley und kramte alle möglichen Neuigkeiten von Rockborough aus, Alles mit ſo lebendigem Intereſſe, daß jeder Uneingeweihte hätte glauben können, die Ereigniſſe von vorhin ſeien gänzlich ſeinem Gedächtniß entſchwunden. Erſterer fühlte die tiefe Verſtimmung aus dieſem anſcheinend heiteren Weſen nur zu deutlich heraus und Letztere wußte, daß es ihm Ernſt war mit dem vorhin Geſagten und daß bei ihm den Worten ſtets bald die That folgte. Miß Penfold's Schickſal war beſiegelt, ſelten nur zog ihr Bruder ſein Wort zurück, und mit Zittern und Zagen dachte ſie an das, was ihr ſelbſt noch bevorſtand.— Sie war ſo einfältig und engherzig, daß ſie nicht werth war, ſeine Schweſter zu heißen!
Gleich nach beendeter Mahlzeit erhob ſie ſich, um das Zimmer zu verlaſſen. Doktor Ford war gerade in eifrigſter Unterhaltung mit ſeinem Freunde, doch es entging ihm nichts, und ſein Geſpräch abbrechend, wandte er ſich zur Schweſter und fragte ruhig:
„Wohin wollteſt Du, Marcia?“
„Nur nach dem Vorzimmer, um meine Arbeit zu holen.“
„Gut! Ich darf aber bitten, nicht nach Petronel's Stube zu gehen, das Kind iſt heute genug gequält und muß Ruhe haben, um die Folgen der Aufregungen zu verſchlafen.“
Nach Miß Ford's Fortgehen ließen die beiden Freunde das Kapitel ihrer vorherigen Unterhaltung wie auf Ver⸗ abredung fallen und ſaßen ſich ſchweigend und nicht eben ge⸗ müthlich gegenüber.
Nach einer Weile rief Ulih Ford, mißmuthig ſein Glas bei Seite ſchiebend, aus:„Bertram, das geht hier nicht länger ſo, das Kind hat keine frohe Stunde, und ich glaube, Marcia geht es nicht beſſer! Da muß eine Aenderung getroffen werden!“ 3
„Mir ſcheint auch nicht, daß die Beiden harmoniren; Miß Ford iſt offenbar ſehr alterirt durch die heutige Ge⸗ ſchichte.“
„Es fragt ſich nur, welche Aenderung zu treffen iſt,“ fuhr der Doktor fort;„eine größere Wohnung würde nichts beſſern, denn auch darin würde es nicht zu verhindern ſein, daß meine Schweſter mit ihr in Berührung käme.“
„Nein, offenbar nicht. Doch warum ſchickſt Du das Kind nicht zur Schule?“
„Wie meinſt Du das? Ich ſollte das Kind von Hauſe geben, nach einer Erziehungsanſtalt?“
„Ja wohl, mir ſcheint dieſes das Beſte. Ihr fehlt jetzt Bildung und Zerſtreuung, und nach einigen Jahren, davon bin ich überzeugt, wird ſie mit Deiner Schweſter im beſten Einver⸗ ſtändniß leben.“
Ulih ſprang auf und ging ſinnend im Zimmer auf und ab.
„Daran habe ich bis jetzt noch nicht gedacht! Petronel von Hauſe geben?“
Hierin hatte er recht; und jetzt eben, wie dieſe Idee bei ihm angeregt wurde, fühlte er, wi ſein Herz zuſammen⸗ zog und wie unruhig er wurde. War es möglich, daß Ciſſy
Ich ſollte


