Jahrgang 
1 (1879)
Seite
135
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Concordia. 185

dann ſchwieg ich, ſah ihn an und ſah, daß er tief davon er⸗ griffen wurde.

Willſt Du Dich ausziehen und ruhig zu Bett gehen? fragte er dann ruhig,in einer halben Stunde bin ich wieder bei Dir.

Ja, gern! erwiderte ich; wie hätte ich auch zaudern können, wenn er es verlangte!

Er ging fort nach ſeinem Ankleidezimmer, ich bereitete mich zum Schlafengehen vor und freute mich, allein bleiben zu dürfen und zur Ruhe zu kommen. Nach all' den Aufregungen war ich matt und fühlte mich ſchwächer, als je zuvor. Bei ſeiner Rückkehr hielt er ein Glas perlenden Weines in der Hand.

Trink' dieſes und nachher Dein Mittageſſen, das ich Dir heraufſchicken werde, und dann lege Dich zum Schlafen.

Dann brauche ich aber doch heute Niemanden mehr zu ſehen? fragte ich ängſtlich.

Niemand, nur das Mädchen! Und, Petronel, vergiß nicht, was Andere Dir auch vorreden mögen hier hielt er einen Augenblick inneNiemand in der weiten Welt hat ſo begründete Anſprüche auf Dich, wie ich. Ich habe Dich aufgenommen, Du biſt mein liebes, theures Kind! Sieh' Du mich an wie Deinen Vater. Jetzt denke nicht mehr an Alles das, was Dir heute paſſirt iſt. Verſuche zu ſchlafen, dann wirſt Du ruhiger werden, morgen früh komme ich wieder zu Dir!

Mit dieſen Worten verließ er mich. Das Glas Wein und die Verſicherungen ſeiner Liebe übten einen ſo magiſchen Ein⸗ fluß auf mich aus, daß ich einſchlief, bevor noch mein Eſſen gebracht war.

9. Kapitel. Doktor Jord beſchließt, ſich von

Nichts auf der weiten Welt iſt für einen edlen, hoch⸗ herzigen Mann ſchwerer zu ertragen verſtimmt ihn mehr, als wenn er es erleben muß, daß ein weibliches Weſen ſeinen kleinlichen Groll gegen ein anderes ausläßt; ihm erſcheint eine ſolche Handlungsweiſe unbegreiflich, und er kann ſie mit ſeinen Anſichten über Ehre und Menſchenwürde nicht in Einklang bringen. Allerdings findet man auch Männer, die ſich ſo weit herabwürdigen, daß ſie durch ihre Launen und Leidenſchaften Frauen oder Familien geißeln und unglücklich machen; glück⸗ licherweiſe jedoch giebt es deren nur wenige, und wo man ihnen begegnet, charakteriſirt man ſie, indem man ſagt, ihr Benehmen ſei das eines Weibes.

Dem Manne gegenüber kann das Weib treu und ſelbſt⸗ verleugnend bis zum Aeußerſten ſein, ſo wie aber eine Rivalin auftritt, weicht der gute Genius. Eiferſucht wohnt einmal in den Herzen der meiſten Weiber; ſie iſt ihnen angeboren, auch die Bevorzugteſten ſind nur ſelten frei davon. Bei den engherzigen Frauen aber äußert ſie ſich nur in Handlungen niederer Art. Der Mann kann toben und raſen, kann hart und ungerecht ſein, doch in dem Wettkampfe, in dem es gilt, den härteſten Stein beharrlich durch Tropfen auszuhöhlen, da iſt es ſicherlich dem Weibe vorbehalten, die Siegespalme zu

erringen. Von Anfang an ſt tor Ford ein, daß ſein Schützling

ſeiner Schweſter ein Dorn im Auge war. doch bis zu dem

vetronel zu trennen.

Abend hatte er keine Ahnung davon, daß dieſe es wagen könnte, ſich ſo weit zu vergeſſen. Da der Krankheitsfall in Fairley Down ſich günſtiger geſtaltete, als er nach den Aus⸗ ſagen des Boten erwarten durfte, ſo konnte er noch vor dem Eſſen wieder zu Hauſe ſein; ſeine erſte Frage dort betraf Petronel, deren lächelndesGute Nacht vom Morgen ihm den ganzen Tag in den Ohren geklungen, und für die er auf der Rückkehr auch noch ein Spielzeug gekauft hatte. Er ſand ſeine Schweſter in Geſellſchaft von Bertram, der von Orley zum Eſſen herübergekommen war, wie er es oft that. Bei ſeiner unerwarteten Rückkehr und bei der Frage nach Petronel wurde Marcia ſichtlich verlegen. Anfänglich verſuchte ſie aus⸗ weichende Antworten zu geben, als er jedoch näher in ſie drang, erzählte ſie mit kurzen Worten das Vorgefallene, denn ſie wußte ja doch, daß Petronel ſich weigern würde, zu kommen. Selbſtverſtändlich übertrieb ſie gewaltig die Schuld des Kindes und ſuchte ſich möglichſt weißzubrennen. Doch damit be⸗ ruhigte ſich Ulih nicht, ſondern brach ſofort auf, um die Sache nach allein Seiten hin zu unterſuchen, und kehrte nach wenigen Minuten wieder in's Speiſezimmer zurück. Was er gehört hatte, verſtimmte ihn tief.

Seine Autorität im eigenen Hauſe hatte man völlig für Nichts geachtet; er war nicht der Mann, dieſes ruhig mit anzuſehen. Miß Ford fühlte das wohl, und da ſie nicht wußte, wie weit Petronel's Mittheilungen gehen würden, war ſie gleich nach ſeinem Fortgehen in keiner beneidenswerthen Stimmung.

Als er die Treppe wieder herunterkam, hörte er, wie ſie in erregtem und ärgerlichem Tone zu Bertram ſagte:

Es iſt wirklich unerträglich, Herr Bertram. Mit dem Erſcheinen des Kindes iſt Ruhe und Frieden aus dieſem Hauſe verſchwunden. Sie iſt ſo unruhig und unſtät und dabei im⸗ pertinent und ungehorſam, und doch wird Alles, was ſie thut, gutgeheißen; man darf ihr niche ſagen und ſie nie ſtrafen. Seit faſt zwölf Jahren halte ich jetzt bei meinem Bruder Haus, und nie ſind ſo viele unnütze Worte gefallen, wie in dieſen vier Wochen Alles nur wegen dieſes Fleming'ſchen Mädchens, ein Ding, ſo dumm und unmanierlich, wie ich nie eins geſehen! Ich fühle ſchon, es iſt Zeit für mich, dieſes Haus zu verlaſſen, denn unmöglich ertrage ich es länger, daß ſie die Königin ſpielt. Iſt es denn auszuhalten, wenn man erleben muß, da alle Unarten des Kindes nachgeſehen werden? Ich kann es mir nicht anders erklären, als daß Ulih den Ver⸗ ſtand verloren hat. Ich wünſchte, das Kind läge bei ſeiner Mutter, ehe er Da plötzlich ſtockte Miß Ford und barg das Geſicht in ihre Hände ſie ſah den Bruder in der Thür.

Fahr' fort! ſagte dieſer ruhig, mit zuſammengepreßten Lippen,laß Dich nicht unterbrechen!

Doch Miß Marcia räusperte ſich verlegen und ſchwieg, Bertram wurde es etwas unheimlich zu Muthe, er ſah voraus, daß er Zeuge einer ſehr unerquicklichen Szene werden würde, und wünſchte in dieſem Augenblick nichts ſehnlicher, als daß der Schornſtein Feuer finge.

Warum ſtockſt Du? fuhr Ulih fort.

Ich ſagte weiter nichts, lispelte ſeine Schweſter,als daß Du unmöglich ſo Partei gegen mich nehmen⸗ könnteſt, wie es nun doch der Fall zu ſein ſcheint. Hätteſt Du nur eine Ahnung davon, wie ich unter der Heftigkeit des Kindes ge⸗