Jahrgang 
1 (1879)
Seite
134
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Concordia.

Wie ſo denn? fragte ich erſtaunt,Vetter Ulih hat genau ſo zu mir geſprochen, ich ſage nur die Wahrheit!

Ich glaube es nicht und will es nicht glauben! keuchte Miß Ford unter Thränen hervor.Mein Bruder, der ſtets voll Rückſichten gegen mich iſt, ſagte mir von alledem nichts; nun ſoll er ſich dieſem Kinde anvertraut haben und davon⸗ gegangen ſein. Das iſt unmöglich!

Dabei fiel ſie wieder in ihr Schluchzen.

Nein, ich halte es auch nicht für möglich! ſtimmte ihr Echo bei.Wie wäre es denkbar? Es kann nicht wahr ſein, Miß Fleming muß ihren Vetter mißverſtanden haben!

Daß man abermals meine richtige Auffaſſung und meine Wahrheitsliebe in Zweifel ſtellte, konnte ich nicht ruhig hin⸗ nehmen, und ſagte mit feſter Stimme:

Was ich geſagt, iſt wahr. Fragt nur den Vetter ſelbſt. Ich weiß ſogar, daß der Ort, wohin er ging, Fairley Down hieß!

Du boshaftes, liebloſes Weſen richteſt nichts als Unheil an. Warum gingſt Du in das Berathungszimmer, trotzdem, daß es Dir ein⸗ für allemal verboten iſt?

Wenn ich hineingerufen wurde, durfte ich es thun.

Ich verbiete Dir, in dieſem Tone mit mir zu ſprechen! Du durfteſt überhaupt nicht vor der Thüre lauſchen.

Das that ich gar nicht!

Da ſpricht ſie wieder die Unwahrheit! rief Couſine Marcia, indem ſie mit ihren ſpitzen Fingern auf mich zeigte. Miß Penfold, dafür verdoppeln Sie morgen ihre Stunden.

Ich lüge nicht, ſagte ich, erröthend ob dieſer An⸗ ſchuldigung;Du beſchuldigſt mich deſſen ſo oft und mit Unrecht, Couſine Marcia! Mama ſagte immer, ich ſei wahr⸗ heitsliebend und

Sprich mir nicht von Deiner Mama! fiel ſie mir in's Wort,die hat uns in ih Leben Kummer genug gemacht, und Du ſcheinſt auf de n Wege zu ſein, ihrem Bei ſpiel zu folgen. Ich wünſche, ihren Namen nie wieder zu hören!

Kummer, ſagſt Du? fragte ich.

Einem Kinde wie Dir werde ich wohlweislich nicht ſo⸗ fort von all' der Schande erzählen, die ſie ihrer Familie gemacht, ſagte ſie.

Da aber unterbrach ich ſie, denn ich hatte ſchon genug ertragen, und als man es wagte, die Ehre meiner Mutter anzugreifen, war meine Geduld vollends erſchöpft. Leiden⸗ ſchaftlich und mit dem Fuße ſtampfend, rief ich aus:

Wie wagſt Du es, ſo etwas gegen meine Mama zu äußern? Das kann und werde ich nicht dulden, ich ſage es dem Vetter, ſobald er heimkehrt. Nie hat der meine Mama geſchmäht!

Miß Ford ſah wohl ein, daß ſie zu weit gegangen ſei, erwiderte daher einlenkend:

Das habe ich auch nicht gethan, Du dummes Mädchen hörſt immer falſch.

Allerdings thateſt Du es, oder deuteteſt es doch an, was daſſelbe iſt, fuhr ich heftig fort.O, Mama war eine ganz andere Dame wie Du, ſowohl in ihrem Aeußeren, wie von Gemüth; ſo hart wie Du iſt ſie nie gegen mich geweſen, Du raubſt mir ja jede Freude des Lebens. Sie war mir über Alles theuer, Dich aber haſſe ich, und zwar täglich und ſtündlich

Wie ſoll ich das verſtehen?

mehr, und ſobald nur der Vetter zurückkehrt, werde ich ihm Alles ſagen!

Nach dieſen Worten ſtürzte Miß Ford auf mich zu und gab mir Ohrfeigen rechts und links. Infolge deſſen floh ich hinauf nach meiner Stube, ſchloß mich dort ein und ver⸗ weigerte hartnäckig jedes Oeffnen.

Bis zur Eſſenszeit waren es noch mehrere Stunden, doch wären es auch Wochen geweſen, ich hätte geduldig ausgeharrt; der Entſchluß ſtand feſt in mir, der Couſine, die das Andenken meiner Mama ſo geſchmäht hatte, freiwillig nicht wieder vor Augen zu treten. Mein Stolz war zu tief gekränkt, nicht durch die Ohrfeigen, denn deren hatte ich ſchon mehrere be⸗ kommen, ſondern durch die Art und Weiſe, wie ich überhaupt behandelt wurde, und durch die Aeußerung, daß ich im Hauſe nur wie eine Laſt angeſehen würde. Dennoch aber fühlte ich mich vollkommen machtlos; Andere hatten über meine Exiſtenz verfügt und ich mußte mich darein ergeben.

Längere Zeit lag ich auf meinem Bett, barg mein Geſicht in die Kiſſen und rief laut nach der Mama, daß ſie zu mir kommen und mir beiſtehen möchte, und als ich mich von der Unmöglichkeit der Erfüllung dieſer meiner Bitte überzeugt, ſehnte ich mich hin nach dem Kirchhofe in Saltpoal und brach in Thränen aus.

Miß Penfold ſtand an der Thür und bat mich, zu öffnen, ſie ſagte, ich ſollte artig ſein und herunterkommen, und Alles ſollte vergeben und vergeſſen ſein. Ich aber nahm keine Notiz davon. Etwas ſpäter hörte ich die harte Stimme der Couſine, die mir befahl, den Unſinn aufzugeben und heraus⸗ zukommen, doch um ſo mehr verſchloß ich mit den Händen meine Ohren und ſteckte den Kopf in die Kiſſen. Eine Stunde oder länger mochte darüber hingegangen ſein, ſchon ſing es an zu dämmern, da vernahm ich abermals Stimmen vor der Thür, doch dieſes Mal in milderen Tönen, man verſuchte ſo⸗ gar, durch Verſprechungen von Freiſtunden und Geſchenken mich zu überreden, Pinner einzulaſſen, damit dieſe mir Augen und Hände waſchen und mich zum Eſſen anziehen könnte. Doch ich blieb hartnäckig, rief nur, man ſolle mich in Ruhe laſſen, ich bedürfe nichts. Als nun Alles ruhig wurde, fing ich an zu weinen, denn ich fühlte mich ebenſo unglücklich über meine Plagegeiſter, als über mich ſelbſt. Endlich ſchlief ich ein.

Petronel! erklang es plötzlich draußen; der Ton war nicht laut, doch ſofort erkannte ich ihn, das war des Vetters Stimme! Er war alſo doch zum Eſſen zurückgekehrt! Was mochte er wohl von mir denken und ſagen?

Doch zu weiterem Nachdenken blieb mir keine Zeit, er klopfte an und forderte milde, aber beſtimmt Eintritt. So ſprang ich denn vom Lager auf, öffnete die Thür und warf mich in ſeine Arme.

O, Vetter Ulih, ſchicke mich fort von hier! Warum bin ich nicht mit meiner Mama geſtorben!

Ruhig, Kind! Gieb Dich zufrieden, Petronel! ſagte er, mich aufrichtend;ich bitte Dich, was ſoll das Alles bedeuten?

Sieh', die Couſine Marcia ſagte, ich hätte kein Recht dazu, hier zu ſein hätte hier nichts zu fordern die Mama hätte Allen nur Kummer und Schande gebracht, ſtieß ich ſchluchzend hervor!O, ich kann unmöglich länger hier bleiben, bisher ging es noch, doch länger trage ich es nicht! Haarklein berichtete ich Alles, was vorgefallen war,

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