Jahrgang 
1 (1879)
Seite
133
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Concordia. 13⁵⁸

präſentirte ſie mir bei Tiſch Gerichte, von denen ſie wußte, daß ſie mir widerſtanden, verkürzte unſere täglichen Prome⸗ naden, und entzog mir meine Bilder⸗ und Geſchichtsbücher unter dem Vorwande, daß ich zu alt für ſolchen Unſinn ſei. Wenn aber auch ein ſo kindliches Gemüth wie das meinige alle Liſt kleiner Feindſeligkeiten oft ſchmerzlich empfand, ſie würden deſſenungeachtet keinen tiefen Eindruck auf mich ge⸗ macht haben, wenn die Couſine in ihrer Bosheit nicht noch weiter gegangen wäre. Bei meinem geſunden Appetit ver⸗ ſchmähte ich weder altes Brot, noch verſalzene Butter, und meine Promenaden mit Miß Penfold waren immer langweilig, daher leicht lang genug; nie ließ ſie dieſe Gelegenheit, mir endloſe Vorträge über Botanik, Erdkunde und gar über Conchologie zu halten, unbenutzt vorübergehen, das machte es mir gleichgiltig, wohin und wie lange wir gingen. Meine Bilderbücher fehlten mir ſehr, auch konnte ich das Weinen nicht unterdrücken, als ich die hübſche Wachspuppe, die ich mir auf dem Markte gekauft hatte, an der Erde auf dem Geſicht liegend mit abgeſtoßener Naſe fand. Am ſchmerz⸗ lichſten aber berührte es mich, wenn ich die Couſine mit Miß Penfold und mit den Domeſtiken über meine Vergangenheit ſprechen hörte und wenn ſie das Andenken meiner theuren verſtorbenen Mama ſchmähte. Dabei war ſie jedoch immer ſo vorſichtig, daß ſie mir nie einen feſten Anhaltspunkt zur Beſchwerde bot.

Morgens ſetzte ſie ſich mit ihrer Arbeit in unſere Schul⸗ ſtube, redete hin und her über meine Dummheit und Ar⸗ muth und über ihres Bruders Verblendung, fügte dann hinzu, ſie hoffte, daß bald der Tag kommen würde, an dem auch ihm die Augen aufgingen; ich merkte natürlich, daß Alles auf mich gemünzt war, durfte mich aber nicht rühren, und wenn dann Miß Penfold ſüßlich vermitteln und mich beruhigen wollte, kochte es in mir und am liebſten hätte ich ihr Ohrfeigen rechts und links gegeben. Ich unterbrach ihre Schwätzereien mehrfach durch lautes Aufweinen oder Einreden, doch darauf ſchalt mich die Couſine ein dummes, unverſchämtes Kind, und die Gouvernante drohte, meine Stunden zu verdoppeln, wenn ich mich vergäße. Das wirkte. Ihre Unfreundlichkeiten und Ungerechtigkeiten konnte ich wohl ertragen, doch noch mehr Lehrſtunden das war zu viel; meine Unerfahren⸗ heit war zwar groß und meine Fortſchritte nur ſchwach, aber der ganze Unterricht war mir ſo unerträglich, daß ich mir vornahm, ruhig zu ſein, um nur eine Verlängerung der Quälerei zu verhüten. Ich behielt Alles für mich und be⸗ klagte innerlich ſehr mein Unglück, die Mama überlebt zu haben. Dieſe hatte es mir wohl oft vorgehalten, daß ich ſo laut und unbändig ſei, mehr als es ſich für ein Kind unſeres Standes zieme, doch nie von Kindesbeinen an er⸗ innerte ich mich, ein hartes Wort gehört zu haben. Ver⸗ nachläſſigungen hatte ich oft erduldet, die brachten un⸗ mittelbar die Verhältniſſe mit ſich, doch nie Härten und Unfreundlichkeiten. Um ſo ſchmerzlicher mußte ich dieſe jetzt empfinden.

Endlich kam es zu einer Kriſis! Meine Quülgeiſter peinigten mich an dem Tage, deſſen Erlebniſſe ich nun ſchildern will, eben nicht mehr wie gewöhnlich, doch ihr Thun kam dem Vetter Ulih zu Ohren.

Die Couſine Marcia, Miß Penfold und ich ſaßen Vor⸗ mittags am Frühſtückstiſch, ich in beſonderer Ungnade, da ich

Morgens unvorſichtigerweiſe geäußert, daß ich immer konfuſer würde, je mehr mir Miß Penfold von der Regel de tri vor⸗ ſpräche. Infolge deſſen war mir zudiktirt, an dem Tage nur Arithmetik zu treiben. Da mir Alles ſo ziemlich gleich zu⸗ wider war, hatte dieſes keinen tiefen Eindruck auf mich ge⸗ macht und verdarb mir auch den Appetit zu meinem Frühſtück nicht. Ich griff herzhaft zu, nahm auch gar keine Notiz davon, daß die Couſine erklärte, für Mädchen meines Alters ſei eigentlich ein Frühſtück täglich hinreichend. Miß Penfold pflichtete ihr natürlich bei.

Es wäre beſſer, Du beeilteſt Dich etwas mehr bei Deinem Frühſtück! ſagte ſie mit ſcharfer Stimme, als ich zum dritten Male zum Brote griff;bis zum Eſſen mußt Du Deine Exempel fertig gerechnet haben, iſt das nicht der Fall, ſo ſage ich es dem Vetter Ulih, wie nachläſſig Du ge⸗ weſen biſt.

Wie ich ſchon früher erwähnt, hatte ſich die Couſine Marcia bei meiner Ausbildung ihre Mitwirkung vorbehalten, welche letztere allmälig einen ſolchen Höhepunkt erreicht hatte, daß die ganze Disziplin aus den Händen der Miß Penfold genommen war, und daß dieſe eigentlich nur noch die Befehle Jener ausführte.

Ja, wenn Du dann nicht fertig biſt, wird es ſicher dem Vetter gemeldet, wiederholte ſie nochmals.

Dieſe Drohung war ſchon oft angekündigt, doch noch nie ausgeführt worden.

Vetter Ulih kommt heute gar nicht zum Eſſen zurück, ſagte ich, indem ich mir noch ein tüchtiges Stück Käſe holte.

Das iſt wieder eine Deiner naſeweiſen Behauptungen, die ganz unbegründet ſind.

Ich weiß es aber, er hat es mir ja ſelbſt geſagt, ant⸗ wortete ich unbeirrt.

Er ſollte es Dir geſagt haben? So etwas ſieht meinem Bruder wohl ähnlich! ſeine Pläne einem Kinde wie Dir anzuvertrauen. Mir hat er nichts davon geſagt, darum will ich auch nichts davon hören.

Wahr iſt es aber doch! ſagte ich,Vetter Ulih rief mich dieſen Morgen in ſein Berathungszimmer und theilte mir dort mit, daß er mich wahrſcheinlich bis zum Zubettgehen nicht wieder ſehen würde, da er zu einer ſchwerkranken Dame über Land und dort vielleicht bis ſpät Abends bleiben müſſe, dann gab er mir einen Kuß und nahm Abſchied bis mor⸗ gen früh.

Ich trug dies in aller Kürze vor, da ich vor Allem wünſchte, mich von der Beſchuldigung der Lüge zu reinigen, und war in keiner Art vorbereitet auf die Wirkung, die es auf die Couſine Marcia machte. Während meines Sprechens ſah ſie mich feſt an, und gab ſich das Anſehen, als ob ſie jeden Augenblick bereit ſei, meine Ausſagen zu widerlegen. Da ſie das jedoch nicht konnte, und einſah, daß ich doch wohl die Wahrheit ſagte, wurde ſie blaß wie der Kalk an der Wand, verſuchte mehrere Male, zu ſprechen, konnte aber kein Wort hervorbringen, und brach in eine Fluth von Thränen aus.

Theure Miß Ford, rief Miß Penfold aus, indem ſie ihr zur Seite ſprang,laſſen Sie ſich durch ſolche Kleinig⸗ keiten nicht ſo aufregen! Und ſich zu mir wendend, fügte ſie hinzu:Es iſt mir aber auch unbegreiflich, Miß Fleming, wie Sie es wagen können, in einem ſolchen Tone mit Ihrer Couſine zu ſprechen!