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Concordia.
dagegen ſträubt, die Mama wird ſchon auf unſerer Seite ſein, und ſchließlich thut das Kind ſelbſt das Beſte dazu. Es muß ihm gefallen, es hat ganz die Halſtedt'ſchen Züge. Beim Jupiter, ich ſah noch nie eine ſolche Aehnlichkeit!“
Dabei ſetzte er wieder ſein Glas vor's Auge und fixirte mich.
Doch ich ſchmiegte mich immer mehr an den Vetter Ulih. und ſah zu ihm auf,; ſein Geſichtsausdruck erſchien mir trübe, und ich fühlte wohl, daß dieſes um meinetwillen der Fall war.
„Sag' nein, ſag' nein!“ flüſterte ich ängſtlich,„ich will ja nirgends hingehen, als höchſtens nach dem Markte!“
„Komm', laß ſie mit mir gehen, Ford!“ drängte Onkel Wilfred.
„Nein, Wilfred!“ lautete ſeine entſchiedene Antwort;„Sir Lionell wollte ſie dort nicht haben, als ihm die Gelegenheit geboten wurde;— Petronel wird mit meiner Erlaubniß Frampton nicht eher betreten, bis ſie von dort aus ein⸗ geladen iſt. Du kennſt die Bedingungen, unter denen ich die Sorge für ſie übernahm— ohne Beihilfe und Zwiſchenreden, ſo lauten dieſe. Doch ich danke Euch für Eure freundliche Abſicht.“
Dann wandte er ſich zu mir und ich ſah deutlich, daß er mein Fortgehen wünſchte.
„Nun, Du kleiner Wildfang, was wünſcheſt Du denn von mir, nimm Dich nur in Acht, daß Miß Penfold Dich hier nicht findet!“
Bei dieſen Worten fielen mir meine Wünſche von vorhin wieder ein.
„Sagteſt Du nicht geſtern, ich dürfte mir den Markt beſehen?“
„Ja! allerdings ſagte ich das.“
„Dann biſt Du wohl auch ſo gut und ſagſt es der Couſine Marcia; ſie und Miß Penfold behaupten, es wäre unpaſſend für mich, dahin zu gehen.“
Hierüber lachten die drei Herren und Vetter Ulih verſprach mir, die Sache für mich durchzufechten.
„Verſprach ich Dir aber außer dem Beſuch noch ſonſt etwas?“ fragte er ſchelmiſch.
„Ja, einen halben Sovereign!“ antwortete ich leiſe.
„Wenn ich den nun aber nicht hätte?“ ſagte er, während er ſeine Weſtentaſche durchſuchte und alle möglichen Geldſtücke hervorzeigte; endlich kam das Geſuchte, und in meiner Glück⸗ ſeligkeit fiel ich ihm um den Hals und küßte ihn, bis ich ſah, daß er ganz roth wurde. Wahrſcheinlich ſchämte er ſich, in Gegenwart der fremden Herren von einem ſo großen Mädchen umarmt zu werden. Doch ich war zu froh über den Ausgang meines Beſuches, als daß ich weiter darüber nachdachte.
„Glücklicher Vetter!“ rief Onkel Wilfred aus, und dabei wollte es mir ſcheinen, als ob er mich auslachte; ich erröthete vor Unwillen.„Willſt Du das alles auf dem Marktedurchbringen?“ fuhr er fort, als er ſah, daß ich meinen Schatz ſtaunend be⸗ trachtete.„Vielleicht hätte auch ich noch eine Kleinigkeit, die ich dazulegen könnte.“ Dabei griff er in ſeine Taſche.„Ich bin aber nicht ſo reich wie Vetter Ulih, ein Doktor ſteht ſich beſſer als ein Major; wenn ich nur einen Penny finde, ſollſt Du ihn haben. Sieh', da iſt einer,“ ſagte er, einen ganzen Sovereign auf den Tiſch legend, er iſt etwas größer wie der Deinige,
doch es wird ſchon gehen. Nun mußt Du mir aber auch einen Kuß geben, wie dem Vetter Ulih, ſonſt ſpaziert das Geld wieder in meine Taſche.“
„Das mag es gern thun, ſtecke den Sovereign nur wieder ein, dafür gebe ich Dir keinen Kuß!“
„Bravo!“ rief er aus,„dieſe Antwort iſt einer Halſtedt würdig, ich wünſchte nur, der Papa hätte ſie gehört.“
Dem Vetter ſchien unſer Scherz nicht zu gefallen, er ſagte:
„Jetzt, Petronel, iſt es beſſer, Du gehſt; die Gouvernante wartet ſonſt.“
Dabei trat mir eine Thräne in die Augen, ich fürchtete, mich unpaſſend benommen zu haben, weshalb ich mich ängſtlich dem Vetter näherte und ihm meine Hand hinhielt.
„Dir gebe ich gern einen Kuß und dem Onkel Wilfred auch, in der Erinnerung an die liebe verſtorbene Mama.“
Beide erwiderten darauf nichts, doch ſie nahmen mich freundlich in ihre Arme, und als ich mich zum Fortgehen rüſtete, neigte ſich Vetter Ulih zu mir uund küßte mich auf die Stirn.
„Komm', Kleine!“ ſagte Onkel Wilfred,„ebenſogut wie Du mir in Erinnerung an Deine liebe Mama einen Kuß gegeben, kannſt Du auch meinen Sovereign nehmen!“
Hiergegen wußte ich nichts einzuwenden, und als ich daher endlich wieder in mein Schulzimmer zurückgekehrt war und hinter meiner endloſen Abſchrift ſaß, war ich glückliche Be⸗ ſitzerin von dreißig Schillingen und hatte die Ausſicht, den Nachmittag auf dem Markte zuzubringen, denn ich wußte wohl, wenn Vetter Ulih verſprochen hatte, die Sache durch⸗ zufechten, ſo that er es auch. Mochte er auch noch ſo viel zu thun haben und ihm meine kindiſchen Wünſche ganz un⸗ bedeutend erſcheinen, ich war meiner Sache gewiß, denn ich hatte ſein Wort. Gleich nach dem Frühſtück wurden denn auch meine Erwartungen erfüllt, die Couſine Marcia ſagte Miß Penfold, der Doktor Ford wünſche, daß ſie mit mir nach dem Markte ginge und mir dort Alles zeige.
Der ſcharfe Ton, in dem dieſer Auftrag ertheilt, und die verdroſſene Miene, mit der er aufgenommen wurde, konnten meine freudige Ungeduld nicht vermindern, und ſo wie unſer Diner beendet war, ſtürmte ich mit Miß Penfold hin nach dem Markte, mitten in das bunte Getreibe, das dieſe vorhin noch für unpaſſend erklärt hatte, und gab all' mein Geld für Geſchenke an die verſchiedenen Hausgenoſſen aus; für Vetter Ulih wählte ich eine Theedoſe mit Muſcheln, die dieſer auch mit dem ernſthafteſten Geſicht annahm.
Von dieſem Tage an wurden meine Plagen faſt härter, als ich ſie ertragen konnte, und wenn ich die mir ewig unvergeß⸗ liche Zeit in meinem Geiſte nochmals durchlebe, ſo kann ich genau vom Rockburyer Markte an die Zeit datiren, in der der Vetter Ulih mir offener als zuvor ſeine Zuneigung, die Couſine Marcia aber ihre Abneigung zu erkennen gab. Er ſprach bald nachher den Wunſch aus, daß ich fortan die
Mahlzeiten mit ihm und ſeiner Schyweſter einnehmen ſollte,
auch ſagte er, wenn ich früh genug aufſtände, könnte ich ihm Morgens den Kaffee machen, was bisher der treue Wheeler gethan hatte, verſprach ſogar auch, daß er mir einen Pony kaufen und mir Reitunterricht geben wollte, ſobald das Wetter beſſer würde.
Die Couſine Marcia mußte immer neue und oft recht un⸗ würdige Mittel und Wege zu finden, mich zu quälen. So


