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Concordia. 99
Juſtina beobachtete ihren Vater mit einem beſorgten Blick. Es war ihr hart, daß er ſich gerade jetzt, wo das Leben ihr ſo ſüß ſchien, nicht ganz in der würdevollſten Haltung befand. James lächelte ihr beruhigend zu, ungeſtört durch den Gedanken, daß ein ſolcher Mann vielleicht kein ſehr be⸗ gehrenswerther Schwiegervater werden könne.
Er drängte ſeinen Bewirther auf deſſen Sitz zurück.
„Sprechen Sie nicht davon, mich zu begleiten,“ ſagte er lachend;„es iſt ja kaum eine halbe Stunde Weges. Gute Nacht, Mr. Dempſon. Ich fürchte, wir haben Ihre Gattin nach ihren Anſtrengungen als„Lady Teaple“ zu lange wach gehalten.— Werden Sie mir die Thür öffnen, Juſtina?“
Juſtina ging die ſchmale krumme Treppe mit ihm hinab — eine von jenen Treppen der guten alten Zeit, die mehr für einen Glockenthurm, als für ein Wohnhaus paßten. Sie kamen miteinander in den kleinen finſteren Laden, und gerade an der Thüre, inmitten der Gerüche von iriſcher Butter und holländiſchem Käſe, ſchottiſchen Heringen und ſpaniſchen Zwiebeln, nahm James ſeine Verlobte in ſeine Arme und küßte ſie zärtlich, ſtolz, als ob er eine Prinzeſſin zu ſeiner Lebensgefährtin gewonnen hätte.
„Erinnere Dich, Geliebte, daß Du meine Gattin wirſt. Hätte ich hundert Verwandte, die darüber unzufrieden wären, ſie würden mich von meinem Entſchluſſe nicht abbringen. Aber ich habe gar Niemanden in Betracht zu ziehen, und Du biſt das Mädchen meiner Wahl. Ich fand es dieſe Nacht nicht paſſend, mit Deinem Vater zu ſprechen, aber ich werde es morgen früh thun und Alles in Ordnung bringen. Gute Nacht! Gott ſegne Dich, meine Theuerſte!“
Noch einen Kuß, und er war fort. Sie ſtand auf der Thürſchwelle, ihn beobachtend, als er durch die ſchmale Gaſſer ging. Der Mond war verſchwunden, und nur ein paar Sterne ſchienen trübe zwiſchen den dahinziehenden Wolken. Der Nachtwind kam kalt von der Waſſerſeite herauf und machte ſie ſchaudern.
Ein Mann kreuzte die Straße, ging raſch an ihr vorüber und dann in derſelben Richtung wie James Penwyn. Sie bemerkte flüchtig, daß er einen ſchweren Ueberrock und ein Tuch um den Hals und Nacken trug, ohne Zweifel zum Schutze gegen die froſtige Nachtluft, aber jedenfalls waren dieſe Kleider mehr, als andere Leute in dieſen frühen Juni⸗Tagen zu tragen pflegen.
9. Kapitel.
Andere Sünden ſprechen nur; der Mord ſchreit!
Wahrhaft glänzend waren Juſtina’s Träume während der kurzen Stunden, die ihr nach dieſer zigeunerhaften Souper⸗ Geſellſchaft für den Schlummer übrigblieben— ſüße Träume von einem neuen Leben, in welchem alle Dinge ſo licht und wunderbar waren. Sie war mit ihrem Geliebten in einem Garten— dem Traumgarten, welchen jene Schläfer kennen, die noch wenig von irdiſchen Gärten geſehen— einem Garten, wo es Marmor⸗Terraſſen, Statuen und Fontainen gab und ein ruhiger See in einem blumigen Thale lag— eine Viſion, die von Gemälden, die ſie geſehen, herrührte, oder von Poeſie, die ſie geleſen. Sie waren zuſammen und glücklich im Mittagsſonnenſchein. Und dann veränderte ſich der Traum. Sie waren wieder im Mondlicht beiſammen, nicht außerhalb
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der Kathedrale, ſondern innerhalb derſelben, in ihrem ernſten feierlichen Schiffe. Sie konnte den fernen Altar ſchwach im Silberlichte ſchimmern ſehen, während eine erhabene Muſik, der Melodienſtrom eines Chores, durch die widerhallenden gothiſchen Bogen rollte. Dann ſchwand das ſilberne Licht, die Muſik ging mit einem grellen Aufſchrei in ein Grablied über; ſie erwachte und hörte die Regentropfen gegen das kleine Fenſter ihres Schlafgemaches ſchlagen— Juſtina's Schlafzimmer war das ſchlechteſte von dreien und unter dem Dache— auf der Straße bot ein Hauſirer mit ſchriller Stimme Waſſerkreſſe zum Kaufe an.
Sie hatte das Gefühl, zu lange geſchlafen zu haben, und da ſie mit keiner Uhr verſehen war, konnte ſie ſich hierüber keine Gewißheit verſchaffen, aber ſie kleidete ſich ſo ſchnell als möglich an und hoffte, die Uhr der Kathedrale werde ſie bald über die Stunde informiren. Zu ſpät zur Probe zu kommen, konnte ihr Vorwürfe von den höheren Mächten zuziehen, auch in einem theatraliſchen Gemeinweſen. Der Bühnenleiter be⸗ hielt ſeine Autorität und verſtand es, ſich unangenehm zu machen..
Das Leben erſchien an dieſem Morgen wieder ganz in Wirklichkeit, als Juſtina, vor einem halberblindeten kleinen Spiegel ihr Haar glättend, nach dem düſteren grauen Himmel hinausſah, und die feuchte Straße hatte im Allgemeinen wieder das Ausſehen, das auf Armuth ſchließen ließ. Sie mußte ſich beinahe fragen, ob nicht der geſtrige Tag und die darauf⸗ folgende Nacht nur ein Traum geweſen. Sie die erwählte junge Braut einss reichen Squire— ſie die Herrin von Penwyn! Es ſah gewiß einer Phantaſie zu ähnlich. Sie, deren armſelige Unterkleider— ein grünes Stoffkleid, das ſie nach zwei Wintern im letzten Jahre in einen Unterrock ver⸗ wandelt und abgetragen— das Korſet, welches ein Dienſt⸗ mädchen verachtet hätte, dort auf dem Seſſel von zerriſſenem Strohgeflechte lagen wie die trübe Wirklichkeit der Lumpen Aſchenbrödels, nachdem das duftige Ballkleid des Traumes in Luft zerſchmolzen war!
Sie beeilte ſich, ihre Kleider anzulegen, mehr beſchämt über deren Aermlichkeit, als ſie es noch jemals gefühlt, und ging hinab in das Wohnzimmer, welches nach Hummer-Ueber⸗ bleibſeln und Tabak roch, da man die Fenſter des Regens halber nicht geöffnet hatte. Das Frühſtück ſtand bereit. Eine ſchmuzige Taſſe ſammt Schale und die Rückenknochen eines Schellſiſches auf einem fettigen Teller zeigten an, daß irgend Jemand ſchon gefrühſtückt hatte. Die Thurmuhr der Kathe⸗ drale ſchlug Elf. Juſtina's Probe begann erſt eine halbe Stunde ſpäter. Sie hatte Zeit, ihr Frühſtück mit Bequem⸗ lichkeit zu nehmen, wenn ſie es wollte.
Ihr erſtes Thun war, das Fenſter zu öffnen, um die Luft einzulaſſen— und den Regen— Alles war beſſer, als der alte Hummergeruch. Dann blickte ſie in den Theetopf und wunderte ſich, daß ſchon Jemand gefrühſtückt hatte. Sollte ihr Vater ſchon wach ſein? Sie goß ſich einen Becher Thee ein, ſchlürfte ihn langſam und fragte ſich, ob wohl James Penwyn in das Theater kommen werde, während ſie bei der Probe ſei. Er hatte ſie nach der Stunde der Theaterprobe gefragt. Sie dachte, ſie würde ihn da wahrſcheinlich ſehen und der Traum würde wieder beginnen.
Ein Krug mit Feldblumen ſtand auf den iſche neben


