100 Concordia.
dem Fenſter— die Blumen, welche ſie vor zwei Tagen ge⸗ ſammelt hatte, ehe ſie ihn geſehen.
Sie waren ein wenig verwelkt— Feldblumen ſchwinden ſo bald— aber keineswegs todt, und doch war eine Leiden⸗ ſchaft geboren und großgezogen worden, ſeit dieſe Blumen gepflückt.
Konnte ſie es glauben? Konnte ſie Vertrauen darauf ſetzen? Ihr Herz erbebte bei dem Gedanken, daß ihr Geliebter mit ihr vielleicht nur ſcherze— daß der erſte Liebestraum gewöhnlich nichts als Thorheit ſei.—
Ihr Vater hatte ſein Zimmer noch nicht verlaſſen. Juſtina ſah ſein einziges präſentables Paar Stiefel an der Thüre ſtehen, als ſie die Treppe hinabging.
Sie fand Mr. und Mrs. Dempſon bei der Probe, Beide blaß und ermüdet, als ob die Aufregung des vergangenen Tages ihnen all' ihre Farbe genommen hätte.
Die Probe ging in einer zerſtreuten Weiſe vorwärts. Das „gute Haus“ des letzten Abends ſchien das„Gemeinweſen“ demoraliſirt zu haben, oder aber das verſchwenderiſche Leben außerhalb des Theaters, die Wettrennen, das Feiertagmachen, oder das Geräuſch der Stadt hatten einen ſtörenden Einfluß. Der Bühnenleiter verlor ſeinen Gleichmuth und ſagte, Ge⸗ ſchäft ſei Geſchäft, und er wünſche nicht, daß aus der Poſſe eine„Munge“ gemacht werde— ein Wort von irgend einer unbekannten Sprache geborgt, das aber auf die Schauſpieler augenſcheinlich einen Eindruck machte.—
Juſtina war ein wenig mehr als eine Stunde im Theater geweſen, als Mr. Elgood, bleich wie ein Blatt Briefpapier und mit verſchobenem Hute, plötzlich in das Schauſpieler⸗ Zimmer ſtürzte.
„Hat Jemand davon gehört?“ rief er faſt athemlos und in der Verſammlung um ſich blickend.
Mrs. Dempſon ſaß in einem Winkel und ſchnürte einen Atlasſchuh zu. Juſtina ſtand an einem Fenſter und ſtudirte ihre Rolle. Mr. Dempſon ſaß mit einigen verwandten Geiſtern außerhalb des Schauſpieler⸗Zimmers auf den Stein⸗ ſtufen und rauchte.
Jedermann blickte bei dieſem plötzlichen Ausrufe um ſich und wunderte ſich über den kummervollen Ausdruck in der Miene des Schauſpielers.
„Nun, was iſt denn los, Kollege?“ fragte Mr. Dempſon. „Iſt die Kathedrale in Feuer? Trage das Unglück mit Mäßigung. Ich wage zu behaupten, daß ſie aſſekurirt iſt.“
„Dann hat alſo Niemand davon gehört?“
„Gehört— wovon?“
„Von dem Morde.“
„Von welchem Mord? Wer iſt ermordet?“ riefen Alle zugleich, Juſtina ausgenommen. Ihre Gedanken waren viel⸗ leicht langſamer, als die der Anderen. Sie ſtand da, ruhig wie ein Marmorbild, und blickte auf ihren Vater.
„Der arme junge Mann, der gutherzige junge Mann, der uns geſtern bewirthete! Hat man je eine ſo elende Nieder⸗ trächtigkeit gehört, Dempſon? Erſchoſſen, aus einer Hecke her⸗ vor, auf dem Wege vom Niederthor nach dem„Waſſervogel“. Er wurde dieſen Morgen zwiſchen Fünf und Sechs von eini⸗ gen Arbeitern, die an ihr Geſchäft gingen, durch das Herz geſchoſſen, todt und kalt aufgefunden. Er liegt in„Lom⸗ gate Arms“, gerade innerhalb des Thorweges, und der Coro⸗ ner wird die Leiche um zwei Uhr Nachmittags unterſuchen.“
„Großer Himmel, wie ſchauderhaft!“ rief Dempſon. „Was war das Motiv? Ein Raub wahrſcheinlich.“
„So dachte man zuerſt, denn ſeine Taſchen waren leer und umgewendet. Die Polizei durchſuchte vor einer halben Stunde den Graben nach der Waffe und fand dabei Uhr, Börſe und Notizbuch im Schlamm vergraben, als ob ſie mit einem Stock hineingedrückt worden wären. Es muß da alſo irgend eine Rache zu Grunde liegen, oder der Kerl, der das tthat— ich möchte ſagen, es waren mehr als Einer— wurde verſcheucht und verſteckte die Beute mit der Abſicht, ſie ſpäter wieder herauszufiſchen.“
„Dem ſieht es mehr ähnlich,“ ſagte Mr. Dempſon.„Die Heumäher beginnen umherzuziehen— ein arges Geſindell Jeder Schurke kann eine Senſe führen. Weine nicht, Frau,“ ſetzte er, gegen ſeine Gattin gewendet, hinzu, die über ihrem Atlasſchuh hyſteriſch ſchluchzte.„Er war ein feiner junger Mann, und wir Alle ſind bekümmert um ihn; aber das Weinen wird ihn nicht mehr zurückbringen.“
„Was für einen glücklichen Tag wir mit ihm hatten!“ ſchluchzte die erſte Heldin.„Ich hatte mich niemals ſo gut unterhalten, und zu denken nun, er ſei ermordet! Es iſt zu ſchrecklich!“
Niemand bemerkte Juſtina, bis die dünne ſchlanke Geſtalt plötzlich ſchwankte, wie ein ſchwaches Bäumchen im Winde, und Matthew Elgood vorwärtsſchoß und ſie in ſeinen Armen auf⸗ fing, gerade als ſie fiel. Ihr Geſicht, weiß und ſtarr, lag an ſeiner Schulter.
„Der Himmel helfe mir, ſie iſt ohnmächtig, wrne br Vater.„Arme Judy! Ich vergaß, daß er ſo„. Zeit ver⸗ ihr war.“
„Sie hätten damit nicht ſo herausplatzen ſollen,“ rief Mrs. Dempſon mehr ſympathiſch als grammatikaliſch.„Lauf' und hol' ein Glas Waſſer, Dempſon. Machen Sie kein ſol⸗ ches Weſen d'raus,“ ſagte ſie zu Juſtina's Vater.„Ich will ſie nach Hauſe geleiten und zu Bett bringen. Sie kann mit der Probe nicht vorwärtsgehen, was auch Pyecroft ſagen mag.“ Pyecroft war der Bühnenleiter.„Abends wird ſie wieder ganz in Ordnung ſein.“
Nachdem man Waſſer in ihr bleiches Antlitz geſprengt, fand Juſtina ihr Bewußtſein wieder, ſtarrte mit einem leeren, entſetzlichen Blick auf ihren Vater und die Uebrigen, und ging dann, geſtützt auf den Arm der Mrs. Dempſon, ſanft nach Hauſe. Ein rauhes Erwachen aus ihrem Traume!———
Der fröhliche, leichtherzige Junge, der glückliche Beſitzer des Rittergutes Penwyn, war fortgenommen worden von der ſchönen friſchen Welt, von dem Leben, welches für ſeinen un⸗ geſättigten Geiſt Glück bedeutete. Erſchlagen durch die Hand eines unbekannten Mörders, lag er in dem dunklen Klub⸗ zimmer zu den„Lowgate Arms“ und erwartete die Leichen⸗ beſchau.—
Die Polizei von Eborsham war eifrig beſchäftigt, und ſie nicht allein. Man fühlte, daß der Fall ein wichtiger ſei. Ein Gentleman und zugleich großer Grundbeſitzer konnte nicht hingemordet werden ohne Strafe für den ruchloſen Thäter. Wäre das Opfer irgend ein Landarbeiter geweſen, in einer Schlägerei zwiſchen Betrunkenen getödtet, irgend ein Straßen⸗ einräumer eines Raubes wegen gemordet, die Konſtabler von Eborsham würden ſich ſchon allein fähig gefühlt haben, mit dem Falle fertig zu werden. Aber das war ein dunkleres
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