52 Concordia.
was ſoll dann aus ihr werden? Sie würde niemals fähig ſein, Ihrem Papa die Geſchäfte zu führen.“
Madge ſeufzte wieder, und diesmal tief. Liebe für ihre Schweſter war Madge Bellingham's ſchwächſter Punkt. Sie verehrte thatſächlich das ſchöne gebrechliche Mädchen, das vor achtzehn Jahren in ihre kindlichen Arme gelegt worden, an dem bitteren Tage, der ſie zu einer Waiſe machte. Es waren nur vier Jahre Altersunterſchied zwiſchen den Schweſtern, aber Madge's Zärtlichkeit war immer eine nahezu mütterliche und wohlbedachte geweſen. Gut zu heiraten, hieß ſicher, Viola eine neue gute Heimat bieten. Sir Nugent war nur ein ſchwacher Stab, um ſich darauf zu ſtützen.
„Ich habe nichts dagegen, eine gute Heirat zu machen, wenn ſich nur eine ſchöne Gelegenheit dazu fände, Lady Ches⸗ hunt,“ ſagte ſie entſchloſſen,„aber ich werde niemals einen Mann heiraten, den ich nicht achten und lieben kann.“
„Natürlich nicht, mein armer Liebling,“ murmelte die Wittwe beſänftigend;„aber glücklicherweiſe giebt es viele Männer in der Welt, die man lieben und achten kann. Die Liebe, die man durchaus nur für eine Perſon fühlen will, iſt ein thörichtes ſentimentales Gefühl. Inzwiſchen, Madge, be⸗ achten Sie meinen Rath und laſſen Sie ſich nicht mit Mr. Penwyn zuſammen in's Gerede bringen.“
„Ich weiß nicht, warum man über uns ſprechen ſollte.“
„Ja, doch wiſſen Sie's, Madge— im Herzen Ihres Her⸗ zens. Sie wiſſen, daß Sie miteinander in Winkeln ſaßen und daß Sie eine Neigung haben, zu erröthen, wenn er in's Zimmer kommt. Das geht nicht, Madge, das geht nicht. Dieſer junge Menſch hat ſonſt nichts, außer daß er ſein eigenes Leben verdient. Ich weiß, was ſeine Mutter zu ringen hatte, die ihn aufzog, und wäre er nicht das einzige Kind geweſen, ſo hätte ſie ihn kaum erhalten können. Er war ein Blaurock als Jungge, glaube ich, oder etwas ähnlich Schreckliches, was nach empfangenen Almoſen riecht. Es iſt nicht daran zu denken, Madge.“
„Ich denke nicht daran, Lady Cheshunt,“ antwortete Miß Bellingham entſchloſſen,„und ich wünſche, daß Sie nicht ſich ſelbſt und mich wegen eingebildeter Gefahren beunruhigen.“
„Ihre Gäſte beginnen zu kommen; gehen Sie und em⸗ pfangen Sie dieſelben und laſſen Sie mich ruhig in einem Winkel ſitzen. Mr. Penwyn wird hier ſein, ich zweifle nicht.“
„Ich weiß es nicht. Er weiß, daß Sonnabends unſer Empfangsabend iſt.“
„Mr. Churchill Penwyn!“ kündigte ein Diener an der Thür des größeren Zimmers an.
„Ich dachte mir's,“ ſagte Lady Cheshunt,„und auch noch als der Erſte zu kommen! Das ſieht verdächtig aus.“
5. Kapitel. Die Werbung.
Churchill Penwyn war einer jener Männer, welche gewiß ſein können, in jedem Cirkel, in dem ſie erſcheinen, eine ge⸗ wiſſe Summe von Aufmerkſamkeit zu erregen— ein Mann, welchem der Stempel guten Blutes und guter Erziehung in deutlicher und fühlbarer Weiſe aufgeprägt war— ein Mann, der keine Selbſtvertheidigung nöthig hatte.
Es wäre für einen Jeden ſchwierig geweſen, feſtzuſtellen, worin dieſe Auszeichnung lag. Er war nicht von beſonders
gutem Ausſehen. Verſtandeskraft charakteriſirte ſeine Phyſio⸗ gnomie mehr, als Regelmäßigkeit der Geſichtszüge. Obgleich er noch auf der Sonnenſeite ſeines dreißigſten Geburtstages war, wurde das dunkelbraune Haar auf der breiten hohen Stirn bereits dünn und zeigte Anzeichen zu einer frühzeitigen Kahlheit. Seine Geſichtszüge waren ſcharf geſchnitten, aber keineswegs fehlerlos, der Mund etwas geſunken, die Lippen dünn. Seine lichtgrauen Augen hatten einen ſcharfen, kalten Glanz und nur Jene, welche Churchill Penwyn in dem ſeltenen Momente eines ſanfteren Gefühles ſahen, wußten, daß dieſe ernſten, ſtrengen Augen auch ſchön ſein konnten. Mr. Pen⸗ wyn war ein Rechtsanwalt und noch in dem Aufſtieg ſeiner Laufbahn. Er erhielt gelegentlich einen Rechtsfall, reiſte eifrig im Gerichtsbezirke und verſuchte ſich etwas in politiſcher Literatur— eine unangenehm trockene Art von Literatur, aber hübſch lohnend— wenn es dazu Gelegenheit gab. Er hatte auch ſtatiſtiſche Arbeiten für Zeitungen geliefert und wußte viel über die Lage der arbeitenden Klaſſen. Er hatte darüber in einigen nördlichen Fabriksſtädten Englands Vor⸗ leſungen gehalten und kannte die Kohlenregionen gründlich. Die Leute ſprachen von ihm als von einem jungen Manne, der ſich nach und nach gewiß bemerkbar machen würde, aber dieſes„Nach und Nach“ konnte auch einen ſehr langen Weg bilden. Er konnte vielleicht fünfzig Jahre alt werden, ehe er ſich etwas herausgearbeitet hatte. Es giebt große Talente, denen es unter der Ungunſt der Verhältniſſe gar niemals gelingt, emporzukommen. Der Fluch des Schickſals ruht auf ihnen!
Churchill Penwyn ging viel in Geſellſchaft, wenn man be⸗ denkt, wie hart und ehrlich er arbeitete; aber die Häuſer, in denen er zu finden war, waren immer ſolche, denen die beſten Leute geneigt waren. Er verſchwendete ſeine Zeit niemals in Cirkeln zweiten Ranges. Er war ein ausgezeichneter Kunſt⸗ kritiker, wußte genug von Muſik, um verſtändig darüber zu ſprechen, obgleich er kaum die Fähigkeit hatte, einen Ton von einem anderen zu unterſcheiden, er walzte wie ein Wiener, ritt wie ein Centaur und ſprach drei Kontinental⸗Sprachen vollkommen. Es war ſeine Anſicht, daß kein Mann es ſich herausnehmen ſollte, in große Geſellſchaft zu gehen, der nicht Alles thun könne, was dieſe Geſellſchaft von ihm fordere. Die Geſellſchaft an und für ſich habe für ihn ſehr wenig Werth, ſagte Churchill Penwyn, aber ein Mann ſei es ſich ſelber ſchuldig, von ihr bewundert und geachtet zu werden.
„Ich ſehe viele Männer, die in die große Welt gehen, um darin mit Augengläſern um ſich zu ſtarren,“ ſagte Churchill. „Wenn ich nicht etwas mehr thun könnte, dann würde ich meine Abende in meiner eigenen Höhle zubringen.“
Churchill Penwyn ging in die Welt mit einem beſtimmten Ziele— die Leute, welche er traf, ſollten ihm früher oder ſpäter nützlich ſein.
„Ohne Haſt, ohne Raſt,“ war ſein Motto. Er hatte es auf ſeinen Siegelring graviren laſſen, anſtatt des Wappens der Penwyn's. Er war niemals in Eile. Während er nach Erfolg ſtrebte, hatte er die Miene eines Mannes, der bereits
Erfolg gehabt. Er hatte im„Temple“ eine Wohnung im— 4
dritten Stockwerke inne, lebte da wie ein Einſiedler, aber ſein
Schneider und ſein Schuhmacher gehörten zu den beſten in
London und waren Mitglieder des„Travellers“ und des
„Garrick“⸗Klubs. Man ſah ihn zuweilen ein Gabelfrühſtück 1
——


