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Concordia. 53
im Klub nehmen, und gelegentlich bot er einem Freunde ein zweites Frühſtück, aber er dinirte ſelten da, und man ſah nie, daß er etwas Koſtbareres trank, als ein Glas La Roſe oder Medoc. Kein Menſch hatte die Kunſt der Oekonomie jemals ſo bemeiſtert wie Churchill Penwyn, und doch hatte ihn nie⸗ mals die Anklage einer Gemeinheit getroffen.
Miß Bellingham empfing ihn mit einem heiteren Blick des Willkommens, trotz Lady Cheshunt’s Warnung, und ihre Hände begegneten ſich mit einem ſanften Drucke von Churchill's Seite. Viola war diskret damit beſchäftigt, Frau Noyce eine neue Photographie zu zeigen, und wendete dem Beſuche nur eine Verbeugung und ein Lächeln zu. So hatte er eine gute Entſchuldigung, ſich auf dem Divan nächſt dem Kamin neben Madge zu ſetzen, weil dort gerade eben für Zwei Raum war.
„Ich dachte nicht, daß Sie Abends kommen würden,“ ſagte Madge, mit einer nervöſen Handbewegung ihren großen ſchwarzen Fächer öffnend und ſchließend.
„Warum nicht?“
„Ich ſah Ihren Namen in der Zeitung, zu Halifax oder irgendwo, Hunderte von Meilen weg.“
„Ich war vorgeſtern zu Halifax, aber ich wollte hier nicht fehlen. Sie ſehen, ich bin um eine Viertelſtunde früher ge⸗ kommen als Andere Ihrer Bekanntſchaft, ſodaß ich einige Minuten für mich ſelbſt haben kann.“
„Es iſt ſo gut von Ihnen,“ ſtammelte Madge,„und Sie wiſſen, daß ich immer froh bin.“
„Ich wäre unglücklich, wenn ich es nicht wüßte.“
Dies ging weiter, als Mr. Penwyn's gewöhnliche Grenzen. Der Mann war dabei die wahre Seele der Klugheit. Keine ſüßen Worte, keine zärtlichen Verſprechungen waren jemals zwiſchen den Beiden vorgekommen, und doch wußten ſie, daß ſie einander liebten. Madge wußte es zu ihrer Sorge, denn ſie war ſchwach genug, die Weisheit der Warnung von Lady Cheshunt zuzulaſſen. Sie fühlte, daß es für ſie niemals möglich ſein würde, Churchill Penwyn zu heiraten.
Zum Glücke für ſie hatte Churchill ſie bis zu dieſer Zeit niemals gefragt, ob ſie ſeine Gattin werden wolle.
„Er iſt zu weiſe,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt mit einem ſchwachen Gefühle von Bitterkeit,„zu viel Weltmann.“
Aber daß dieſer Weltmann ſie liebte, deſſen war ſie ſicher.
Ungefähr zehn Minuten ſaßen ſie nebeneinander und ſprachen von indifferenten Dingen, aber nur wie Leute reden, die gegen einander nicht indifferent ſind. Dann wurden neue Beſucher angekündigt. Sir Nugent und ſeine Freunde kamen herauf; die Zimmer begannen ſich zu füllen. Muſtkaliſche Gäſte kamen. Ein Deutſcher mit langem rauhem Haar, knochigen Handgelenken und einem Augenglaſe ſetzte ſich an das Piano und begann ein Spiel von ſo ſtreng klaſſiſchem Charakter, daß er allein davon alles Vergnügen hatte, aber ſonſt Niemand zuhörte. Kleinere Akkorde jagten einander über die Mitte des Piano's hin und her, als ob ſie auf der Suche nach einer Melodie wären und keine finden könnten. Läufer und Paſſagen ſchoſſen über⸗ und untereinander und ſchlängelten ſich in verzweifelter Art hin und her, auf und ab, noch immer ein Thema ſuchend, wo keines vorhanden war, bis ſie endlich die Nachforſchung in völliger Verzweiflung aufgaben, die das unbeſtimmte vage Murren der Bäſſe an⸗ nähernd ausdrückte, bis dieſes auch endlich langſam in Schwei⸗
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gen dahinſchwand. Darauf wurde Jeder zum Enthuſiaſten im Ausdrucke ſeiner Bewunderung, auch Die nicht aus⸗ genommen, welche ſich wie eben von der Folter entlaſſen fühlten.
Hierauf ſang eine junge Dame im Roſakleide einen kleinen Chanſon mit künſtlichen und mühſamen Variationen. Den Vortragenden iſt es ja ſelten um den Reiz der Muſik, ſondern nur um ihren perſönlichen Ehrgeiz zu thun. Nicht daß die Muſik das Herz rühre und Wohlgefallen errege, wollen ſie, ſondern daß man über die erſtaunliche Kunſtfertigkeit des Vortragenden in Verwunderung, in Erſtaſe gerathe und die Muſik, die Melodie zur Nebenſache werde. Die junge Dame gebrauchte indeß ihren hohen Sopran ſo frei wie Philomele, wenn ſie im Juni im dunklen Walde ihre Abendlieder trillert. Dann ſetzte ſich Madge Bellingham an's Piano und ſpielte, wie wenig junge Lady's ſpielen— als ob ihre frohe junge Seele in der Muſik wäre.
Es war ein ungariſcher Marſch, den ſie ſpielte. Es gab da kein muſikaliſches Feuerwerk— keine Schwierigkeiten zu beſiegen, keine von jenen Paſſagen, welche die Zuhörer aus⸗ rufen machen:„Armes Mädchen, wie muß ſie ſich damit ge⸗ plagt haben!“ Es war nur eine National⸗Melodie— einfach und geiſterhebend— geſpielt, als ob der Geiſt eines Patrioten die Finger führe. Die anmuthige Geſtalt war ein wenig über die Taſten geneigt und die dunklen Augen folgten dem raſchen Fluge der Finger. Sie ſchien die Noten zu liebkoſen, die ſie anſchlug, ſie— ſpielte mit der Melodie. Stolz, Liebe, Hoffnung, Zorn, jede Leidenſchaft drückte ſie abwechſelnd aus, während ſie dieſer wilden, ſeltſamen Muſik folgte durch die Maſſe ihrer Variationen und niemals das Thema verlor. Es klang wie der Kriegsruf eines freien Volkes. Auch Chur⸗ chill Penwyn, der ſich im Allgemeinen wenig um Muſik be⸗ kümmerte, lauſchte dieſer entzückt. Eine halbe Stunde ſpäter konnte er ſich der Arie kaum erinnern, aber für den Moment war er bezaubert. Er ſtand etwas entfernt von dem In⸗ ſtrumente, bewachte die Spielende, das ſchöne Haupt mit dem dunklen Wellenhaar, das nach rückwärts in einen griechiſchen Knoten geknüpft war, den vollkommenen Hals mit dem klaſſi⸗ ſchen Halsband von alten Medaillons, in Gold gefaßt, die geſenkten Wimpern, während die niedergeſchlagenen Augen der flüchtigen Berührung folgten. Es war entzückend, Madge ſpielen zu hören, aber ſie zu ſehen, war noch reizvoller. Und die Liebe dieſes Mannes hatte alle Stärke einer zurück⸗ gedrängten Leidenſchaft. Er hatte ſich ſelbſt ſolange in Schach gehalten, und jedesmal, wenn er ſie ſah, fand er ſie mehr und mehr anbetungswürdig.
Der Abend rückte vor. Gäſte kamen und gingen. Madge ſpielte die Wirthin göttlich, immer unterſtützt von Lady Ches⸗ hunt, die in dem kleineren Salon wie in einem Tempel ſaß und die beſten Gäſte um ſich verſammelt hatte. Manche kamen nach Cavendiſh⸗Row auf ihrem Wege nach wo anders hin und waren ſehr eifrig, ihre Bekanntſchaft wiſſen zu laſſen, daß ſie zu einer großen Unterhaltung„geladen“ ſeien, daß ſie aber vorher Sir Nugent hätten eine Aufmerkſamkeit bezeigen wollen. Die letzten Gäſte gingen eine halbe Stunde nach Mitternacht, und der Letzte unter ihnen war Ehurchill Penwyn.
„Darf ich Ihnen das Buch morgen, nach dem Gottes⸗ dienſte, bringen?“ fragte er. Das Buch, wovon er mit ihr


