54 Concordia.
geſprochen, war ein Schauſpiel von Augier, kürzlich in Frank⸗ reich erſchienen.
Madge ſah verwirrt aus. Sie hatte den Wunſch, ein be⸗ ſonderes téte-à-téte mit Mr. Penwyn zu vermeiden, und Sonntag war ein unpaſſender Tag. Sir Nugent war dann wahrſcheinlich zu Hurlingham, und Viola war ein ſo thörichtes keines Ding und beinahe ſoviel wie gar Niemand.
„Wenn Sie es wünſchen,“ antwortete ſie.„Aber warum wollen Sie ſich die Mühe machen, deshalb extra hierher⸗ zukommen? Sie können es ja nächſten Sonnabend bringen, wenn Sie zu uns kommen.“
„Ich werde es morgen bringen,“ ſagte er, indem er ihr die Hand ſchüttelte.—
Die ermüdete Viola hatte am folgenden Morgen Kopfweh und fühlte ſich ſo ſchwach, daß Madge allein in die Kirche gehen mußte. Als ſie aus dem hübſchen kleinen anglikaniſchen Tempel heraustrat, fand ſie ſich Churchill Penwyn von An⸗ geſicht zu Angeſicht gegenüber. Er hatte augenſcheinlich auf ſie gewartet.
„Ich fürchtete, Sie nicht zu Hauſe zu finden,“ ſagte er im Tone der Entſchuldigung,„und ſo dachte ich, es ſei ebenſo gut, wenn ich dieſen Weg gehe. Ich wußte, daß dies Ihre Kirche iſt. Ich habe Ihnen das Schauſpiel gebracht, von dem wir geſprochen.“
„Sie ſind gütig, aber ich hoffe, Sie denken nicht, daß ich an Sonntagen franzöſiſche Komödien leſe.“
„Natürlich nicht; nur habe ich Sonntags die meiſte Muße und ich dachte, Sie würden mir Ihre Thür auch am Sonn⸗ tage nicht verſchließen.“
Die Kirche war nur eine fünf Minuten lange Wegſtrecke von Cavendiſh⸗Row entfernt. Als Sir Nugent's Thür ge⸗ öffnet wurde, folgte Mr. Penwyn Miß Bellingham in das Haus, als ob dies eine ganz von ſelbſt verſtändliche Sache wäre. Sie konnte dem nicht abhelfen und ging ruhig die Treppe empor, ihrem Schickſale entgegen. Sie wußte beinahe, was kommen würde. Es war geſtern Abend etwas in ſeinem Benehmen, was ihr ſagte, daß ein entſcheidender Schritt ſeiner⸗ ſeits ſehr nahe ſein müſſe.
„Klugheit, Muth,“ flüſterte ſie ſich ſelber zu, und dann: „Viola!“ Das letzte Wort war eine Art von Zauber.
Die Zimmer ſahen hell und heiter aus im mittäglichen Sonnenlichte, das durch ſpaniſche Rouleaux gedämpft ward. Die Blumen und die umhergeſtreuten weiblichen Putzgegen⸗ ſtände, welche die Augen Churchill's trafen, gaben dem Ganzen ein ſo heimiſches Ausſehen.
„Wenn ich es erſchwingen könnte, ihr eine ſo gute Heim⸗ ſtätte wie dieſe zu geben!“ dachte er.
Er machte die Thür hinter ſich ſorgfältig zu, ſah im Zimmer umher, um ſich zu verſichern, daß ſie allein ſeien, und ſchritt nahe zu Madge, während dieſe bei einem kleinen Tiſchchen ſtand und mit der Schließe ihres Gebetbuches tändelte.
„Ich denke, Sie wiſſen, warum ich heute kam,“ ſagte er.
„Sie haben es mir bereits dreimal geſagt— um mir „La Quarantaine“ zu bringen.“
„Ich bin gekommen, um Ihnen ein Geheimniß zu ſagen, das ich ſeit mehr als einem Jahre bewahrte. Haben Sie es niemals errathen, Madge? Bin ich geſchickt genug geweſen, die Wahrheit zu verbergen? Ich liebe Sie, Theuerſte! Ich,
der arme Churchill Penwyn, wage es, eine der erſten Schön⸗ heiten der Saiſon anzubeten. Ich, der in Jahren nicht dazu
kommen kann, Ihnen ein Haus in May⸗Fair anzubieten. Ich,
der es höchſtens wagen darf, ein häusliches Leben in einem Quartiere zu Bloomsbury zu beginnen, unterſtützt von den Früchten meiner Feder. Es klingt wie Wahnſinn; iſt es nicht ſo?“
„Es iſt Wahnſinn,“ antwortete ſie, indem ſie ihn mit ihren aufrichtigen Augen voll anſah.
Die Antwort überraſchte und demüthigte ihn. Er meinte, ſie liebe ihn— würde bereit ſein, um ſeinetwillen der Ar⸗ muth zu begegnen. Sie war ſo jung und konnte kaum noch die Weltklugheit ſich angeeignet haben.
„Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte er, und eine ſeltſame Veränderung kam über ſein Geſicht, eine plötzliche Kälte, welche dieſe beſtimmten Geſichtszüge ausſehen machte, als wä⸗ ren ſie aus Stein gehauen.„Es ſcheint, daß ich mich die ganze Zeit her ſelbſt getäuſcht. Ich dachte nicht, daß ich Ihnen ganz gleichgiltig ſei!“
Die Lider ſenkten ſich über die dunklen Augen Madge Bellingham's für einen Moment, dann wurden dieſe gehoben, und ihr Blick begegnete dem Churchill's. Dieſer eine Blick ſagte Alles! Sie liebte ihn!
„Ich habe die Welt kennen gelernt, während es anderen Mödchen geſtattet war, zu träumen,“ ſagte ſie.„Ich weiß,
was eine Laſt von Schulden bedeutet. Armuth bringt Ver⸗
ſchuldung als natürliche Folge. Wären Sie ein Holzfäller und könnten wir in einer armen Hütte leben und unſere Lebensweiſe bezahlen, es wäre nichts Erſchreckendes in einer Heirat. Aber unſere Welt wird uns ſo nicht leben laſſen. Wir müſſen feine Ladies und Gentlemen ſpielen, während unſere Herzen brechen und unſere Gläubiger ruinirt werden. Seit langer Zeit habe ich den feſten Entſchluß gefaßt, nur einen reichen Mann zu heiraten. Wenn ich Ihnen je anders, denn als eine Weltdame erſchien, die weltlichen Erfolgen zu⸗ gethan iſt, ſo bitte ich Sie demüthig, mir zu verzeihen.“
„Madge,“ rief Churchill leidenſchaftlich,„ich will Ihnen Alles verzeihen, wenn Sie nur freimüthig ſein wollen. Sollte ſich mein Glück plötzlich ändern, vielleicht durch einen unvor⸗ hergeſehenen Erfolg in meinen Geſchäften, würden Sie mich dann annehmen?“
„Stände ich allein in der Welt, hätte ich nicht meine Schweſter zu berückſichtigen, ſo würde ich Sie morgen hei⸗ raten. Ja, und wenn Sie auch ein Bettler wären,“ ant⸗ wortete ſie erhaben.
Er drückte ſie an ſeine Bruſt und küßte dieſe ſtolzen Lip⸗ pen. Es war der erſte Kuß der Liebe, der jemals auf ihnen geruht hatte.
„Ich will reich werden um Ihretwillen, ausgezeichnet um Ihretwillen,“ ſagte er ungeſtüm,„wenn Reichthum und Ruhm in dem Bereiche der Anſtrengungen eines Mannes ſind!“
6. Kapitel. Ohne Liebe— kein Leben auf Erden! Der erſte ſchwache Lichtſtreif des Tages ſchied die Wolken im Oſten, als James Penwyn zu dem„Waſſervogel“ zurück⸗ ging; aber ſo ſpät es war und obgleich die verſchiedenen Mühen des Tages ihn wohl zur Ruhe einluden, wartete
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