Concordia.
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die Polizei auf den Hals zu hetzen, ſo wäre ich wohl bereit⸗ williger, zu ſagen, was ich weiß.“
„Ihr ſeid eine ſeltſame Frau,“ ſagte Churchill nach einer längeren Pauſe,„und ich ſetze voraus, daß Ihr Euren eigenen Plan habt.“
„Ja, Euer Ehren, ich habe meine eigenen Anſichten.“
„Was Eure Geſchichte betrifft, ſo zweifle ich, ob ſie, auch ſogar unterſtützt von dem Taſchentuche, das Ihr einen Beweis nennt, vor einer Jury das geringſte Gewicht haben würde. Ich dränge Euch daher auch nicht, Eure Erklärung vorzu⸗ bringen, obgleich es meine Pflicht iſt, als nächſter Verwandter meines Couſins, mein Beſtes zu thun, um ſeinen Mörder der V Gerechtigkeit zu überliefern.“
„Das iſt es gerade, was ich dachte, Euer Ehren.“
„Ganz in der Ordnung. Ihr hattet recht, den Gegen⸗ ſtand vor mich zu bringen. Es wird für mich nöthig ſein, zu wiſſen, wann und wo ich Euch in Zukunft finden kann, ſodaß, wenn die rechte Zeit kommt, Ihr zur Hand ſeid, um Eure Angabe zu machen.“
„Wir ſind nur Wanderer auf dem Angeſichte der Erde, gütiger Gentleman,“ jammerte die Zigeunerin.„Es wird nicht leicht ſein, uns zu finden, wenn Ihr uns braucht.“
„Das habe ich gedacht,“ erwiderte Churchill nachdenklich. V
„Wenn Ihr nur irgend eine feſte Heimat hättet; wie? Ihr werdet alt, müßt des Herumwanderns müde ſein, meine ich. Es kann doch nicht ſo angenehm ſein, immer nur auf Stroh zu ſchlafen, unter zerlumpten Zelten, in einem Klima, wo die rauhen Oſtwinde eher die Regel als die Ausnahme ſind. Ich ſollte denken, dieſe Art Exiſtenz müßte ſehr aufreibend wirken in Eurem Alter.“
„Aufreibend! Gepeinigt, qualvoll gepeinigt werde ich von Rheumatismen jeden Winter, Euer Ehren. Meine Gebeine ſind weniger Knochen, denn nagend Wölfe— ach, ſie quälen mich ſo. Zuweilen iſt mir, als ob ich ſelbſt ein Glied mir abhauen könnte, um der Schmerzen darin loszuwerden. Eine feſte Heimat— ein warmes Bett— ein eigener Herd— das wäre der Himmel für mich!“
„Nun, ich werde darüber nachdenken und ſehen, was ich für Euch thun kann. Inzwiſchen will ich Euch eine Kleinig⸗ keit geben, daß Ihr Euch in Rheumatismen beſſer pflegen könnt.“
Er öffnete ſeine Börſe und gab der Frau eine Banknote, einen Theil einer Anzahlung, die Mr. Pergament ihm dieſen Morgen gemacht. Die Zigeunerin brach in einen Strom von Segnungen aus— die Dankbarkeit, die ſie ihren Wohlthätern zu zollen gewöhnt war.
„Seid Ihr jemals in Cornwall geweſen?“ fragte Churchill.
„Der Herr liebe Euer Ehren! Es iſt nicht ein Winkel oder ein Eckchen in ganz England, wo ich nicht geweſen!“
„Gut. Wenn Ihr zufällig nach Cornwall kommen ſolltet, zu irgend einer Zeit während der nächſten drei Monate, ſo mögt Ihr Euch bei mir ſehen laſſen— auf dem Rittergute Penwyn.“
„Der Himmel ſegne Euch, mein großmüthiger Gentleman; es wird nicht lange dauern, bis Ihr mich ſehet.“ „Wie es Euch gefällt,“ entgegnete Churchill mit der Miene der Gleichgiltigkeit, die er wie ein Wahrzeichen ſeiner Ge⸗ ſellſchaftsklaſſe angenommen.„Lebt wohl!“
Er wendete ſich, um in die Stadt zu gehen, und ließ die Frau allein am Uferrande des Fluſſes ſtehen, von wo ſie ihm lange nachſah, verloren in Gedanken oder in Verwunderung.
15. Kapitel. „Die Einen gehen, die Anderen nehmen ihre Plätz
Der Brief, welcher Miß Bellingham erzählte, daß ihr Ge⸗ liebter Herr und Beſitzer des Gutes Penwyn ſei, erſchien ihr beinahe wie das Ende eines Feenmärchens. Lady Cheshunt war ihr in's Haus gefallen zum Nachmittags⸗Thee, nur eine Viertelſtunde ehe der Brief ankam, und Madge beſchäftigte ſich mit den alten Batterſea⸗Schalen und Taſſen und mit dem wunderlichen kleinen Theetopf von Wedgewood, als der wohldreſſirte Diener, der niemals ein Jota von ſeiner ſtandes⸗ gemäßen Feierlichkeit und Würde nachließ, wenn auch ſein Tagelohn mitunter etwas zweifelhaft war, Churchill's Brief auf einem antiken Präſentirteller überreichte.
„Bitte, legt es auf den Tiſch,“ ſagte Madge, mit dem Thee⸗Service beſchäftigt und ſich deſſen peinlich bewußt, daß das Auge der Wittwe beobachtend auf ihr ruhe. Sie hatte auf einen Blick Churchill's Handſchrift erkannt und dachte, wie verwegen, ja wie unverſchämt es von ihm ſei, ihr zu ſchreiben. Es war unedel von ihm, dachte ſie, ihre Schwäche vom Sonntagsmorgen ſo auszubeuten. Es iſt wahr, daß ſie ihm in einem verhängnißvollen Momente das Geheimniß hatte entdecken laſſen, welches ſie ſonſt am ängſtlichſten verbarg; aber ſie hatte ihm kein Recht über ſie gegeben. Sie hatte ihm kein Verſprechen gemacht. Sie hatte es nur nicht ver⸗ leugnet, daß ſie ihm gut war.„Wenn wir in einer anderen Geſellſchaftsſphäre lebten— wenn ich nur mich allein in Be⸗ tracht zu ziehen hätte!“ Das war es beiläufig, was ſie ihm geſagt. Das bedeutete doch, daß ſie nichts für ihn thun könne unter den obwaltenden Umſtänden.
Sie blickte auf Viola, dieſe zarte Schönheit, die ſo wenig geeignet war, den Kampf mit einem dornenvollen Leben auf⸗ zunehmen.
„Armes Kind! Um ihretwillen ſollte ich Mr. Balecroft heiraten, den reichen Kaufmann in Mancheſter, oder den ab⸗ geſchmackten jungen Geck, Sir Henry Featherſtone,“ dachte ſie mit einem Seufzer.
„Leſen Sie Ihren Brief, meine Liebe,“ ſagte Lady Ches⸗ hunt, indem ſie ein Stück Zucker in ihre Theeſchale warf und dabei einen ſcharfen Blick auf die Adreſſe richtete, welcher das warme vothe Blut in Madge Bellingsham's Wangen brachte. Die gutmüthige Wittwe erlaubte ſich dieſe Verletzung des guten Tones in ihrer warmen Zuneigung für Madge. Die Hand⸗ ſchrift war unzweifelhaft die eines Mannes. Das war Alles, was Lady Cheshunt entdecken konnte.
Miß Bellingham brach das Siegel und verſuchte, gefaßt und indifferent auszuſehen, aber nachdem ſie Churchill's Brief haſtig geleſen, brach ſie in einen Schrei des Entſetzens aus.
„Gott im Himmel, es iſt zu ſchrecklich!“ rief ſie aus.
„Was iſt zu ſchrecklich, Kind?“
„Sie erinnern ſich, worüber wir letzten Sonnabend Abends ſprachen, als Sie ſich ſo viel Mühe gaben, mich bezüglich Mr. Penwyn's vor mir ſelbſt zu warnen.“
„Bezüglich des armen Mr. Penwyn? Ich erinnere mich vollkommen; und dieſer Brief iſt von ihm— der Mann hat
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