gefaßt Brief aus.
5.
lbends 1 Mr. 3 nich an hat
—
——
Concordia. 171
die Kühnheit gehabt, Ihnen ſeine Hand anzutragen? Sie mögen wohl ſagen, daß dies zu ſchrecklich ſei.“
„Sein Couſin iſt ermordet worden, Lady Cheshunt— ſein Couſin, Mr. James Penwyn.“
„Und Ihr Anbeter kommt in Beſitz des Gutes Penwyn?“ rief die energiſche Wittwe.„Meine theuerſte Madge, ich gratulire Ihnen! Der arme junge Penwyn! Ein Schul⸗ knabe, glaube ich, oder ein Bürſchchen auf der Univerſität. Niemand ſcheint viel von ihm zu wiſſen.“
„Er iſt ermordet worden. Erſchoſſen hinter einer Hecke hervor zur Nachtzeit von irgend einem gemeinen Mörder. Iſt das nicht ſchrecklich?“ ſagte Madge, zu ſehr erſchüttert von der Nachricht in dem Briefe ihres Verehrers, um an die ver⸗ änderten Glücksumſtände des Letzteren zu denken. Sie konnte nicht ſofort froh ſein, obgleich der Mann, den ihr Herz bevor⸗ zugte, von Armuth zum Reichthum gelangt war. Für einige Zeit wenigſtens konnte ſie nur an das arme Opfer denken.
„Schrecklich!“ wiederholte Lady Cheshunt.„Die Polizei ſollte ſolche Dinge unmöglich machen. Man bezahlt hohe Steuern, bis man nahezu ruinirt iſt, und das geſchieht doch zunächſt, damit wir den öffentlichen Schutz genießen, und doch kann man auf offener Landſtraße hingemordet werden und nicht ſelten geht der Thäter ſtraflos aus. Es muß etwas faul ſein mit unſerer Geſetzgebung. Ich hoffe, daß ſich die Dinge beſſern, wenn unſere Partei an’'s Ruder gelangt. Sehen Sie auf dieſes Kind, auf Viola. Sie iſt bleich wie ein Blatt Papier— gerade, als ob ſie in Ohnmacht ſinken ſollte. Sie hätten mit der Mordgeſchichte nicht ſo heraus⸗ platzen ſollen, Madge..“
Viola ſchluchzte leiſe und verſprach, diesmal nicht ohn⸗ mächtig zu werden. Sie war ein ſo empfindliches Weſen, daß ſie in der That ſehr zu Ohnmachten hinneigte. Sie näherte ſich Madge, kniete an ihrer Seite nieder und küßte ſie zärtlich, denn ſie wußte genug von den Gefühlen ihrer Schweſter, um zu verſtehen, daß dieſes verhängnißvolle Er⸗ eigniß vielleicht zu deren Vortheil diene.
„Seltſam, daß ich von dieſer Geſchichte noch nichts in den Zeitungen gefunden,“ rief Lady Cheshunt.„Aber ich leſe nur die„Poſt“, und die bringt nichts über Mordthaten.“
„Papa iſt in Newmarket,“ ſagte Wola,„und Madge und ich thun ſelten einen Blick in die Zeitungen, und wir hören auch nichts Neues, wenn er fort iſt.“
Madge ſaß ſchweigend und blickte auf Churchill's Brief, bis ſich jedes Wort deſſelben gleichſam ihrem Gedächtniſſe eingebrannt hatte. Wie wohl kannte ſie dieſe feſte, ſichere Hand, die langen und ſchmalen, ein wenig ſpitzen Buchſtaben!
„Und doch muß er ſehr aufgeregt geweſen ſein,“ dachte ſie; auch ein ſo ruhiger, ſtarker Charakter wie der ſeine mußte erſchüttert werden. Wer hätte nach dem, was er mir letzten Sonntag ſagte, denken ſollen— daß er ſo plötzlich zu Reich⸗ thum und einer hervorragenden Stellung gelangen würde. Es liegt etwas Schauerliches darin.“
Lady Cheshunt hatte nunmehr ihre gewöhnliche Heiter⸗ keit wieder gewonnen und ſah auf James Penwyn's Tod wie auf einen Gegenſtand, der für den Moment abgethan ſei. Sie drückte nur noch ihre Abſicht aus, bei einiger Muße die Details des Ereigniſſes in den Zeitungen zu leſen.
„Und ſo, meine theure Madge, ſchrieb Ihnen Mr. Penwyn alſo augenblicklich,“ ſagte ſie.„Sieht das nicht aus, als ob zwiſchen Ihnen Beiden ein Einverſtändniß beſtände?“
„Es iſt kein Einverſtändniß zwiſchen uns, Lady Cheshunt, ausgenommen, daß ich niemals M. Penwyn's Gattin werden konnte, ſolange er ein armer Mann war. Er verſtand dies vollkommen. Ich ſagte das ihm in den deutlichſten, härteſten Worten, wie eine Weltdame, die ich bin.“
„Sie brauchen das nicht ſo verächtlich zu ſagen, Madge. Auch ich bin eine Dame von Welt, und gebe es ohne Er⸗ röthen zu. Was nützt es, in der Welt zu leben, wenn man ſich nicht deren Klugheit aneignet? Es wäre gerade ſo, als ob man ebenſo lange in einem fremden Lande lebte, ohne deſſen Sprache zu lernen. Das würde auf Stupidität deuten. So ſagten Sie alſo Churchill Penwyn geradezu, daß Sie ihn wegen ſeiner Armuth nicht heiraten könnten! Und ich ſetze voraus, daß Sie ſich verpflichteten, zehn oder zwanzig Jahre auf ihn zu warten und jedes anſtändige Anerbieten um ſeinet⸗ willen zurückzuweiſen?“
„Nein, Lady Cheshunt, ich verſprach nichts.“
„Nun, meine Theure, die Vorſehung iſt ſehr gütig gegen Sie geweſen; denn wenn Mr. Penwyn arm geblieben wäre, würden Sie ohne Zweifel früher oder ſpäter um ſeinetwillen eine Thorheit begangen und ſich entſchloſſen haben, in Bloomsbury zu leben, wo ich Sie auch nicht einmal hätte be⸗ ſuchen können, ſchon meiner Diener wegen. Man könnte ſich noch ſelbſt über derlei Dinge hinausſetzen, aber die Kutſcher nehmen es nicht gleichgiltig auf, wo ſie warten.“
Ihre Herrlichkeit ſchwatzte noch eine Viertelſtunde ſo fort, verſprach Madge, gelegentlich nach dem Gute Penwyn zu kommen und ſich da einige Zeit aufzuhalten, gratulirte Viola zu dem guten Glück ihrer Schweſter und hoffte, daß Madge es nicht unterlaſſen würde, die Saiſon in London zuzubringen, wenn ſie Mrs. Penwyn geworden, während Madge daſaß, ohne zu antworten, und kaum dieſem Geſchwätz lauſchte, ſon⸗ dern dachte, wie ſchreckhaft es doch ſei, ſo plötzlich zu großem Vermögen zu kommen, beſonders wenn der Tod eines Men⸗ ſchen der Herold ſei, der es ankündige. Sie fühlte ſich be— ruhigt, als Lady Cheshunt ihre ſeidene Schleppe zum letzten Male zuſammennahm und die Treppe hinabrauſchte zu dem eleganten Viktoria⸗Wagen, der viel zu leicht und feenhaft ge⸗ baut ſchien, um eine ſo gewichtige Matrone aufzunehmen.
„Dem Himmel ſei Dank, daß ſie fort iſt!“ rief Madge. „Was ſie doch Alles ſpricht!“
„Ja, Liebe, aber ſie iſt immer gütig,“ ſagte Viola ſanft, „und Dir ſo zugethan.“
Madge ſchloß ihre Arme um das Mädchen und küßte ſie leidenſchaftlich. Die ſchweſterliche Liebe war faſt das ſtärkſte Gefühl in ihrer Bruſt, und alle Affekte waren bei Madge ſtark. Ihre Liebe glich nicht einer Miſchung von Milch und Waſſer.
„Theuerſte,“ fagte ſie weich,„wie glücklich können wir jetzt ſein! Ich hoffe, es iſt nicht ruchlos, ſich glücklich zu fühlen, wenn das Glück in ſo furchtbarer Weiſe zu uns kommt.“
„Du intereſſirſt Dich alſo doch ein wenig für Mr. Penwyn, liebe Schweſter?“ ſagte Viola, ohne auf die düſtere Angelegen⸗ heit weiter einzugehen.
„Ich liebe ihn von ganzem Herzen und aus ganzer Seele.“
„Ach, Madge, und Du haſt es mir niemals geſagt!“ 22*


