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Concordia.
„Warum Dir etwas ſagen, das Dich hätte unglücklich machen können? Ohne dieſe Wendung ſeines Glückes hätte ich niemals davon geträumt, Churchill zu heiraten. Um Deinet⸗ willen, liebſte Schweſter, mehr als um meinetwillen, wünſchte ich das zu machen, was man eine gute Partie nennt. Ich wünſchte, Dir eine glückliche Heirat zu gewinnen, ſodaß, wenn Deine Zeit zum Heiraten kommt, Du nicht gedrängt und an⸗ geſpornt würdeſt von dieſen Weltmenſchen, wie es mir geſchah, ſondern dem Drange Deines eigenen Herzens folgen könnteſt.“
„O, Madge, Du biſt doch zu gut!“ rief Viola mit Enthuſiasmus.
„Jetzt werden wir recht glücklich ſein, nicht wahr, Herzens⸗ ſchweſterchen?“ fuhr die Aeltere fort;„wir werden miteinander leben in einem maleriſchen alten Schloſſe zu Cornwall, wo die großen Wogen des atlantiſchen Ozeans an die ſteilen Felſen⸗ küſten rollen— und zuweilen in London, wie Chuͤrchill es wünſcht— und wir werden nichts mehr wiſſen von Schulden und anderen Sorgen, und uns nicht ſo abmühen müſſen, um doch wie Ladies auszuſehen mit dem Einkommen von Kam⸗ mermädchen. Ein neues Leben wird für uns beginnen, Viola!“
„Der arme Papa!“ ſeufzte Viola.„Du wirſt doch auch für ihn etwas thun, Madge?“
„Meine Theuerſte, Du weißt, daß ich ihn liebe. Papa wird ſehr froh ſein, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, und er wird wieder leben wie ein Junggeſelle, wenn er nicht für zwei heiratsfähige Töchter zu ſorgen hat.“
„Wann wirſt Du Dich verheiraten, Madge?“
„O, das wird nicht ſogleich geſchehen; ich ſollte denken, doch nicht vor einem Jahre. Churchill wird in Trauer ſein für ſeinen Couſin, und es würde ſich für ihn nicht ſchicken, ſo bald nach dieſem fürchterlichen Ereigniſſe zu heiraten.“
„Ich denke das auch. Aber wirſt Du ihn bald ſehen?“
„Sehr bald, meine Liebe. Hier iſt ein Poſtſkriptum.“ Madge las die letzten Zeilen des Briefes Ihres Geliebten. „„Ich werde ſogleich nach Cavendiſh⸗Row zurückkommen, wenn die Leichenbeſchau vorüber iſt und alle ſonſtigen Anordnungen getroffen ſind, und mein erſter Beſuch wird der bei Ihnen ſein.“
„Natürlich! Und Du liebſt ihn wirklich, Madge, wirklich?“ fragte Viola eifrig.
„Wirklich, wirklich! Aber warum fragſt Du ſo, Viola, nach Allem, was ich Dir ſoeben ſagte?“
„Nur weil Du mich damit ſo überraſcht haſt, Liebſte, und — ſei aber nicht bös auf mich, Madge,— weil Churchill Penwyn niemals ein Liebling von mir geweſen iſt. Aber natürlich werde ich nun beginnen, ihm herzlich gut zu ſein. Du biſt ein viel beſſerer Richter über einen Charakter, Madge, als ich es ſein kann, und wenn Du denkſt, daß er gut und aufrichtig iſt—“
„Ich habe niemals an ſeine Güte und Aufrichtigkeit ge⸗ dacht,“ ſagte Madge mit einem etwas düſteren Blick.„Ich weiß nur, daß ich ihn liebe.“
16. Kapitel. „In dem Leben jedes Menſchen liegt eine Geſchichte.“
Nach ſeiner Rückkehr nach London verlor Churchill ſehr wenig Zeit, bis er ſich in Cavendiſh⸗Row präſentirte. Er ging nicht an dem Tage hin, an welchem ſein Couſin beerdigt
wurde. Dieſe düſtere Stimmung ſchien ihm ungeeignet, um an ſie geſelliges Vergnügen zu knüpfen, namentlich mit einem ſo heiteren Geiſte, wie Madge Bellingham ihn beſaß. Sein Gefühl ſagte ihm, geradezu vom Begräbnißplatze zu ihr zu gehen, hieße die Atmoſphäre des Grabes in ihre Heimſtätte tragen. Die Beerdigung ſchien ihn mehr in Affekt zu bringen, als man es von einer ſolchen Feierlichkeit bei einem Manne von ſo philoſophiſchem Temperament hätte annehmen mögen. Aber die ſtillen, reſervirten Menſchen— Menſchen, die ſich immer ſelbſt in Schach halten— ſind zuweilen doch Menſchen von tiefſtem Gefühl. So dachte Mr. Pergament, als er bei der Gruft zu Kenſal⸗Green dem neuen Herrn von Penwyn gegenüberſtand und ſein bleiches Geſicht und die Düſterheit ſeiner Miene beobachtete.
Churchill fuhr geradenwegs zurück nach dem Temple mit Mr. Pergament als Begleiter, welcher Gentleman begierig war, nach New⸗Square zurückzukehren, um die ihm durch die Nachmittagspoſt zugegangenen Briefe zu leſen, bevor er ſich hinab begab nach ſeiner luxuriöſen Villa zu Beckenham, wo er im größten Ueberfluſſe lebte. Es ſchien ein endloſer Weg von Kenſal⸗Green nach Fleet⸗Street in dem düſteren Trauer⸗ wagen. Mr. Pergament und ſein Klient hatten ihre Konver⸗ ſation auf dem Wege zum Friedhofe erſchöpft, und nun auf der Rückkehr blieb ihnen nur mehr wenig zu ſagen übrig. Es war ein heißer Sommer⸗Nachmittag— im Auguſt— gleichſam ein Junitag, der durch einen meteorologiſchen Irr⸗ thum der Natur etwas ſpäter kam. Die Trauerkutſche war heiß wie eine Lokomotive— die Straßen ſchienen wie verſengt unter dem mitleidsloſen Himmel. Harrow⸗Road hatte nie⸗ mals ſtaubiger ausgeſehen.
„Wie häßlich ſind doch dieſe zerklüfteten, ärmlichen Vor⸗ ſtädte!“ ſagte Mr. Penwyn. Es war die erſte Bemerkung, die er nach dem Schweigen einer ganzen Stunde machte.
Die einzige Antwort des Advokaten war ein ſanftes Schnarchen. Es iſt ſo leicht, eingelullt zu werden durch die Bewegung von Wagenrädern an einem heißen Nachmittage.
„Wie der Menſch ſchläft!“ murmelte Mr. Penwyn beinahe ärgerlich. Ich wünſchte, daß ich das Kunſtſtück verſtände, ſo zu ſchlafen.“
Es iſt der Fluch der hyperaktiven Geiſter, daß ſie ſchwerer als Andere die Ruhe des Schlafes finden.
Der Wagen fuhr endlich bei einem der Thore des Temple vor und Mr. Pergament erwachte durch das plötzliche Anhalten.
„Beim Himmel!“ rief er aus.„Ich war eingeſchlafen!“
„Wußten Sie das nicht?“ fragte Churchill etwas ſpöttiſch⸗
„Keine Idee! Die Hitze iſt drückend. Hier ſind wir bei Ihrer Wohnung. Nebenbei, Sir, wann wünſchen Sie nach Penwyn hinabzugehen?“
„Uebermorgen. Ich möchte, daß Sie mitgehen, um mich formell in Beſitz zu ſetzen. Sie können die betreffenden Doku⸗ mente wohl mit ſich nehmen. Die Miethverträge behalten Sie natürlich.“—
Mr. Pergament, deſſen Denkkraft vielleicht noch etwas unter der Nachwirkung des Schlafes war, ſchien überraſcht bei dieſem Wunſche. Die Dokumente bezüglich des Beſitzes Penwyn waren ſeit einem halben Jahrhundert in der Amts⸗ kanzlei von Pergament und Pergament geweſen. Der neue Herr ſchien hierin ſchärfer werden zu wollen als der alte


