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Concordia. 173
Squire, Michelas Penwyn, der unter den gemeineren Be⸗ wohnern der Beſitzung unter dem Namen„Old Nick“(ſoviel wie: der Teufel) bekannt geweſen war.
„Wenn Sie es wünſchen, natürlich,“ ſagte Mr. Pergament; und dann ſchieden ſie mit kurzem Gruße von Seite Churchill's.
„Wie der Reichthum die Menſchen ändert!“ dachte der Advokat, als ihn die Kutſche nach New⸗Square führte.„Die⸗ ſer junge Mann ſieht aus, als ob er ſchon die Sorge für eine Nation auf ſeinen Schultern hätte. Seltſam, daß er die Eigenthums⸗Dokumente in ſeiner eigenen Verwahrung zu haben wünſcht. Ich denke aber doch nicht, daß er ſeine Geſchäfte aus unſeren Händen nehmen wird— und ſollte er es, wir können auch ohne ihn beſtehen!“—
Churchill begab ſich in ſeine Zimmer im dritten Stock⸗ werk. Sie hatten auch an dieſem warmen Sommer⸗Nach⸗ mittage ein düſteres und froſtiges Ausſehen in all' ihrer fleckenloſen Anſtändigkeit. Die Zimmer lagen auf der Schat⸗ tenſeite und nach neun Uhr Morgens ſahen ſie keine Sonne mehr.
Dieſe Junggeſellen⸗Apartements waren ſehr nett gehalten und eingerichtet; ſie beſtanden aus einem kleinen Salon und einem Wohnzimmer, das ſonſt auch als Bureau verwendet worden, und aus einem Schlafgemach, aber die Einrichtung war doch nicht über fünfundzwanzig Pfund werth. Ein alter türkiſcher Teppich war ſchon öfters durch die Finger eines Tapezierers ausgebeſſert worden; die grünen Vorhänge waren ebenfalls verſchoſſen, ein altes Schreibpult von Eichenholz ſolid, maſſiv und viel benützt, aber alle Papiere darauf ſorg⸗ fältig geordnet— das Tintenzeug fleckenlos und wohl gefüllt; ein mit Roßhaarſtoff überzogener Lehnſeſſel mit Meſſingnägeln zeigte auf eine frühere Aera, obwohl er bequem war; daneben gab es gewöhnliche Stühle, mit gleichem Stoffe gepolſtert, und mit irgend einem Phantaſiewappen an den geſchnitzten Lehnen; einen gebrechlichen alten Bücherſchrank, mit Geſetz⸗ büchern gefüllt; nur ein Bret war für die leichtere Literatur reſervirt. Alles war ſo rein, als Arbeit und Politur es machen konnten, Alles an ſeinem Platze.
Churchill ſah ſich mit einem gedankenvollen Lächeln in dem Zimmer, das er betreten, um— es war kein freudiges Lächeln— dann ſetzte er ſich in ſeinen Armſtuhl und öffnete ein Cigarrenkiſtchen auf einem Tiſchchen an ſeiner Seite.
„Wie deutlich die Armuth ihren Stempel auf Alles drückt!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„die Einrichtung ſieht aus, als ob ſie von einem Auktionator zurückgewieſen worden wäre; die ver⸗ bleichten Vorhänge, an denen kaum eine andere Farbe ſicht⸗ bar iſt, als die neutralen Tinten der Vergänglichkeit; der ge⸗ flickte Teppich,— eine wohlbedachte Armuth, wie Sheridan es nennt— das Merkmal des Unterganges an Allem. Und doch verlebte ich manche glückliche Stunde in dieſen Zimmern — geduldige Nächte des Studiums— im Feuer des Ehr⸗ geizes— im Sonnenlichte der Hoffnung— Stunden, in welchen ich annahm, daß Ruhm und Glück erſt nach einer langen Reihe mühevoller Jahre zu erreichen ſeien— Stun⸗ den, in denen ich mich ſtark fühlte in Geduld und Entſchloſſen⸗ heit! Ich werde auch in meinem neuen Leben manchmal an dieſe Zimmer denken— vielleicht von ihnen träumen— mich in ſie zurückdenken.“
Er ſaß lange Zeit nachdenkend— ſo verloren in Ge⸗ danken, daß er vergaß, die Cigarrre anzuzünden, die er aus
dem Kiſtchen genommen. Endlich erwachte er mit einem Seufzer aus dieſer Träumerei, zuckte ungeduldig mit den Schultern, als ob er irgendwelche Ideen abſchütteln wollte, die ihn beunruhigten, und nahm ein Buch auf gut Glück von dem Bücherſtande auf ſeinem Tiſche, wo ein halbes Dutzend ſeiner Lieblingswerke geordnet ſtand— Rabelais, Sterne, Goethe's„Fauſt“, ein Band von Voltaire— die wohl ge⸗ eignet waren, ſeine eigene Geiſtesrichtung zu kennzeichnen. Churchill's Hand ergriff zufällig„Fauſt“.
Er öffnete den Band am Beginne dieſes mächtigen Dra⸗⸗
ma's und las— las, bis ihm das Buch aus der Hand fiel und er daſaß wie eine Statue, zu Boden ſtarrend im dumpfen Hinbrüten.
„Ja, ja, die Unzufriedenheit iſt der wahre Verſucher— der böſe Feind, der immer das Ohr des Menſchen beſtürmt. Wer könnte weiſer ſein als Fauſt? Und doch, wie leicht ward er betrogen! Nun, ich habe mein Gretchen endlich, und weder ein Mann noch ein böſer Geiſt, der auf Erden wandelt in Menſchengeſtalt, ſoll zwiſchen uns treten.“
Churchill zündete ſeine Cigarre an und verließ ſein ruhiges Zimmer, welches ihm jetzt ſo unangenehm ſchien, als ob es von dem geſpenſtiſchen Pudel beſetzt wäre, den der deutſche Doktor mit ſich nach Hauſe gebracht hatte. Er ging nach den Gärten des Temple und ſchritt dort an dem kühlen Fluſſe auf und ab, während die Abendnebel ſich erhoben und die Raſenplätze mit einem feinen grauen Schleier überwoben.
Hier ſchritt Churchill lange hin und her— und dachte immer und immer— der Beſitz hat ſo viele Sorgen; und dann, als andere Leute längſt bei dem Abendmahle waren, ging er hinaus in die Fleet⸗Street in ein Reſtaurant, das nahe daran war, zu ſchließen, und beſtellte ſein ſpätes Souper. Als dieſes kam, zeigte er nur wenig Appetit und fand nur Geſchmack an einem Glaſe Claret. Er ſah begierig dem Morgen entgegen, an dem er Madge Bellingham ſehen und ein neues Leben beginnen ſollte. Bisher hatte er nur die Unannehmlichkeiten ſeiner Lage gehabt— die Unterſuchung— das Begräbniß. Morgen ſollte er die Süßigkeiten des Glückes verkoſten.
17. Kapitel. „Auch nicht der Tod kann meine SHeele von Dir trennen!“
Churchill Penwyn verlor keine Zeit an dem Morgen, dem er ſo begierig entgegengeſehen. Er war um Elf in Cavendiſh⸗ Row, in dem hübſchen Salon, zwiſchen heiter und glänzend gebundenen Büchern und Muſikalien und Blumen, umgeben von Farbe, Leben und Sonnenſchein. In ſeinen Armen hielt er Madge Bellingham.
In den erſten wenigen Augenblicken konnte Keines von ihnen ſprechen; ſie ſtanden ſchweigend, das dunkle Haupt des Mädchens ruhte auf der Bruſt ihres Geliebten, ihre Wangen waren bleich vor tiefem Gefühl, während ſeine ſtarken Arme ſie umſchloſſen.
„Meine theuere Geliebte!“ murmelte er nach einem Kuſſe, der das warme Blut in Ihre bleichen Wangen zurückbrachte. „Endlich ganz mein! Wer hätte gedacht, als wir ſchieden, daß ich ſo bald mit geänderten Glücksumſtänden zu Ihnen zurückkommen würde?“
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