Jahrgang 
1 (1879)
Seite
174
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Soncordia.

So ſeltſam bald, ſagte Madge. etwas Schaudererregendes darin!

Das Faktum iſt immer ſchauerlich, Theuerſte! Es iſt die Gottheit, die immer war, immer ſein wird, und deren Schleier noch keines Menſchen Hand gelüftet. Wir ſind blinde Verehrer in ihrem Tempel und müſſen die Looſe hinnehmen, wie ſie dieſelben austheilt in ihrer Unerforſchlichkeit. Wir ſind jetzt unter ihren begünſtigten Kindern, Theuerſte, denn ſie hat uns Glück gegeben.

Ich weigerte mich, Ihre Gattin zu werden, weil Sie arm waren, Churchill. Können Sie mir das ganz verzeihen? Muß ich Ihnen nicht ſelbſtſüchtig und käuflich erſcheinen, faſt ver⸗ ächtlich, wenn ich Sie jetzt annehme?

Meine Geliebte, Sie ſind die Wahrheit ſelber! Seien Sie heute ſo edel und freimüthig, als Sie an dem Tage waren, da ich Ihnen verſprach, um Ihretwillen Ruhm und Vermögen zu gewinnen. Das Vermögen iſt nun ohne Arbeit gekommen. Es müßte mir ſehr hart ergehen, wenn der Ruhm in der Zukunft nicht folgen ſollte. Sagen Sie mir nur noch einmal, daß Sie mich lieben, daß Sie ſich meines Glückes freuen, daß Sie es theilen und ſegnen wollen!

Er machte eine kleine Pauſe vor den letzten zwei Worten, als ob ihn ein flüchtiger Gedanke beunruhigte.

Sie wiſſen, daß ich Sie liebe, Churchill, antwortete ſie ſcheu.Ich konnte neulich dieſes Geheimniß vor Ihnen nicht bewahren, obgleich ich mir Mühe gab, die Wahrheit zu ver⸗ bergen.

Und Sie werden meine Gattin ſein, Theuerſte, die ſchöne junge Herrin von Penwyn?

Zu ſeiner Zeit, Churchill. Es ſcheint beinahe unrecht, jetzt ſchon von unſerer Heirat zu ſprechen. Dieſer arme junge Mann, Ihr Couſin, hat vielleicht auch erſt vor Kurzem ein glückliches Mädchen gefragt, ob nicht ſie ſein Glück und ſeine Heimat theilen die Herrin von Penwyn ſein wolle.

Der Fall iſt ſehr traurig, ſagte Churchill,aber ſo iſt es der Lauf der Natur. Sie erinnern ſich, was der Vater der Poeten geſagt:Das Geſchlecht der Menſchen gleicht den Blättern der Bäume!

Ja, Churchill, aber die Blätter fallen im Herbſte. Dieſer arme junge Mann jedoch wurde in der Blüthe ſeiner Jugend dahingerafft und von der Hand eines Mörders.

Ich habe ſeit ſeinem Tode oft genug dergleichen aus⸗ ſprechen hören, bemerkte Mr. Penwyn mit einem umwölkten Blicke.Ich dachte, Sie würden eine wärmere Begrüßung für mich haben, als Klagen um meinen Couſin. Ohne ſeinen Tod würde ich nicht das Recht haben, Sie in meinen Armen zu halten, Sie als meine Gattin zu beanſpruchen. Sie wieſen mich zurück wegen meiner Armuth, und doch beklagen Sie das Ereigniß, das mich reich gemacht.

Miß Bellingham wand ſich mit einem Ausdruck, als be⸗ leidigten ſie dieſe Worte, aus den Armen ihres Liebhabers.

Ich würde lieber zehn Jahre auf Sie gewartet haben, hätte ich dadurch verhindern können, daß das Glück unter ſo ſchmerzlichen Umſtänden zu uns komme, ſagte ſie.

Ja, Sie denken ſo, ich glaube es. Aber ich weiß, was das Warten einer Dame ſagen will vor Allem, wenn ſie eine der größten Schönheiten Londons iſt. Madge, quälen Sie mich nicht mit kalten Worten oder Blicken; Sie wiſſen nicht, wie ich mich nach dieſer Stunde geſehnt!

O, Churchill, es liegt

Sie hatte ſich an ein kleines Tiſchchen geſetzt und blätterte müßig in einem in Elfenbein gebundenen Album. Churchill kniete an ihrer Seite nieder, erfaßte ihre auf dem Buche lie⸗ gende weiße Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. Dann legte er einen Arm um ſie und lehnte ſein Haupt gegen ihre Schulter, als ob er hier, nach langem Kummer, ſüße Ruhe fände.

Haben Sie doch mehr Theilnahme für mich, Geliebte, bat er.Mein Gemüth hat ohnedem ſo viel gelitten. Denken Sie, daß ich dieſes Unglück nicht ſelbſt ſchwer gefühlt? Gott weiß es! Aber hierher kam ich, um Glück zu finden. Es iſt Zeit genug für kummervolle Gedanken, wenn wir getrennt ſind. Hier will ich mich an nichts erinnern, nichts wiſſen und fühlen, als die Freude, bei Ihnen zu ſein, Ihre Hand zu be⸗ rühren, Ihre Stimme zu hören und in dieſe tiefen, dunklen Augen zu blicken.

In den Augen, die jetzt ſeinem Blicke begegneten, war nichts als Liebe zu finden unzweifelhafte, reiche Liebe.

Theuerſter, ich will nie wieder von Ihrem Couſin ſprechen, wenn es Ihnen wehe thut, ſagte Madge ernſt.Ich hätte bedachtſamer ſein ſollen.

Sie ſtrich mit liebkoſender Hand eine Locke aus ſeiner breiten Stirne, wo das Haar dünn wuchs ſcheu, denn es war das erſte Mal, daß ſie die Stirn ihres Geliebten be⸗ rührte, und es war etwas von der Zärtlichkeit eines Weibes in dieſer Handlung.

Churchill, rief ſie aus,Ihre Stirn brennt, als wären Sie im Fieber. Ich hoffe, Sie ſind nicht krank?

Nein, Theure, ich bin nicht krank. Aber ich war vielleicht überängſtlich, aufgeregt. Jetzt bin ich ruhig, jetzt bin ich glücklich, Madge. Wann ſoll ich mit Ihrem Vater ſprechen? Ich wünſche, mich als Ihren anerkannten Bräutigam zu ſehen.

Sie können mit Papa ſprechen, wann Sie es wollen, Churchill. Er kam letzten Abend von Newmarket nach Hauſe. Er wird erfreut ſein, Sie entweder hier oder in ſeinem Klub zu ſehen.

Und unſere Hochzeit, Madge, wie bald ſoll ſie ſtatt finden?

Ach, Churchill, Sie können nicht wünſchen, daß es ſo bald ſei, nachdem

Aber ich wünſche dennoch, daß es bald ſei, ſo bald, als es mit Anſtand geſchehen kann. Ich denke gar nicht, einen beſonderen Kummer über den Tod eines Verwandten zeigen zu wollen, von dem ich ſonſt kaum etwas gewußt habe. Ich will nicht in Sack und Aſche trauern, weil ich ein Eigenthum erbte, von dem ich niemals erwartete, es je mein nennen zu können, blos damit die Welt zuſtimmend ſage:Welche edlen Gefühle! Welche Zärtlichkeit des Herzens! Die Geſellſchaft gewährt eine Prämie für Heuchelei. Trotzdem, theure Madge, will ich gerade nur drei Monate den Trauerflor am Hute tragen, und gerade nur drei Monate darauf warten, daß das Glück meines Lebens gekrönt werde; und dann werden wir heiraten, ſo ſtill es Ihnen beliebt, und fortſchlüpfen auf irgend einem wenig betretenen Wege nach unſerem Paradieſe, nach irgend einem der lieblichſten Punkte auf Erden, die für die Honig⸗Monde noch nicht in die Mode gekommen ſind.

Sie fragen mich nicht um meine Bedingungen, ſondern diktiren die Ihrigen, ſagte Madge lächelnd.