352 Concordia.
es auf ſie, die ſo lebhaft mit ihren Empfindungen war, haben, wenn er ihre Liebe zurückwies?
Dann aber erinnerte er ſich wieder der unglücklichen Ge⸗ ſchichte von Henry Bernhard und deſſen Frau, und malte ſich aus, daß möglicherweiſe allmälig die ganze Fülle der
mädchenhaften Liebe, die ihn ſo bezauberte, in der Eintönig⸗
keit der Ehe dahinſchwinden könnte, und daß auch Petronel, ähnlich wie Henry Bernhard's Frau, in ihrer Jugend und Lieblichkeit ganz ſich ſelbſt und der Bewunderung der Welt überlaſſen werden würde.
Was ſollte aus ihm, der bis dahin in Rockbury in der höchſten Achtung ſtand, werden, wenn er Schimpf und Schande erleben ſollte, wenn er darum bemitleidet werden würde, ſeinen Glauben auf die Verſprechungen eines Kindes gebaut zu haben, oder, wenn er gar ein Nare geſcholten würde darob, daß er ſich eingebildet, er könne durch ſeine Liebe ein Mädchen ganz an ſich feſſeln, das noch ſo jung war, daß er deſſen Vater hätte ſein können?
So geringſchätzig er von ſeiner Kunſt, zu gefallen, dachte (denn ſonſt hätte er ja wiſſen müſſen, daß jede Dame es ſich zur Ehre anrechnen würde, wenn er mit ſeinen Talenten und in ſeiner Stellung ſie zur Gattin erwählte), hatte er doch einen hohen Stolz, wo es ſeinen guten Namen und ſein Ur⸗ theil galt; er wollte lieber ein Kind, als ein Thor genannt werden, war auch der Anſicht, daß letztere mehr Unheil in der Welt anrichteten als erſtere.
Eine ſolche Schande, wie ſie Henry Bernhard erfahren, zu überleben, dünkte ihm unmöglich; jedenfalls würde ſie für ihn zum wenigſten die Folge gehabt haben, daß er von der Sphäre, in der er jetzt wirkte, und von dem Orte, in dem er jetzt lebte, Abſchied genommen hätte. Die erſte Heimſuchung, die er vor Jahren erfahren, war ſchon hart genug für ihn geweſen, wie viel ſchwerer aber würde eine zweite für ihn ſein! Bei dieſem Gedanken konnte er es trotz ſeiner Liebe und Verehrung zu Petronel nicht verhindern, daß er ſich daran erinnerte, daß ſie die Tochter ihrer Mutter war und daß Ciſſy Halſtedt auch einſtmals an ſeinem Herzen geruht und ihm Worte der Liebe zugeflüſtert hatte. Dennoch konnte er ſich nicht entſchließen, das Glück, das ihm die Vorſehung ſo unerwartet dargeboten, wieder aufzugeben, obſchon er das Gefühl hatte, als nähme er etwas hin, was ihm nicht zu⸗ komme. Seine Leidenſchaft kämpfte gegen ſeine Vernunft.
Er wußte ganz genau, was er wünſchte, doch nicht, was er
thun ſollte; ſo war ſein Inneros voll von Schwankungen und Widerſprüchen.
Abends, als er in ſeiner unſicheren, halb frohen, halb geängſtigten Stimmung heimkehrte, eilte er raſch die Treppe hinauf, um ſich zum Eſſen umzukleiden. Sonderbarerweiſe hatte er eine wahre Angſt davor, daß ſeine Schweſter ihm begegnen und daß ſie ſchon etwas von ſeiner Unterredung mit Petronel erfahren haben könnte; doch der Kelch ging glücklich an ihm vorüber. Er kam ſpät, wie gewöhnlich, und als er in's Eßzimmer trat, ſaßen Marcia und Petronel ſchon am Tiſch; flüchtig begrüßte er ſie, nahm ſeinen Platz ein und verſpeiſte ſeine Suppe. Dabei war er ſo verſchämt wie ein Schulknabe und wagte nicht, ſein Auge zu ſeiner weiß⸗ gekleideten Nachbarin aufzuſchlagen; es war ihm zu Muthe, als müßten ſelbſt die aufwartenden Bedienten ihm die Schwach⸗ heit, der er anheimgefallen, anmerken. Seiner Schweſter
kam ſein Benehmen ſo ungewohnt vor, daß ſie ſich nicht ent⸗ halten konnte, ihn daraufhin anzureden.
„Ulih, Du biſt heute ja ganz in Gedanken!“ ſagte ſie,
nachdem der zweite Gang abgetragen war;„Du haſt wohl eine Beerdigung mitgemacht, und biſt daher ſo ſtill?“
Beim Klange ihrer Stimme ſchrak er zuſammen und wandte ſich ihr zu; er ſah ihr an, daß ſie noch nichts von der bevor⸗ ſtehenden Veränderung erfahren. Sie ſah heiterer und ver⸗ gnügter aus als in der erſten Zeit nach Bertram's Abreiſe, und ſchien ihm ſcherzhaft geſtimmt. Als ſie die Frage ſo leicht hinwarf, faßte er ſich ein Herz und antwortete mit dem⸗ ſelben Tone:
„Nein, ſicherlich nicht, Marcia! Ich habe mehr mit Auf⸗ erſtehungen, wie mit Beerdigungen zu thun gehabt.“
„Dann haſt Du wohl eine ſehr gelungene Kur gemacht? Doch nach Deinen ärztlichen Geheimniſſen frage ich gar nicht mehr; dazu kenne ich Dich jetzt ſchon zu gut.“
„Eine gelungene Kur, kann ich Dir ſagen!“ antwortete er räthſelhaft, und dabei wagte er, ſeine Augen zu ſeiner Ver⸗ lobten hinſchweifen zu laſſen. Petronel's träumeriſche Blicke begegneten den ſeinen ſo voller Liebe und Vertrauen, daß er ſich freudig bewegt fühlte, und als ſie ſich zur Seite ge⸗ wendet, folgte ihr ſein Auge und haftete feſt auf ihr. Sie trug ein anſpruchsloſes, weißes Muſſelinkleid und hatte ſich zwei oder drei weiße Theeroſen vor die Bruſt geſteckt, die von dunkelgrünen Blättern umgeben waren; ihr einziger Schmuck war ihr ſtarkes, in Flechten gelegtes Haar, auf welches ſich die letzten Strahlen der Abendſonne ergoſſen. Ihr fein⸗ geſchnittenes Geſicht war dem Lichte zugekehrt, das Profil war ebenſo rein wie der Ausdruck ihres zarten Mundes und wie der tiefernſte Blick ihrer klaren Augen. Als er ſie ſo neben ſich ſitzen ſah, verſunken in Gedanken, die vielleicht auf ihn gerichtet waren, ſtürmten die Gefühle, die er am Vormittage im Wohnzimmer ſchon im vollen Maße empfunden, wieder auf ihn ein, und er beſchloß innerlich, ſie ſich durch keine Macht der Welt rauben zu laſſen.
In Petronel's Zügen lag an dem Abend ein ſo ſanfter, melancholiſcher Ernſt, daß er immer unruhiger wurde; ihm wollte es ſcheinen, als ob ſie ſeine Gedanken von vorhin, die ihm nun wie eine Läſterung ſeiner Liebe vorkamen, errathen. Was ging es ihn an, wenn andere Weiber treulos und flatterhaft waren? Petronel, die er liebte, war anderer Art, ihr Herz konnte unmöglich Jemanden, der ihr nahe ſtand, kränken und betrüben. Wie rein war ihr Auge, wie ruhig und ſinnend! Schon das Erkennen ſeiner Liebe hatte ſie vom Kinde zur Jungfrau gereift, was durfte er erwarten und hoffen, wenn ſie erſt die ganze Größe derſelben erſchaute!
Er ſah auf die neben ſich Sitzende, deren unbefangener Blick dem Abendhimmel zugewandt war, und malte es ſich aus, wie ſie, mit jedem Tage ſich verſchönernd, von der Jung⸗ frau zur Gattin und Mutter reifte, im Kreiſe einer lieblichen Kinderſchaar, die ihn Vater nannte. Wäre es möglich.
Kinder in ſeinem Hauſe, das bis zu ihrem Eintritt ſo ruhig Unruhiges Getrappel auf den Teppichen, jubelndes Lachen bei ſeiner Heimkehr und dazwiſchen das
geweſen war!
theure Geſichtchen, das die Kleinen in der Liebe zu ihm unter⸗ wies! Und auf dieſes Glück, das ſeine Freunde gefahr⸗ bringend nannten und fern von ihm halten wollten, und gegen das er ſich ſträubte, als käme es aus einer anderen Hand,


