35⁵0
lich erſtaunt, denn ſo lange er ſich entſinnen konnte, war es das erſte Mal, daß Doktor Ford ſeinen Befehl verändert, der ſtets mit voller Klarheit und Beſtimmtheit gegeben wurde. Hätte er aber ſeinen Herrn im Wagen geſehen, ſo würde er noch weit erſtaunter geweſen ſein. Mit ungewöhnlich ſtrahlen⸗ den Augen und mit einem Ausdrucke, der dem Weinen ebenſo nahe ſchien wie dem Lachen, ſaß Doktor Ulih Ford und tändelte in einer eigenen, ihm ſonſt fremden Art mit ſeinen Büchern und Zeitſchriften; gedankenlos nahm er das Inſtrument, das Petronel früher ſcherzend„die hölzerne Trompete“ genannt, zur Hand, ſpielte damit und legte es in den Wagenkorb, dann griff er zu den mediziniſchen Journalen und durch⸗ blätterte ſie; doch was intereſſirten ihn in dem Augenblicke Entdeckungen und Experimente; er hatte eben bei ſich ſelbſt eine Entdeckung gemacht, die ihn mehr in Verwunderung ſetzte, als je eine andere, und nun ſollte noch ein Experiment er⸗ folgen, das Alles übertraf. Keinem der intereſſanten Artikel gelang es, ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln, eine Seite nach der anderen las er durch, ohne etwas dabei zu denken, ſein Herz klopfte ihm ſo ungeſtüm und ſtürmiſch, daß er an nichts Anderes denken konnte. Dieſer Zuſtand aber, ſo ſehr er ihn in vieler Hinſicht beläſtigte, hatte doch die Wirkung auf ihn, daß er ſich wieder jung fühlte, und als er bei Nummer 5 in der Annesley⸗Terraſſe aus dem Wagen ſprang und dort vor der Thür wartete, bis man ihn einließ, ſah er ſich das Leben und Treiben der Welt in einem ganz anderen Lichte an, es ſchien ihm, als ſei ſein Platz fortan mehr zwiſchen den Jungen und Frohen, als zwiſchen den Alten und Trübſeligen. In ſeinem Herzen klang noch immer eine liebliche Sphären⸗ muſik nach, und es zog ihn mit Allgewalt hin, dieſen Tönen ſein Ohr zu leihen. Endlich öffuete ſich ihm die Thür und er eilte fliegenden Schrittes durch die Halle nach der Bi⸗ bliothek, wo er wußte, daß er ſeinen Patienten finden würde. Ob Herr Bernhard zu Hauſe ſei, danach brauchte er nicht zu fragen, der Aermſte ſaß Tag für Tag ſchon ſeit Jahren immer auf demſelben Lehnſtuhl, an demſelben Platze, und Doktor Ford hatte keine Hoffnung mehr, daß er das Haus je anders als bei ſeiner letzten Reiſe würde verlaſſen können. Er war ein gutmüthiger alter Herr, hoch in den fünfziger Jahren; vor langer Zeit hatte ihn der Schlag gerührt; alle ſeine Leiden trug er mit muſterhafter Geduld und mit dem tröſtlichen Glauben, daß Gott Diejenigen züchtigt, welche er lieb hat. Für gewöhnlich war ſeine Stimmung gelaſſener als die ſeines Arztes, an dem Tage aber war Ulih, der in ſeiner Erregung Alles von der beſten Seite anſah, ſehr erſtaunt darüber, den Herrn Vernhard melaucholiſch und gedrückt zu treffen. Nach einigen erfolgloſen Verſuchen, ſein Intereſſe auf die gewöhnlichen Tagesereigniſſe zu lenken, redete er ihn geradezu auf den Grund ſeiner Verſtimmung an: hre Freunde laſſen Sie zu viel allein, Herr Bernhard, alle Welt draußen. Ich muß Ihnen aber doch meine Schweſter wieder einmal zu Ihrer Haben Sie kürzlich Nachricht von
„3
bei dieſem ſchönen Wetter iſt
ch Aufheiterung herſchicken. Ihrem Bruder Henry erhalten?“
Der Bruder Henry war einige Jahre jünger als Herr Bernhard und lebte als Advokat in London; im verwichenen Sommer war er mit ſeiner hübſchen jungen Frau, die kaum zweiundzwanzig Jahre alt war, in Rockbury geweſen. Bei
Concordic.
Nennung ſeines Namens flog ein Zug des tiefſten Schmerzes über die Züge des Herrn Bernhard.
„Sprechen Sie mir nicht von ihm, Ford, ich mag nicht an ihn denken! Heute Morgen erhielt ich eine erſchütternde Mittheilung von ihm!“
„Mein Gott, das betrübt mich ja ſehr!“ erwiderte Doktor Ford, und da er wußte, daß unter obwaltenden Verhältniſſen für ſeinen Patienten kein Medikament ſo heilſam ſei als ein offenes Ausſprechen, fuhr er fort:„Hoffentlich betrifft ſie ſeine Gefundheit nicht?“
„O nein! Körperliche Leiden wären nichts gegen dieſes.— Ich halte es für's Beſte, Ihnen klaren Wein einzuſchänken, die übrige Welt erfährt doch Alles früh genug. Bis dahin aber weiß ich mein Geheimniß bei Ihnen wohlverwahrt.“
„Thun Sie es, wenn es Ihnen ein Troſt iſt, auf meine Diskretion können Sie ſich verlaſſen,“ ſagte Doktor Ford. Er glaubte nicht anders, als daß die vertraulichen Mittheilungen ſich auf die pekuniären Verhältniſſe des Herrn Henry Bern⸗ hard beziehen würden, daß dieſer vielleicht bedeutende Ver⸗ luſte gehabt und ſich in Verlegenheit befände.
„Ja, ja, das weiß ich!— Es iſt eine trübe Geſchichte. Sie erinnern ſich doch noch der hübſchen jungen Frau mit den dunklen Augen?“
„Ich lernte ſie im vorigen Sommer hier kennen auf ihrer Hochzeitsreiſe; gewiß erinnere ich mich ihrer. Hoffentlich haben Ihre Nachrichten mit ihr nichts zu thun.“
„Leider ja! Im ſchlimmſten Sinne des Wortes. Ich ſag es für Thorheit, ſogar für Wahnſinn, wenn ein Mann über
Fünfzig ſich eine Fran von fünfundzwanzig Jahren wählt. Wie iſt es möglich, daß Eheleute, die im Alter ſo verſchieden ſind, die gleichen Empfindungen und Neigungen haben können? Eben ſo gut können Sie einen Schmetterling mit einem Laſtthier paaren.“
„Aber, Herr Bernhard, Sie ſetzen mich in Erſtaunen. Als ſie hier waren, ſchienen Beide ſo glücklich, ich dachte noch bei mir, ich hätte ſelten ein ſo gut zu einander paſſendes Paar geſehen.“
„Ach, das war nur in der erſten Zeit; als ich ſie ſpäter wieder ſah, befürchtete ich ſchon, daß es ſo kommen würde, wie wir es nun erlebt haben. Sie iſt entflohen, Ford!“
„Sie können nicht im Ernſt ſprechen!“ rief Doktor Ford aus. Dabei ſprach ſich in ſeinen Zügen die größte Angſt aus.
„Gewiß, es iſt ſo, wie hätte es auch anders kommen können. Er war den ganzen Tag von ſeinen Geſchäften in Anſpruch genommen, oft ſogar noch bis tief in die Nacht hinein, und ſie, wie alle Frauen ihres Alters, amüſirte ſich gern und liebte den Verkehr mit Altersgenoſſen. Sorgloſig⸗ keit und Leichtſinn haben nun damit geendigt, über Beide Schmach und Schande zu bringen.“
„Mir ſcheint, Sie urtheilen etwas hart, Herr Bernhard „Wie kann ich anders urtheilen; ſoll ich etwa die Frau chmähen und ihr allein die Schuld zuſchieben? Niemand kann die ganze Sache beſſer beurtheilen als ich, ich bin im höchſten Grade empört darüber, und doch kann ich an der Wahrheit nichts ändern. Sie war nicht ſchlechter als manche Andere; frei in ihrem Benehmen und gefallſüchtig mochte ſie ſein, das gebe ich zu, doch ſo ſind ihrer Viele und ſind dabei doch gute Frauen. Nein, nein, das Hauptunglück lag darin,
11„
gte es immer, ſie ſei zu jung für Henry. Ford, ich halte
———
——


