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Concordia.
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müſſen, daß ich mich ſo rückhaltslos ſeiner und meiner eigenen Verachtung preisgab! Und dennoch war ich ſo fern von jeg⸗ lichem Stolz, ich ſah ein, daß er recht hatte.
„Ich weiß es nur zu gut, daß ich Deiner nicht würdig bin!“ ſagte ich verzagt und kleinmüthig.
„Du meiner nicht würdig? Du biſt der Liebe und Huldig⸗ ung eines jeden Mannes würdig; ich dachte nur an mich, Petronel, meine Sorge iſt nur für Dich. Du ſtehſt noch in der ſchönſten Blüthe Deines Lebens, während die ſchönſte Hälfte des meinigen ſchon hinter mir liegt. Wie darf ich es dulden, daß Du Dein Loos mit dem eines Mannes vereinſt, der ſeine jugendlichen Empfindungen bereits überlebt?“
„Als von Herrn Bertram die Rede war, ſprachſt Du ganz anders!“ warf ich klagend ein.
„Bertram's Leben verſtrich in ganz verſchiedener Art, als bas meinige! Sein Herz iſt um zwanzig Jahre jünger als das meine, Petronel.— Doch bevor wir weitergehen, muß ich Dir Eins mittheilen, was uns für immer trennt— was auch Du, wie ich glaube, für unüberwindlich erklären wirſt. Petro⸗ nel, vor vielen Jahren, vor ſiebenzehn oder achtzehn Jahren, war ich mit Deiner Mutter verlobt!“
„Mit meiner Mutter?— Mit meiner theuren Mutter? Und Du heirateteſt ſie nicht?“
„Weil ſie einen Anderen mir vorzog, Petronel.“
„Sie verließ Dich?— Es war ihr Wunſch— ihre Schuld? O, wie konnte ſie es thun!“
Dieſe Mittheilung überraſchte mich aufs Höchſte. Doch es war nicht das Neue, was meine ganze Seele erfüllte. Augenblicklich ſchweiften meine Gedanken zurück in die Ver⸗ gangenheit zu jenen Tagen in Saltpool, zu alledem, was mir damals ſchon ſo wunderbar und unerklärlich erſchienen, und zu den Muthmaßungen und Ideen, die ich mir gebildet; und in Allem und Jedem erkannte ich nun das Thun und Wirken eines edlen, zartfühlenden Herzens, das geliebt hatte, getäuſcht war, und das doch nicht vergeſſen hatte. Sein Be⸗ nehmen gegen mich von dem Augenblicke des Todes meiner Mutter an war nur ein kleiner Theil eines edlen, unvergleich⸗ lichen Ganzen geweſen!— Ich ſah ein, daß ich nie in meinem Leben das, was er für uns gethan und gelitten hatte, vergelten konnte.
„Sie verließ Dich, und dennoch vergaßeſt Du ſie nicht and ſorgteſt ſo treu für ſie? O, Vetter Ulih, wie innig, wie heilig liebe ich Dich!“.
Jetzt war von falſcher Scham keine Rede mehr bei mir, nur der eine Gedanke lebte in mir, daß er unmöglich ganz die Fülle des Dankes und der Liebe, die mich beſeelte, würde verſtehen können, und mit einer erneuten Thränenfluth warf ich mich in ſeine Arme.
„O, laß mich verſuchen, Alles wieder gut zu machen, gönne mir das Glück, Dich aus vollem Herzen zu lieben, damit Du vergißt, daß meine Mutter es nicht that. Laß mich immer bei Dir bleiben, Vetter Ulih, ich will Dich pflegen, will Alles, Alles für Dich thun und mit jedem Tage meines Lebens Dir vergüten, was meine Mutter an Dir verbrach!“
„Petronel, mein Liebling— theures Kind! Dieſer Augen⸗ blick zahlt mir tauſendfach zurück, was ich verloren und ge⸗ litten.“
Nun trat eine Pauſe zwiſchen uns ein, ich fühlte den Schlag ſeines Herzens an dem meinigen.
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„Fünf Uhr ſchon!“ ſagte er dann mit ſcherzhaftem Er⸗ ſchrecken, während ich mich ſeinen Armen entzog,„fünf Uhr ſchon, Du kleine Miſſethäterin, und ich habe vor Tiſch wenig⸗
ſtens noch zwölf Beſuche zu machen.
„Nimm mich mit Dir!“ bat ich.
„Du meinſt wohl, das wäre der beſte Weg, um ſchnell fertig zu werden?“ antwortete er lachend und ſah dabei glück⸗ licher und jünger aus als je zuvor.„Nein, Kind, bis ſieben Uhr müſſen wir uns jetzt trennen, dann kehre ich zurück zu meiner— nun, wie darf ich Dich jetzt nennen, Petronel?“
„Dein— Dein— doch ſag', was Du willſt!“ erwiderte ich erröthend; ich war unfähig, das Wort über die Lippen zu bringen.
„Iſt es denn möglich?“ rief er ungläubig aus, indem er ſeine Hand unter mein Kinn legte und mein Geſicht auf⸗ richtete.„Iſt es denn möglich, daß ſolch' ein Kind meine Frau werden ſoll? Nein, Petronel, ich kann noch nicht daran glauben, bis es Wahrheit iſt. Bis dahin bleibſt Du noch mein liebes Kind, und ich werde Dich auch noch ſo nennen.“ 5
„Nein, Kind will ich nun nicht mehr genannt werden!“ warf ich trotzig ein, was ihm noch beim Fortgehen ein heiteres Lächeln abgewann. Lange noch blieb mir ſein Blick wie ein Alles beglückender Sonnenſtrahl vor den Augen!
Als er fort war, ſtand ich noch längere Zeit ſinnend da und durchlebte nochmals, zitternd vor Aufregung, die Szene, die ich eben durchgemacht. Noch konnte ich den Gedanken nicht faſſen, daß wir Beide uns verlobt, ich, das unbedeutende Mädchen, mit ihm, meinem allgemein beliebten und verehrten Vormund und Vetter. In dem Augenblicke trat Wheeler herein und überreichte mir einen Brief. Für mich war jedes Eintreffen eines Briefes ſchon ein Ereigniß, obwohl ich weiter keine Bekannte hatte, als meine Freundinnen von Antwerpen her. Dieſes Mal aber war ich zu erregt, und dachte nur, als ich an der Adreſſe die Handſchrift von Felicite d'Alvan erkannte, welchen Eindruck es auf ſie machen würde, wenn ich ihr von meiner Verlobung berichten würde. Sorglos erbrach ich das Siegel des Briefes; im Couvert fand ich außer einem Schreiben von Felicite noch eine Einlage, die mir beim Herausziehen auf den Boden fiel. Als ich mich bückte, um ſie aufzunehmen, floh wie mit einem Zauberſchlage alle Röthe, die mir das Geſpräch mit dem Vetter auf die Wangen ge⸗ rufen, meine Hand zitterte vor Schrecken, der Brief, deſſen Beſorgung Felicite übernommen, war von meinem Vater.
6. Kapitel.
Doktor Ford denkt nach über das, was er gethan.
Der dunkelgrüne Brongham mit ſeinen ſchönen Pferden hielt ſchon ſeit känger als einer Stunde vor dem Hauſe, bis endlich Doktor Ford roth und aufgeregt die Treppe herunter⸗ ſprang und ſich hineinwarf.
„Wellingtonſtraße Nummer 24,“ ſagte er eilig, und als die Räder ſich in Bewegung ſetzten, ſah er ſich an ſeinem ge⸗ wohnten Platze hinter den verhängten Fenſtern, den er vor Kurzem erſt verkaſſen. Im nächſten Augenblicke zog er die Glockenſchnur und rief dem Kutſcher durch das Rohr zu:
„Annesley⸗Terraſſe Nummer 5, ich irrte mich.“
Als Antwort hob der Kutſcher nur die Peitſche in die Höhe und wandte die Pferde herum. Innerlich war er höch⸗
Ich muß raſch fort!“
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