Beide ſterben.
348 Concordia.
nicht verheiraten, ich habe nur den einen Wunſch, immer mit Dir zu leben!“
Dabei hatte ich meine Arme heftig um ihn geſchlungen, dann ſeine Hände ergriffen und ſie feſt in die meinigen ge⸗ drückt, und doch ſchien er ſich nicht beglückt zu fühlen; ſeine Augen verriethen eine gewiſſe Aengſtlichkeit.
„Quäle ich Dich, Vetter Ulih? Sagte ich etwas Un⸗ rechtes? Liegt etwas vor, warum ich nicht immer bei Dir bleiben kann?“
„Kind, Du weißt nicht, was Du ſprichſt!“ antwortete er mit leiſer Stimme.„Du biſt noch zu jung, um über ſo etwas entſcheiden zu können, Du wirſt Dich doch noch ver⸗ heiraten.“
„Nie!“ rief ich entſchieden,„nie, bis Du mir ſagſt, daß ) Dir eine Laſt bin, und bis Du wünſcheſt, daß ich von Dir gehe. Das wirſt Du aber nicht thun, nicht wahr?“ Und wenn die Couſine Marcia ſich verheiratet, was ja immerhin noch möglich iſt— es heiraten ja Manche, die noch älter ſind wie ſie— oder wenn ſie ſterben ſollte, dann führe ich Deinen Haushalt und pflege Dich und thue Alles für Dich, bis wir Darf ich das? Verſprich es mir, dann thue ich es auch, und der Handel zwiſchen uns iſt abgeſchloſſen!“
„Kind, Kind! Du weißt wirklich nicht, was Du ſagſt. Ein Verſprechen wie dieſes kann nur— am Altare gegeben werden!“
Er ſprach dieſe Worte ſo gedrückt und melancholiſch aus, als ob er mich innerlich wegen meiner Thorheit und Un⸗ erfahrenheit beklagte, doch kaum waren ſie über ſeine Lippen, ſo verſtanden wir Beide die Tiefe ihrer Bedeutung und er⸗ rötheten zugleich.
Am Altare— als ſeine Frau!
Ich kann es mit Wahrheit bekennen, bis zu dem Augen⸗ blick war mir der Gedanke hieran noch nie gekommen! Daß ich ihn liebte, wußte ich; ich glaubte auch, daß er viel auf mich gab. Seine Verheiratung mit einem Mädchen meines Alters und meiner Art hatte ich nicht für unmöglich gehalten, doch nie war es mir im Traume eingefallen, daß ich je das hohe Glück haben könnte, ſeine Lebensgefährtin für immer zu werden. Jetzt, da ihm das Wort entflohen, dachte ich zuerſt an dieſe Eventualität und daran, daß ſie nicht unmöglich ſei, und daß auch er ſchon daran gedacht. Mich aus ſeiner Um⸗ armung löſend, ſtand ich auf und bedeckte mein Geſicht mit beiden Händen.
Er gewann ſeine Selbſtbeherrſchung ſchneller wieder als ich.
„Mißverſtehe mich nicht!“ ſagte er unruhig,„das Wort entfloh mir ſo, ich weiß ja, daß das unmöglich iſt!“
„Warum denn unmöglich, Vetter Ulih?“ fragte ich mit offenen Lippen und verhaltenem Athem. Ernſt und fragend blickte er mich an, als er jedoch aus meinen Zügen mehr fah, als ich mit Worten hätte ausdrücken können, wandte er ſich ſeufzend zur Seite.
„Gott im Himmel!“ rief er aus,„iſt es denn wilklich wahr? O Gott, vergieb mir!“ Dann ſprang er auf, trat in den fernſten Winkel der Stube und ließ mich allein.
Ich fühlte mich beſchämt und unglücklich; es wurde mir klar, daß er deutlich erkannte, was in meinem Innern vor⸗ ging und was ſeit Wochen ſchon mein ganzes Herz bewegt hatte, ohne daß ich ſelbſt die geringſte Ahnung davon gehabt, — ich dachte, er müßte mich dieſerhalb verachten. Was hütte
ich darum gegeben, wenn ich die Worte, die mir ſoeben in
meiner Unbedachtſamkeit entſchlüpft waren, ungeſagt hätte
machen können! Ich haßte mich ſelbſt ob dieſer Schwäche und Unbedachtſamkeit; doch was half es mir, nun der Vetter in der anderen Ecke der Stube ſtand und es wußte, wie gern ich ihn heiraten wollte. Mein Schamgefühl drückte und peinigte mich derart, daß ich mich des Weinens nicht ent⸗ halten konnte. Als er das hörte, kam er auf mich zu und ſchloß mich in ſeine Arme mit den Worten:
„Mein Liebling— meine theure Petronel!“
„O, Vetter Ulih,“ ſchluchzte ich, bitte,„vergiß Alles, was ich Dir ſagte, ich meinte es nicht ſol Was denkſt Du wohl von mir?“
„Ich denke, Du biſt ein liebes, gutes Kind, deſſen treue Gefühle ich nie mißbrauchen werde; es wäre ja ſchlecht gegen Dich gehandelt, wenn ich es thun wollte. Ich bin ja ſo alt⸗ ich könnte Dein Vater ſein!“
„O nein, zu alt nicht!“ flüſterte ich und barg mein Geſicht an ſeiner Bruſt.
„Wus? Nicht zu alt für das Mädchen, das eben noch Bertram abwies? Bedenke, Petronel, ich bin achtunddreißig Jahre alt!“
„Mir wäre es gleichgiltig, und wenn Du hundert Jahre alt wäreſt.“
„Bedenke aber, Kind, was mein Leben geweſen iſt— und was es jetzt noch iſt. Ich bin ein Mann des Berufs, Ruhe kenne ich nicht; jeder Tag bringt mir neue Plagen und Sorgen, nie bin ich Herr meiner ſelbſt, mir bleibt keine Zeit für Die, die mir lieb ſind, und nur wenig für mein Haus. Und bin ich daheim, ſo bin ich doch wohl nicht der rechte Lebensgefährte für ein Mädchen wie Du! Welche Wünſche und Gedanken haben wir gemeinſam? Und wie können die trockenen Gegenſtände, die meinen Geiſt erfüllen, für Dich von Intereſſe ſein?“ 4
„Wir würden aber dennoch glücklich ſein!“ ſagte ich zag⸗ haft, aber feſt.
„Liebſt Du mich denn wirklich?“
Wenngleich er dieſe Frage nur leiſe an mich richtete, ſo verſtand ich ſie doch. In hellen, wonnigen Strahlen ergoß ſich das Licht des Lebens aus ſeiner Seele in die meinige, ich erfaßte es klar, was es bedeutete, zu lieben. Oft ſchon hatte ich davon geträumt und geſprochen, auch darüber ge⸗ ſcherzt, doch nie verſtand ich den tiefen Ernſt des Wortes bis zu dem Augenblick, wo der flüſternde Ton der Stimme des Vetters in mein Ohr drang.
„Liebſt Du mich, theure Petronel?“
Mit Worten hierauf zu antworten, war mir unmöglich, mit beiden Armen umſchlang ich ihn und ſchmiegte mich feſt an ihn; er verſtand mich.
„Jetzt ſind wir für immer vereinigt, und nie wieder kannſt Du Dich von mir trennen!“
„Vereinigt?“ rief er aus.„Vereinigt für immer? O, es iſt unmöglich! Ich habe geträumt, ich bin wahnſinnig! Der Gedanke allein iſt ein Unrecht; wie konnte ich es dulden, daß Du ſo etwas dachieſt und ſagteſt?“
Bei dieſer plötzlichen Wandelung in ſeinem Weſen ſchrak ich zuſammen. Wie kam er dazn, mich ſo bloßzuſtellen? Er wußte ja von Anfang an, wie jung, wie thöricht und un⸗ erfahren ich war; da hätte er mich doch davor bewahren
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