Concordia.
Nicht ohne ſichtliche Anſtrengung, als werde es ihm ſchwer, dieſe Worte ſagen zu müſſen, hatte der Baron geſprochen. Jetzt athmete er auf und ſchien froh, endlich einmal vom Herzen zu haben, was ihn ſchon ſo lange drückte.
Einige Anzeichen ließen darauf ſchließen, daß die Baronin zu einer heftigen Entgegnung bereit war. Aber ſie drängte dieſelbe zurück. Sie mochte an die Nothwendigkeit denken, ſich die Stimmung für den heutigen Abend nicht verderben zu laſſen.
„Mein Gott, Nolf,“ ſagte ſie deshalb mit affektirter Nonchalance,„ſind das Erörterungen vor dem Balle?“
„Bleibt mir wohl eine andere Zeit dafür?— Bis elf Uhr Morgens ſchläfſt Du, worauf die Toilette beginnt; als⸗ dann machſt Du Deine Einkäufe in den Bazars, ſpeiſeſt, ſchläſſt wieder, machſt wieder Toilette für den Abend, wo Geſellſchaften empfangen oder beſucht werden, und dies einen wie alle Tage— ſage ſelbſt, zu welcher Zeit käme ich wohl mit einer Ausſprache nicht ungelegen?“
Mühſam behauptete die Baronin die äußere Ruhe. Aber unter dem nervöſen Zucken ihrer Hände, das die innere Be⸗ wegung verrieth, wurde der koſtbare Fächer erbarmungslos zerknittert, erlitten die feinen Spitzen der Robe an mehreren Stellen bedenkliche Riſſe.
„Ich könnte mich vertheidigen, Rolf,“ ſagte ſie, heftig athmend,„ja, ich könnte! Es iſt aber in der That jetzt eine ſchlechtgewählte Zeit. In kaum einer halben Stunde ſind die Gäſte zu erwarten. Es würde mich zu ſehr echauffiren, wollte ich alle Deine Vorwürfe beantworten; indeß ſpare ich mir dieſe Beantwortung auf. Ich will Dich nun nicht länger ſtören. Auf Wiederſehen!“
Sie rauſchte hinaus.
2. Kapitel. Auf dem Ballfeſt der Baronin.
Der Mann, der ſpäter in den taghell erleuchteten, mit verſchwenderiſcher Pracht ausgeſtatteten Salons in verbind⸗ lichſter Weiſe hier einen ſpätgekommenen Gaſt begrüßte, dort freundſchaftlichen Händedruck tauſchte, deſſen Auge ſcheinbar unbekümmert, ſorglos lächelnd hineinſchaute in die bunte, unaufhörlich durch die Säle fluthende Menge— war's derſelbe, der vor einer Stunde noch mit düſterem Antlitz am Fenſter ſeines dunklen Zimmers die wohl keineswegs angenehmen Bilder, welche ſeine Seele erfüllen mochten, an ſeinem inneren Auge vorüberziehen ließ? Jener galante Kavalier, der mit weltmänniſcher Gewandtheit zwiſchen beſternten Röcken mit glatten Höflingsgeſichtern, blitzenden Uniformen mit martia⸗ liſchen Schnurrbärten ſich den Weg bahnte bis zu jenem Siebengeſtirn plaudernder, ſcherzender, ſtrahlender, ſchon etwas reifer Göttinnen, aus deren beſtrickenden Augen manch' ver⸗ führeriſcher, ſchmelzender Blick ihn aus der Ferne heranwinkte, und der dann mit liebenswürdig heiterer Miene theilzunehmen verſtand an der amüſanten Cauſerie, für jede der ihn Um⸗ ſchwärmenden eine tönende Phraſe, eine feine Schmeichelei auf der Zunge— war's der einſame Mann mit den traurigen Augen, der noch eben erſt von tödtlich langweiligen Soiréen ſprechen konnte?
Für Den, der ſchärfer zu beobachten verſtand, für den feineren Menſchenkenner freilich ſprach das Lächeln, welches die Winkel des feinen Mundes herabzog: Ihr wollt es ja ſo!
Man muß eben ein Narr ſein mit Euch, ſoll man nicht ver⸗ dammt, verketzert, verläſtert werden! Muß tanzen mit Euch um's goldene Kalb, um Euer Wohlwollen zu erringen.— Fade, erbärmliche, nüchterne Alltagsſeelen! Ihr ſchenkt Eure volle Sympathie nun einmal nur dreſſirten Affen— da habt Ihr einen! Zu werth iſt mir, was auf dem Grunde meines Herzens wohnt, als daß ich's unwürdigen Augen preisgeben möchte!—
Kaum hatte der Baron, um als einſamer Stern ſeine Bahn weiter zu verfolgen, den Ausgang gefunden aus den Wogen dieſes Meeres von Krepp und Tüll und blitzenden Diamanten, als das Geſchnatter der würdigen Damen zu einer Stärke anſchwoll, welche die Vermuthung nicht ungerechtfertigt erſcheinen ließ, die Veranlaſſung zu dieſer erhöhten Lebhaftig⸗ keit habe der Baron ſelbſt gegeben.
So war es in der That.
Dieſe reifen, theilweiſe überreifen Schönen liebten in innigſter Herzensübereinſtimmung nichts ſo ſehr, als über jeden der Anweſenden, ſowohl was Benehmen und Tollette, als auch beſonders Familienverhältniſſe anbetraf, in mediſan⸗ teſter Weiſe ihre Gloſſen zu machen.
„Mich hat er zum Kotillon engagirt!“ ſäuſelte in den ſanfteſten Molltönen, welche ihrer Stimme zu Gebote ſtanden, eine ſtark dekolletirte, hübſch, aber einfältig ausſehende Majors⸗ frau, während ſie mit Blicken um ſich warf, die zur Genüge verriethen, des Neides ihrer Gefährtinnen über dieſe ihr gewor⸗ dene Bevorzugung ſei ſie vollkommen ſicher.„Ich durfte es doch nicht abſchlagen,“ fuhr ſie fort,„obgleich ich ſehr in Sorge bin, daß unſere theure Seidenau wieder eiferſüchtig werden wird.“
Was die heimlich Triumphirende ungeſagt ließ, nämlich: Ich kann nicht dafür, wenn ich allen Männern die Köpfe verdrehe!— ergänzte ihr ſelbſtgefälliges Lächeln.
„Er wird ſich nach einer geiſtreichen Unterhaltung ſehnen, darum wählte er Sie, meine Liebe!“ flötete von einem entfernteren Platze eine Dame mit malitiöſem Zug um die Lippe.
Ein leiſes Kichern entſtand, denn die Dummheit der Majorin war ſprichwörtlich.
„Thut mir leid, der arme Seidenau!“ ziſchelte die Gräfin Klichy ihrer Nachbarin, einer ſchmachtlockigen Blondine, welche inmitten einer Gruppe hochſtämmiger Blattpflanzen maleriſch auf einem Divan ruhte, zu.„Doch ein höchſt anziehender Mann! Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle; immer heiter, liebenswürdig, ritterlich. Und nun ſehen Sie ſich einmal ſeine Frau an! Sieht ſie nicht heute wieder abominabel aus? Geradezu abominabel?“
„Ja, abominabel!“ ziſchelte die Blonde zurück.
„Was iſt das eigentlich für ein kompakter Blumentuft da an der Seite! Mein Gott, wie ausgeſucht geſchmacklos! Die kleine Frau putzt ſich doch immer entſetzlich heraus.“
„Ja, ich finde es auch. Mit dem dicken Kopf auf dem kleinen Figürchen hat ſie das Anſehen eines Gnomen, der ſich aus der Unterwelt in den Ballſaal verirrt hat. Freilich— ſie iſt unſchuldig an der lächerlicen Kürze ihrer Geſtalt——“
Mit Wohlgefallen glitt das Auge der Dame an ſich ſelbſt hernieder. Ihr langgeſtreckter, im Sitzen ſogar noch auffallend langer Oberleib— ohne Büſte— ohne Schultern— berech⸗


