“ „O, nein,“ rief Viola raſch.„Wirklich, ich fürchte mich nicht. Ich brauche keine Eskorte.“ Und ſie lief ſo raſch die Treppe hinauf, daß Sir Lewis die Gelegenheit verlor, ihr am Ende des Korridors irgend etwas Süßes zu ſagen. Seine Ergebenheit für die hübſche Miß Bellingham war be⸗ kannt und Viola fürchtete irgend ein paar zärtliche Worte, vielleicht einen ſanften Händedruck, eine glühende Verſicherung, daß ſich ihr keine Gefahr nahen dürfe, ſo lange er mit ihr unter einem Dache ſei. Und die ausſteuerloſe Tochter von Sir Nugent Bellingham war nicht weiſe genug, den wohl⸗ habenden jungen Baronet zu ermuthigen.— „Nun, Ihr da? Geht da hinein!“ ſagte Churchill, indem er den Zigeuner in ſein Studirzimmer ſtieß.„Sie brauchen nicht zu warten, Lewis. Ich komme ſchon allein zurecht mit ihm!“
„Nein! Das kann ich Sie nicht thun laſſen. ein Meſſer bei ſich haben.“
„Wenn er es hat, glaube ich nicht, daß er es an mir verſuchen wird. Ich habe das hier aus meinem Ankleide⸗ zimmer mitgebracht.“
Er zeigte auf den Kolben eines Revolvers, der aus der Bruſttaſche ſeines Nockes ſah.
„Nun, ich werde im Billardzimmer eine Cigarre rauchen, während Sie mit ihm ſprechen. So bleibe ich in Rufs⸗
Er kann
weite.“
Sir Lewis zog ſich zurück,
und Churchill begab ſich in ſein daß der Einbrecher von dem momentanen Aufſchub Nutzen zu ziehen ſuchte und die Fenſterläden zu öffnen begann. Ihr da gern einen Ausweg finden,“ ſagte der Squire. ſoll nicht geſchehen, ehe wir nicht mnitſammen geſprochen haben. Laßt den Laden gehen, wenn es gefällig iſt, während ich die Lampe anzünde.“
um ſeine Cigarre zu rauchen, Studirzimmer. Er fand,
möchtet
Das ) „Das
„Was?
Mit einem Wachskerzchen zündete er eine beſchattete Leſe⸗ lampe an, die auf dem Tiſche ſtand.
„Nun,“ ſagte er ruhig,„ſeid ſo gut und ſetzt Euch auf dieſen Stuhl, während ich Eure Taſchen durchſuche.“
„Es iſt nichts in meinen Taſchen,“ murrte Paul, auf einigen Widerſtand vorbereitet.
„Nichts? Dann könnt Ihr auch nichts dagegen haben, daß ſie geleert werden. Ihr würdet beſſer thun, Euch nicht unnöthig zu widerſetzen. Ich habe hier ein Argument, dem Ihr kaum widerſtehen werdet.“ Er zeigte das Piſtol und ſetzte hinzu:„Und mein Freund, der Euch eben hielt, iſt be⸗ reit, mir beizuſtehen.“
Der Mann leiſtete keinen ferneren Churchill wendete deſſen ſchmuzige Taſchen um, brachte aber nichts hervor, als einige Rollen Tabak und andere werthloſe Dinge. Er ſuchte innerhalb des weiten Hemdes, indem er meinte, der Zigeuner habe dort ſeine Beute verborgen, aber es geſchah ohne Erfolg. Ein ſchlaues Lächeln zeigte ſich an den Mund⸗ winkeln des Schurken, ein Lächeln, das Churchill ſagte, in ſeinem Nachſuchen fortzufahren.
„Ihr habt einige von den Diamanten meines Weibes an Euch,“ ſagte er.„Ich ſah das Käſtchen offen und halb leer. Ihr waret nicht umſonſt in jenem Zimmer. Ihr werdet Euch bis auf die Haut entkleiden, Mann. Zuerſt herab mit Eurem Halstuch!“
Widerſtand.
Concordia.
Der Mann ſah ihn rachgierig an und blickte dann auf das Piſtol, erwog, daß die Umſtände gegen ihn ſeien, und dann band er langſam und mürriſch das alte ſchwarzſeidene Halstuch los, welches ſeine braune Kehle umſchlang, und warf es auf den Tiſch. Etwas in dem Tuche ſchlug ſcharf auf das Holz.
„Das dachte ich,“ ſagte Churchill.
Er wickelte das ſchmuzige Seidentuch auseinander, worauf das prachtvolle Halsband ſeiner Gattin mit den großen einzelnen Steinen, die ſie als Ohrgehänge trug, auf den Tiſch fiel. Churchill ſchob ohne ein Wort die Edelſteine in ſeine Taſche.
„Iſt das Alles?“ fragte er dann.
4„Ja,“ antwortete der Mann mit einem Fluche.
Churchill ſah ihn ſcharf an.
„Ihr werdet von hier geradenwegs in's Gefängniß wan⸗ dern,“ ſagte er,„es würde Euch daher nichts nützen, etwas zu verbergen. Ihr ſeid ein Zigeuner?“
„Das bin ich.“
„Was brachte Euch dieſe Nacht hierher?“
„Ich kam, um eine Verwandte zu ſehen.“
„Hier, auf dieſer Beſitzung?“
„In der Hütte am Parkthore. Die Frau, die Sie dafür auserſahen, dort Wache zu halten, iſt meine Mutter.“
„Rebekka Maſon?“
„Il.“
Churchill wendete ſich um und ſchritt gedankenvoll durch das Zimmer. „Da Sie ſo ungewöhnlich gütig gegen ſie ſind, könnte ſich wohl vielleicht auch eine Entſchuldigung zu meinen Gunſten finden,“ ſagte der Zigeuner.„Ich würde es nicht verſucht haben, Sie zu berauben, wenn ich nicht durch Hunger dazu getrieben worden wäre. Es geht hart mit einem Menſchen, wenn ein Wolf in ſeinen Eingeweiden nagt, und er ſteht außen an einem offenen Fenſter und ſieht eine Anzahl Frauen mit, einem Werthe von vielen tauſend Pfund Sterling an ihrem Halſe, in Geſtalt von Edelſteinen, die Niemandem mehr
wirklich Gutes verſchaffen können als die Blumenknospen,
mit denen unſere Weiber ſich behelfen. Und dann ſieht er die dicken Epheuranken, die ihm als Leiter dienen können,
und die Fenſter oben, offen gelaſſen und bequem zum Ein⸗
ſteigen. Das iſt, was ich eine Verſuchung nenne. Vielleicht ſtanden auch Sie einmal außerhalb der guten Dinge dieſer
Welt und können etwas fühlen für einen armen Elenden, wie ich es bin.“
„Ich habe die Armuth gekannt,“ antwortete Churchill, ver⸗ wundert dem Vagabunden nähertretend,„und habe ſie er⸗ tragen.“
„Ja, aber Sie hatten ſie nicht für immer zu ertragen. Das Glück war freundlich gegen Sie. Nicht oft fällt ein Mann in ein ſo warmes Bett, wie dieſes hier eines iſt. Sie erhielten ein Eigenthum, und Sie können mich ebenſo⸗ wohl freilaſſen, um meiner Mutter willen.“
„Ihr glaubt doch nicht, daß Eure Mutter für mich mehr
iſt, als irgend ein anderer Diener?“ ſagte Churchill, ſich raſch ihm zuwendend.
„Ja, ich glaube es. Sie würden nicht nach den Zelten
der Zigeuner gehen, um eine Dienerin zu holen, wenn Sie
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