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Ihr braucht nicht beſorgt zu ſein, wenn ich etwas lange ausbleibe. Es wird mich vielleicht unterhalten, von irgend einem Baume aus durch ein halboffenes Fenſter jenen Günſt⸗ lingen des Himmels bei ihrer Fröhlichkeit zuzuſehen. Seht doch nicht ſo ängſtlich aus. Ich weiß ſchon, wie ich mich im Dunklen halte.“
3. Kapitel.
„Zwiſchen Antergang des Mondes— und Erwachen des Tages.“
Die Diner⸗Geſellſchaft war vorüber und die Grafſchafts⸗ Familien hatten ſich nach ihren verſchiedenen Wohnungen zurückgezogen. Sie hatten ſich zerſtreut, wie der weiche Sommer⸗ nebel, der vor dem Lichte des Ernte⸗Mondes auf dem Moor⸗ lande dahingeſchmolzen war.
Madge, Viola und Lady Cheshunt waren in Mrs. Penwyn’s Ankleidezimmer verſammelt, einem langen, niedrigen Zimmer mit einem breiten und tiefen Bogenfenſter, mit breiten, gepolſterten Sitzen darin— einem Zimmer, das zum Ausruhen und angenehmer Müßigkeit, wie zur Lektüre eines Lieblings⸗ Autors gemacht ſchien. Jede Gattung von Stühlen zum Ausruhen war da. Die Polſterungen zeigten eine wahre Blumenfülle. Hier und da ſtanden kleine Tiſchchen, mit neuen Büchern und allerlei Nippſachen beladen. An einem der Fenſter ſtand ein großer Ankleidetiſch und ein antiker Garderobekaſten von Ebenholz, mit reich geſchnitzten Thüren. Die Bäder und andere zur Toilette nothwendige Dinge waren in einem kleinen Nebengemache; das große Appartement war mehr ein Morgen⸗ zimmer oder Boudoir als ein eigentliches Ankleidezimmer.
Landſchaften in Aquarell und kleine Genrebilder ſchmückten die Wände, meiſt Werke von bekannten Meiſtern; eine Kreide⸗ zeichnung, ein Porträt von Churchill Penwyn, hing über dem mit Sammet bedeckten Kamingeſimſe; ein kleiner Bücherkaſten enthielt Madge's eigene Bibliothek, die alten und neuen Dichter, Scott, Bulwer, Dickens, Thackeray, Carlyle. Dies Zimmer hatte gerade jene liebenswürdigen Eigenthümlichkeiten, welche
ſolche Gemächer ihren Beſitzern beſonders angenehm machen.
Dieſe Nacht waren alle Fenſter deſſelben geöffnet, um die milde Sommerluft einzulaſſen. Der Tag war drückend warm geweſen, und der Hauch der Nacht brachte eine willkommene Erfriſchung.
Madge ſitzt vor ihrem Ankleidetiſche und entledigt ſich, während ſie ſpricht, langſam ihrer Juwelen. Ihre Zofe war bereits entlaſſen, denn Mrs. Penwyn war in keiner Weiſe von derſelben abhängig; das Juwelenkäſtchen, mit ſchwarzem Sammet ausgeſchlagen, ſtand offen auf der weißen Marmor⸗ platte.
Lady Cheshunt lag tief in dem weichſten und niedrigſten der Fauteuils und wehte ſich mit einem großen, ſchwarzen, mit Gold montirten Fächer Luft zu. Sie war in bernſtein⸗ farbigen Atlas, reich mit koſtbaren Spitzen beſetzt, gekleidet. Ihre Mutter hatte dieſe Spitzen von der Königin von Spanien zum Geſchenke erhalten, als deren Gatte Geſandter in Madrid war. Sie ſah aus wie ein Gemälde von Rubens, groß und ſchön und farbenreich.
„Nun, meine Liebe, alle Diner⸗Partien ſind mehr oder weniger ermüdend, aber im Ganzen waren Ihre Gäſte vom Lande beſſer, als ich erwartete,“ bemerkte Lady Cheshunt mit
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einer Miene, als ſei ſie eine Autorität.„Ich habe in meiner Grafſchaft ermüdendere Geſellſchaften geſehen. Ihre Leute ſchienen ſich ſelbſt zu amüſiren, und das iſt die Hauptſache, wie langweilig auch ihre Geſpräche über Geburten, Hochzeiten und Todesfälle unter ihren Angehörigen ſein mußten für nous autres. Sie haben den ehrlichen Glauben, daß ihre Konverſation unterhaltend ſei, was wirklich das Beſte iſt, um ſich zu amüſiren. Mit einem Worte, meine theure Madge, ich wurde nicht ſo ermüdet, als ich es erwartet hatte.— Dieſe Diamanten ſind unſtreitig prächtig, Kind; wo haben Sie ſie gekauft?“
Madge hatte gerade ihr Halsband abgenommen— eine Reihe von einzelnen großen Steinen— und legte es auf deu ſchwarzen Sammet in das Etui.
„Es ſind Erbſtücke, wenigſtens einige von ihnen,“ ant⸗ wortete ſie,„und ſie kamen mit dem Gute an Churchill. Sie waren faſt ein Vierteljahrhundert lang in einer Kaſſe von Zinn eingeſchloſſen und in Verwahrung der Bank dieſer Graf⸗ ſchaft, und Niemand ſchien etwas von ihnen zu wiſſen. In dem Teſtamente des alten Squire's waren ſie einfach be⸗ ſchrieben als„allerlei Juwelen in einer Zinnbüchſe bei der Bank“. Churchill ließ die Steine neu faſſen und kaufte noch mehr dazu, um die Garnitur zu vervollſtändigen.“
„Nun, meine Theure, ſie ſind einer Herzogin würdig. Ich hoffe, Sie geben wohl Acht darauf.“
„Ich glaube nicht, daß es in Madge's Natur liegt, auf irgend etwas beſonders achtſam zu ſein, jetzt, da ſie reich iſt,“ ſagte Viola.„Sie war bedachtſam und ſparſam genug, als wir bei unſerem armen Papa lebten, da wir ſo ſchwer kämpfen mußten, um uns vor Schulden zu bewahren. Aber nun hat ſie Geld in Fülle und ſtreut es nach rechts und links und erfreut ſich des Luxus, geben zu können.“
„Aber mit meinen Diamanten bin ich nicht unachtſam, Viola. Mills wird ſogleich kommen und das Käſtchen nach der eiſernen Kaſſe im Silberzimmer tragen.“
„Ich hielt niemals viel von Silberzimmern,“ ſagte Lady Cheshunt.„Ein Silberzimmer mit ſeiner eiſernen Thüre iſt eine Art Einladung für Einbrecher. Es ſagt ihnen, wo die Schätze eines Hauſes konzentrirt ſind. Wenn ich in fremden Häuſern bin, halte ich mein Juwelenkäſtchen gewöhnlich auf meinem Ahkleidetiſche, aber ich ſorge dafür, daß es die Auf⸗ ſchrift hat:„Handſchuhe“, und daß es ſo wenig als möglich einem Juwelenkäſtchen ähnlich ſieht. Ich würde es keinem Silberzimmer anvertrauen. Nun, Kind, ich ſehe, Sie gähnen, trotz Ihrer Anſtrengungen, es zu unterdrücken.— Kommen Sie, Viola, Ihre Schweſter iſt müde nach der geiſtigen An⸗ ſpannung, der ſie ſich unterzogen, indem ſie ſich den Anſchein gab, ſich für alle die unzähligen Verwandten dieſer Leute zu intereſſiren.“
Die Ladies küßten und verabſchiedeten ſich mit vieler Zärtlichkeit, und Madge wurde allein gelaſſen, in träumeriſcher Haltung an ihrem Ankleidetiſche ſitzend und ganz die ſpäte Stunde vergeſſend.
Es war ein trauriger Gedanke, der ſie nachdenkend erhielt, während die Nacht vorſchritt und der Mond tiefer ſank am ſtillen Firmamente. Sie dachte, daß nicht Alles in guter Ordnung ſein könne mit ihrem geliebten Gatten. Sie konnte ſeinen Blick und ſeine Geberde nicht vergeſſen, als ſie ihn über ſeinen Glauben als Chriſt befragt— und die Antwort
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