Jahrgang 
1 (1879)
Seite
339
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ihren r füt Sohn

Concordia.

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zumachen. Mein Herr iſt eine Magiſtratsperſon und hat kein Erbarmen mit Landſtreichern!

Wie kam er dann dazu, Euch in ſeine Dienſte zu nehmen? Ihr kamt doch gewiß nicht mit einem guten Zeugniſſe von Eurem letzten Dienſtplatze.

Er hatte ſeine Gründe.

Hm! Eine Urſache giebt es für Alles. Ich muß ſagen, ich möchte die Urſache wohl kennen, aus welcher Euch eine ſo gute Unterkunft zutheil wurde.

Er folgte ſeiner Mutter in das Häuschen Das Zimmer war bequem genug eingerichtet, aber voll Schmuz und Un⸗ ordnung. Davon nahm aber das Auge des Wanderers wenig Notiz, als er raſch den Raum überblickte, der durch d ie ein⸗ zige Talgkerze, die auf dem Kamingeſimſe in einem Meſſing⸗ leuchter brannte, ſchwach erleuchtet war.

Er warf ſich in einen Armſtuhl mit hoher Lehne, zog dieſen zu dem Tiſche, und ſaß da, auf eine Erfriſchung war⸗ tend, wobei ſeine dunkelleuchtenden Augen allen Bewegungen Rebekka's folgten, als dieſe einige Schüſſeln aus einem Schranke nahm und ſie auf den Tiſch ſtellte, ohne vorher ein Tiſchtuch aufzulegen oder auch nur die welken Kohlblätter und die alten Brotkrumen zu beſeitigen, die auf einer Seite des Tiſches lagen.

Der Landſtreicher verſchlang gierig ſeine Mahlzeit und ſagte kein Wort, bis er di e Anforderungen des Hungers be⸗ friedigt hatte. In der Weiſe, in welcher er, wurde dieſes Reſultat bald erreicht, und mit einem Seufzer der Befriedig⸗ ung ſtieß er die leere Schüſſel von ſich.

Das iſt die erſte herzhafte Nahrung, die ich ſeit einer Woche hatte, ſagte er.Ein Biſſen Brot und Käſe und eine Kanne Bier auf offener Straße mußte mir als Frühſtück und Mittagmahl und Abendeſſen dienen, und ein Mann von meinem Stoff kann nicht von Brot und Käſe leben. Und nun ſagt mir Alles über Euch ſelbſt, Mutter, und wie Ihr in dieſes bequeme Nuhelager kamt, mit vollauf zu eſſen und zu trinken und nichts zu thun.

Das iſt mein Geſchäft, Paul, antwortete das Weib mit einer mürriſchen Miene, die entſchloſſenen Widerſtand er⸗ warten ließ. 1

Kommt doch, Ihr braucht mir kein Geheimniß daraus zu machen. Meint Ihr denn, ich habe nicht Hirn genug, um es ſelber herauszufinden, wenn Ihr Euch weigert, es mir zu ſagen? Es geſchieht nicht jeden Tag im Jahre, daß ein feiner Gentleman und eine Lady eine Zigeunerin und Wahr⸗ ſagerin in ihre Dienſte nehmen. Solche Dinge geſchehen nicht ohne guten Grund. Welch' eine Art Burſche iſt dieſer Squire Penwyn?

Ich habe Dir über ihn nichts zu ſagen, antwortete die Zigeunerin mit demſelben entſchloſſenen Blicke.

O, ich ſehe, Ihr ſeid ſo verſteckt wie immer. Alle Winde, die über das atlantiſche Meer blaſen, haben Euch Euer mürriſches Temperament nicht ausgeblaſen. Sehr wohl, wenn Ihr ſo unmittheilſam ſeid, ſo werde ich Euch etwas über Euren koſtbaren Herrn ſagen müſſen. Es giebt andere Leute, die ihn kennen Leute, die ſich nicht ſcheuen, eine höfliche Frage zu beantworten. Sein Name iſt Penwyn, und er iſt der erſte Couſin jenes armen jungen Burſchen, der zu Saors⸗ ham ermordet wurde; durch den Tod dieſes jungen Menſchen kam er in den Beſitz dieſes Gutes. Es war ein recht glück⸗

liches Ereigniß für ihn, daß ſein Couſin hinter einer Hecke hervor erſchoſſen wurde, nicht wahr? Wäre ein ſolches Glück einem Burſchen meiner Art widerfahren, mir, einem geborenen Schelm und erzogenen Vagabnnden, es hätte gewiß Leute in der Welt gegeben, boshaft genug, zu ſagen, daß ich meine Hand bei dem Morxde gehabt. Aber wer könnte einen Gentle⸗ man wie Mr. Penwyn verdächtigen? Kein Gentleman würde ſeinen Couſin hinter einer Hecke hervor erſchießen, wenn auch der Couſin zwiſchen ihm und vielen tauſend Pfunden im Jahr ſtände.

Ich weiß nicht, was Du mit Deinen höhniſchen Worten meinſt, erwiderte Rebekka.Mr. Penwyn war zu der Zeit über zweihundert Meilen von dem Orte entfernt.

Ah! Ihr wißt alſo Alles über ihn! Ihr nehmt hier einen Vertrauenspoſten ein, wie ich ſehe. Angenehm für Euch! Soll ich Euch etwas mehr über ihn ſagen? Soll ich Euch ſagen, daß er Familien⸗Silbergeſchirre hat, die viele Tauſende von Pfunden werth ſind ſolides altes Silber, das ſeit mehr als einem Jahrhundert in der Familie iſt; daß ſein Weib ſich aus ihren Diamanten ſo wenig macht, als ob es wilde Roſen wären, die ſie von der nächſten Hecke pflücken und in ihr Haar ſtecken kann? Das iſt, was ich Glück nenne, denn ſie waren Beide ſo arm wie Job in ſeinem Etende, als der Couſin ermordet wurde. Es iſt hart für einen Burſchen wie mich, außerhalb ihrer Thore zu ſtehen, von ihren Reich⸗ thümern zu hören und mit leerem Magen und Blaſen an den Füßen weiterzugehen, um einem armen Landmanne einige Pence abzubetteln oder an einem Scheuerthore ein Huhn zu ſtehlen. Ihr habt ein beſſeres Schickſal!

Er leerte den Bierkrug, der eine anſehnliche Quantität guten Bieres enthalten, nahm ſeine Pfeife heraus und begann zu rauchen, während ihn ſeine Mutter unruhig beobachtete. Dieſe Zwei waren allein in dem Häuschen. Die Mondeshelle und die balſamiſche Luft hatten Elsbeth in das freie Feld hinausgelockt, ſie wanderte über das thauige Moorland, ſang ihre Zigeuner⸗Lieder und war in ihrer eigenen wilden Art glücklich glücklich, obwohl ſie wußte, ſie würde ſtatt eines Abendmahles nur tüchtig ausgeſcholten werden.

Sie haben drüben im großen Hauſe Geſellſchaft dieſe Nacht, nicht wahr? fragte Paul.Vor einiger Zeit, ſo un⸗ gefähr vor anderthalb Stunden, fuhren ein Dutzend ſchöner Wagen an mir vorüber, dem Fußwege begab.

Ja, es iſt eine Geſellſchaft B Diner da.

Der Zigeuner erhob ſich und ging an das offene Fenſter. Die hellerleuchteten Fenſter des Herrenhauſes ſchimmerten durch das Dunkel des Parkes und durch das ſchattige Buſchwerk.

Die ſchwarzen Augen des Zigeuners glitzerten gierig, während er die Szene betrachtete.

Ich möchte wohl gern ſehen, wie ſi freuen, ſagte er, ſich gegen die Thür bewegend.

Du darfſt nicht dem Hauſe nahe gehen, Du darſſt nicht ſehen werden an dieſem Orte, rief Rebekka, ihm haſtig

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e ſich unterhalten und

geſe fo

Darf ich nicht? höhnte der Zigenner.Ich habe die Bedeutung des WortesDürfen niemals ganz erlernt. Ich will gehen und einen Blick auf die ſchönen Ladies und Gentle⸗ men thun ich bin kein Narr und werde mich nicht ſehen

laſſen ich komme zurück, um über Nacht hier zu ruhen. 43*

ehe ich mich von der Fahrſtraße nach