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338 Concordia.
noch immer an in den Winkeln und ab⸗
verei ausüben, hält gelegenen Gegenden jenes fernen romantiſchen Weſten, trotz der Preßfreiheit und des Schulunterrichtes. Namentlich weib⸗ liche Dienſtboten waren geneigt, dieſen Aberglauben zu theilen. Jedermann vermied die braune Rebekka. Aber ihre Unbeliebt⸗ heit ſchien dieſer völlig gleichgiltig. Was ſie wirklich brauchte, das hatte ſie im Ueberfluß. Vor Allem waren Sonne und Luft nöthig, ſie zufrieden zu machen. Dieſer konnte ſie ſich unbehindert erfreuen. Ihr Hauptlaſter war die Trägheit, ihre herrſchende Leidenſchaft der Wunſch nach Ruhe. Beides konnte ſie genießen. Sie erfreute ſich daher annäherungsweiſe des Glückes, das ein blos thieriſches Menſchenleben fühlen kann. Liebe zu den Menſchen oder zu Gott kannte ſie nicht. Der göttliche Funke, der die Herzen guter Menſchen erleuchtet, ſchien ihr ganz zu fehlen.
Sie hatte ein ſchwaches Gefühl für Verwandtſchaft, das
eine Art Verbindung zwiſchen ihr und ihrem eigenen Fleiſch
und Blut herſtellte, aber ſie hatte niemals gekannt, was es ſei, ein Weſen zu lieben. Sie hielt ihre Enkelin Elsbeth bei ſich, gab ihr Nahrung und Kleidung und Obdach— aber zu⸗ erſt, weil das, was ſie ihr gab, ſie nichts koſtete, und zweitens, weil Elsbeth Botengänge für ſie machte und eine gewiſſe Flaſche oft in der kleinen Schänke im Dorfe Penwyn für ſie füllen ließ, ferner alle Arbeit that, die in der Loge zu thun war, und ihrer Großmutter im Allgemeinen jede Mühe rſparte⸗
er köſtliche Müßiggang Rebekka'’s wäre ohne die kleinen Dienſele eiſtungen Elsbeth's nicht ſo vollkommen möglich geweſen; ſonſt hätte es dieſes Weib wenig bekümmert, zu wiſſen, daß ihre Enkelin obdachlos ſei und hungere.
Sie ſaß und beobachtete das Licht, das jenſeits des Meeres am Horizonte dahinſchwand, und die ſchweren Nebel, die ſich von dem Moorlande euler⸗ als der Tag zu Ende ging. Jetzt wußte ſie, daß zu dieſer Stunde Niemand zu dem Parkthore kommen würde; ſe zog daher eine geſchwärzte Thon⸗ pfeife aus ihrer Taſche, füllte ſie mit Tabak, brannte dieſen an und begann zu rauchen— langſam und träumeriſch, wenn ein ſo gemüthsleeres Weſen überhaupt träumen konnte.
Sie rauchte die Pfeife aus und füllte ſie wieder, und rauchte fort, glücklich, während der Mond d ſein Silber über das opalfarbige Firmament ergoß. alfarbe verwandelte ſich in Grau; das Grau war im Weſten zus⸗ Purpur gemiiſcht und das leiſe Plätſchern der Meereswellen machte ſich aus der Ferne hörbar, ſchwach und monoton. Der nun hell ſchimmernde Mond ernoß ein reiches Licht auf den Moorland⸗ Weg, auf welchem Maurice Cliſſold zuerſt nach dem Gute Penwyn gekommen. Als der Squire eine Straße längs der Anhöhen gebaut, war er nicht derſelben ſchmalen Spur ge⸗
Die Op
folgt, aber der Fußpfad blieb in einiger Entfernung von der
Straße.
Indem Rebekka ihre Blicke träge gegen dieſen Pfad wen⸗ dete, wurde ſie durch den Anblick einer Geſtalt überraſcht, die ſich langſam im Mondlichte näherte.
Es war ein Mann, breitſchulterig und kräftig, der in ſorgloſer Freiheit des Ganges daherſchritt, wie ſie einen Men⸗ ſchen anzeigt, der es gewöhnt iſt, zu Fuße zu wandern, einen Nomaden durch Inſtinkt und Gewohnheit.
Er kam geradezu heran, ohne anzuhalten oder eine Un⸗ gewißheit zu verrathen, kam geradenwegs auf das Thor zu,
und blickte herein auf das Weib, welches auf der Thür⸗ ſchwelle ſaß.
„Ach!“ ſagte er,„es war der rechte Fingerzeig, den Josh Collins mir gab. Guten Abend, Mutter.“
Das Weib leerte die Aſche ihrer Pfeife auf der Thür⸗ ſchwelle aus, ehe ſie dieſem kindlichen Gruße antwortete. Dann blickte ſie mit finſterer Miene auf den Wanderer.
„Was bringt Dich her?“
„Das iſt eine herzloſe Frage!“ rief der Mann.„Was bringt einen Sohn dazu, nach ſeiner geſegneten alten Mutter zu ſehen? Habt Ihr denn kein Familien⸗Gefühl?“
„Nicht für Dich, Paul, noch für irgend Einen Deines Schlages. Was bringt Dich her?“
„Beſſer, Ihr laßt mich erſt ein und gebt mir etwas zu eſſen und zu trinken. Ich liebe es nicht, zwiſchen Eiſen⸗ ſtangen durchzuſehen wie eine wilde Beſtie in einer Menagerie.“
Rebekka zögerte— und blickte eine Minute lang zweifel⸗ haft auf ihren Sohn, ehe ſie ſich entſchloß, ihn einzulaſſen. Sie erwog die Möglichkeit des Falles, nahm dann ihren Schlüſſel und öffnete das Thor. Wäre es ohne Gefahr für ſie thunlich geweſen, dieſen zurückgekehrten verlorenen Sohn draußen zu halten, ſie würde es gethan haben. Aber ſie kannte den Charakter ihres Sohnes zu gut, um mit ſeinen Gefühlen zu ſpielen, die geneigt waren, ſich in wilder Frei⸗ heit auszudrücken.
„Komm' herein,“ ſagte ſie mürriſch,„iß zu Deinem Ge⸗ nügen, und geh' Deiner Wege, wenn Du gegeſſen haſt. Es war ein böſer Wind für mich, der Dich nach dieſem Wege blies. 7
Das iſt nicht überfreundlich von einer Mutter,“ ant⸗ wortoße der Nomade ſorglos. Ich habe genug Arbeit gehabt, Euch zu finden, ſeit Ihr uns auf dem Markte zu Weſterham entſchlüpftet.“
„Du hätteſt zufrieden ſein könn Anbetracht des geringen Antheiles, pflegteſt,“ erwiderte Rebekka bitter.
nen, mich loszuwerden, in den Du mir zu gönnen
„Nun, vielleicht hätte ich die Sache in dieſem Lichte be⸗ trachtet, hätte ich nicht vor zwei oder drei Monaten von einem meiner Kameraden im Beſenhandel, der zufällig im letzten Sommer dieſen Weg vorbeikam, gehört, daß Ihr Euch hie wärmtet, wie eine Kröte in der Sonne. Er mochte einige Nachfragen über Euch— aus Freundſchaft für mich— dort drüben im Dorfe, und hörte, daß Ihr von dem Fette des Landes lebt und genug erſparen könnt. Ihr lebt im Dienſte — Ihr, die aufgezogen ward, um etwas Beſſeres zu nehmen, als Lohn aus der Hand eines Menſchen— und das Brot der Abhängigkeit zu eſſen. So legte ich denn Zwei und Zwei zuſammen und dachte, vielleicht würdet Ihr bis zu dieſer Zeit ein wenig Geld erſpart haben, und würdet mir mit ein paar Ffunden aushelfen, wenn ich bei Euch nachſähe. Es wäre hart, wenn eine Mutter ſich weigern ſollte, ihrem Sohne zu helfen.“
„Ohne Zweifel! Du haſt mich ja ſo freundlich behandelt, als wir beiſammen waren, daß ich Urſache habe, Dir ſehr zu⸗ gethan zu ſein,“ ſagte Rebekka höhniſch.„Komm' herein und iß. Ich will Dir eine Mahlzeit geben und ein Nachtquartier, wenn es Dir gefällt, aber ich werde Dir nicht mehr geben, und Du wirſt beſſer thun, Dich mit Tagesanbruch davon⸗
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