334 Concordia.
richtet, mag ſein geiſtreiches Köpfchen darüber, woher ich das „alles“ weiß, zerbrechen. Und die ſanfte, fromme Dame, die mir den freundſchaftlichen Rath ertheilt, ich ſolle lieber meine Strümpfe ſtopfen und Kleider ausbeſſern, anſtatt ſolche Romane zu ſchreiben, die ein ganz eigenthümliches Licht auf die Ver⸗ faſſerin würfen, da es ſich doch für unverheiratete Mädchen nicht zieme, Themata zu berühren,„denen ſie doch— fern ſtehen müßten“, und mich nicht um Fremder Wäſche bekümmern! „Heil'ge Ordnung— ſegensreiche Tochter!“— als ob ich je zerriſſene Strümpfe trüge oder, wie ſo manche meiner„prak⸗ tiſchen“ Mitſchweſtern, keine Sorgfalt auf meinen äußeren Menſchen legte! Hu, was hätte die Edle zu meinem unchriſt⸗ lichen Wunſch von vorhin geſagt; wie unweiblich war das gedacht;— anſtatt meine zweite Wange hinzureichen, wenn ich einen Schlag empfange, wünſchte ich, aus nicht näher zu bezeichnenden Gründen, daß ich mit einem Schlage mir Ruhe vor zudringlichen Fragern und Fragerinnen verſchaffen könnte. Doch, jetzt habe ich mich genug geärgert, und ich glaube, ich werde nun arbeiten können; denn, wie Marie Stuart, fühle ich, daß es manchmal ganz gut iſt, wenn man in Wallung kommt.“
Niit einer haſtigen Bewegung ſtrich ſie das lichtbraune Haar, das ihr oval geformtes Geſicht in einem einfachen Wellenſcheitel umrahmte, zurück und griff nach Feder und Papier, um ihre unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen; allein obwohl ſie ſich die größte Mühe gab, ihre Gedanken darauf zu lenken, wollte es ihr nicht gelingen, und umſonſt ſtützte ſie nachdenklich die Stirn auf die kleine, weiße Hand, umſonſt ſtarrte ſie bald die Decke, bald die Diele an, als könnten ſich oben oder unten gute Gedanken, paſſende Worte finden— es glückte ihr kein Satz, und nur zu bald ließ ſie den Federhalter ſinken, lehnte ſich in den Rohrſeſſel zurück und
überließ ſich von Neuem dem früheren Grübeln.
Die vorher empfangenen Briefe hatten einen ganz eigen⸗ thümlichen Ideengang in ihr erweckt, und als ſich jetzt raſch die Thür vom Nebenzimmer öffnete und eine ältliche Frau, die Dienerin der Dame, eintrat, ſchaute ſie wieder luſtig zu ihr empor, und die Hände ihr entgegenſtreckend, als wollte ſie etwas in Empfang nehmen, rief ſie heiter:„Gieb her, ge⸗ treueſte aller Mägde, was Du auch für mich haſt. Sei es Nektar oder Gift, aus Deinen Händen iſt es mir willkommen.“
„Nee, was Fräulein immer für kurioſe Redensarten haben,“ meinte die Frau achſelzuckend;„Gift ſoll ich Ihnen bringen, oder wat war des andre für een Dings? Ick bring' Ihnen eenen Brief, ſonſt jar niſcht!“
„Zeige her, was Du geſchrieben!“ ſang die Herrin, indem ſie der Alten einen Brief aus den Händen nahm. Mißtrauiſch betrachtete ſie ihn von allen Seiten, ehe ſie ihn öffnete; als ſie ihn aber mehrmals von vorn und hinten angeſehen hatte, riß ſie raſch das Couvert entzwei, und ein befriedigter Aus⸗ druck lag auf ihrem Geſichte, als ſie, ſich an die Magd wendend, meinte:„Balſam auf meine Wunden, Minna— ach ſo, das verſtehſt Du wieder nicht und denkſt am Ende gar, Du müßteſt mir Charpie zupfen, um mich zu retten. Nein, für die Wunde, die man mir ſchlägt, gäbe es nur eine Heilung, die ich aber nicht mag! Sag''mal, wie lange kennſt Du mich?“ fragte ſie plötzlich, indem ſie die Hand auf den Arm der Alten legte.
Dieſe brach in ein lautes Lachen aus; ein luſtiges Augen⸗
zwinkern gab dem alten, vertrockneten Geſicht einen faſt ſchel⸗ miſchen Ausdruck, und indem ſie dem Fräulein ganz nahe trat, rief ſie:„Hahaha, Fräulein, das ſoll ich Ihnen ſagen? Sie waren jrade drei Jahre alt, als ich Ihre Amme wurde; alſo—“
„Still wie das Grab!“ unterbrach ſie die junge Dame, die Hand auf den Mund der Alten legend,„denke, wenn Je⸗ mand horchte und nun hörte, daß ich, Cornelie Winter— hu!— im Hochſommer meines Lebens angelangt bin, es wäre gräßlich! Aber ſprich, iſt es wahr, bin ich wirklich ſchon dreißig Jahre? Muß ich es glauben, daß die Jugend verronnen und ich— eine veritable alte Jungfer geworden bin? Sage Du es mir; denn ſonſt glaube ich es nicht.“
Minna, die ehemalige Amme unſerer neuen Bekannten, ſchauet verwundert, fragend in das Geſicht ihrer Herrin; ſie wurde nicht klug aus ihren Worten; ſie wußte nicht, ſprach Ernſt oder Scherz aus denſelben, und faſt ängſtlich entgegnete ſie:
„Ja, ja,'s iſt wahr; dreißig Jahre bin ich bei Ihnen, und wenn Sie ſich nich eklig ſputen, dann wird's Ernſt mit der alten Jungfer; denn lange Zeit haben Sie nich mehr, bis Sie ſoweit ſind.“
„Deine Aufrichtigkeit entzückt mich,“ lachte Cornelie, ihren Arm um die Alte ſchlingend;„aber Mädchen, kennſt Du nicht das Lied:„Schier dreißig Jahre biſt Du alt und denkſt auch noch an's Frei'n? Geh' Du nur in ein Kloſter und bet' ein Paternoſter, das wird Dir beſſer ſein“?“
„Ach, Unſinn,“ rief Minna,„müſſen Sie denn allen Leuten auf die Naſe binden, wie alt Sie ſind? Ich ſag's keenem Menſchen, na— und anſehen thut's Ihnen Niemand. Wenn Sie man heiraten wollten—“
„Aber ich will nicht,“ fiel Cornelie ein,„ich habe mir ge⸗ lobt, niemals einem Manne anzugehören, verſtehſt Du, und mein Gelübde halte ich, obwohl es mitunter recht fatal iſt, unverheiratet zu ſein.“
Sie war von dem drolligen Pathos, das ſie anfangs an⸗ geſchlagen, in ihren natürlichen Ton übergegangen, und bei den letzten Worten ſeufzte ſie leicht auf.
Minna blickte ſie an.„Herr Jeſus!“ rief ſie,„ſollten Sie endlich zur Vernunft kommen? Fräulein, liebes, gutes, beſtes Cornelchen, wenn Sie wirklich endlich einſehen wollten, daß es ſo nich länger jeht, daß Sie eenen braven, juten, an⸗ ſtändigen Mann nöthig brauchen, daß ſo ein alleeniges Fräu⸗ lein jarniſcht bedeutet, daß man ſo jar keenen— Rehſpeck vor ihr hat! Ach, wenn ich Sie noch im Brautſchmuck, im Myrthenkranze ſehen könnte, dann will ich jerne ſterben.“
„Gute Seele,“ entgegnete Cornelie gerührt, dann aber ſiegte ihre übermüthige Laune über die momentane Bewegung, und lachend rief ſie:„Die Hoffnung, Minna, gieb auf; denn geſetzt den Fall, ich fände noch ſo einen guten Narren, der mich angehende Antiquität zu ſeiner Herzensherrin erwählte, ſo könnte ich Dir den Hochgenuß, mich im Brautkranz am Altar zu ſehen, nicht verſchaffen; denn ich ließe mich civil trauen, ich bin eine Verfechterin der Civilehe, und dabei, liebe Minna, giebt es keine Kränze; aber,“ flüſterte ſie ihr zu, „auch keine— Ohrfeigen! Du kennſt ja die Hiſtorie, die ich Dir aus Dir ſehr wichtigen Gründen zur Warnung mit⸗ getheilt habe.“
Ein recht verlegenes Lächeln ſchwebte um den Mund der Alten, als ſie meinte:„Das hätte ich freilich riskirt, Fräulein


