332 Concordia.
„Du willſt mir Deine Wohnung nicht ſagen und glaubſt, der ſtolze Dominique werde das thun?“
„Nenne ihn nicht ſtolz.“
„Doch, Kind, er ging bei mir vorbei, als hätte er mich im Leben nie geſehen. War freilich ſehr verhüllt— in Sammet und Seide, wie ein Marquis; aber der Vater Jacques hat ſcharfe Augen, wie ſeine Zunge ſtumm und un⸗ gelenkig iſt, wenn er reden ſoll und will nicht.— Eine kleine Gabe dem armen Vater Jacques!“
„Und irrſt Du auch nicht? war er es wirklich?“
„War es.— Ein anderes Mal ſah er wie ein Kohlenträger aus; das war vor vier Tagen,“ verſetzte der Bettler.„Komm' heute Abend zu mir, kleine Perle, werde Dir einen Herrn verſchaffen, mit einer Börſe, ganz ſtraff voll Louisd'or.“
„Nein, nein.“
„Du biſt keuſch geworden. warum.“
„Du weißt nicht mehr als Du mir geſagt.“
„Gewiß nicht; ich dränge mich nicht in Jemandes Ver⸗ trauen, das er mir entzieht. Aber Kind, Du ſtörſt mein Ge⸗ ſchäft.— Eine milde Gabe dem armen Vater Jaecques!“
Das Antlitz des Mädchens war finſter geworden. Da zeigte plötzlich der alte Krüppel auf zwei ehrſame alte Bürger.
„Marguerite, ſchau'! wenn man vom Fuchs ſpricht, zeigt ſich ſein Schwanz.“
In der That, die Verkleidung war kaum zu durchdringen, und doch, ja, ja, es waren Joſef Lami und Dominique Cartouche. Das Mädchen folgte den Beiden.
Auch gut. Begreife nur nicht,
8. Kapitel. Das Artheil.
Marguerite folgte den Beiden nicht unbemerkt. Bald hatte Cartouche entdeckt, daß Jemand, ein Weib, ſie beobachte. Er theilte ſeinem Gefährten das mit und Beide beſchloſſen, die Späherin in ihr Netz zu locken.
Ohne ihre Schrite zu beeilen, gingen ſie bis zur nächſten Querſtraße und bogen dann hart um. Als das Mädchen an der Ecke erſchien, ſah es nur noch Dominique. Wo Lami ge⸗ blieben, wußte es nicht, bekümmerte ſich auch um ſein Ver⸗ ſchwinden wenig.
Raſch eilte ſie auf den Voranſchreitenden zu und redete ihn an:
„Kennſt Du mich nicht mehr, wackerer Bürger?— ich ſehe ſchärfer und kann einen Tiſchler von einem Gewürzkrämer, einen Drechsler von einem Leinwandhändler unterſcheiden.“
„In der That, das iſt Marguerite,“ ſagte Dominique, indem es heimtückiſch aus ſeinen Augen blitzte,„die Perle, welche uns ſo viel Liebes erwieſen. Aber wie ſiehſt Du aus, Mädchen? Der Kerker hat Deine friſche Blume gewelkt, als ſei ſie dem unerbittlichen Schnitter verfallen.“
„Nein,“ lächelte ſie, neben ihm hergehend,„der Tod hat meine Wurzel noch nicht berührt. O, ich fühle es, daß einige Wochen hinreichen werden, mir das wiederzugeben, was Tor⸗ tur und Gefängniß mir genommen. Gewiß, mein Freund, Du wirſt ſehr bald wieder die friſche, duftende Blume an Dein Herz drücken.“
„Ja, ja,“ erwiderte Dominique,„wenn dieſe Wangen ſich röthen, wird in Deinen Armen mir die Seligkeit der Erde
winken... Wenn es ſich mit meiner Würde als ehrbarer Bürger vertrüge, wahrlich, ich nähme Dich, Mädchen, ſogleich bei den Ohren, um mit Dir ein Tänzchen aufzuführen.“
„Du zürnſt mir alſo nicht mehr, daß der Schmerz mich zur Verrätherin gemacht hat?— Dich und den Joſef, der vorhin bei Dir war, habe ich nicht genannt. Da hätten ſie mich lieber zerreißen können.“
„Sie haben Dir Daumſchrauben angelegt? oder Dich mit glühenden Eiſen gebrannt?“
„Nein, Dominique, ſie haben mich bis auf das Blut ge⸗ peitſcht.“ 1
„Armes Kind.“
„Wohl haſt Du recht, mich zu bedauern. Tauſendmal lieber ſterben, wie das noch einmal erdulden. Wenn Adelaide von d'Argenſon's Manier ſprach, uns die Zunge zu löſen, und ihre Narben aufwies, ſo konnte ich mir doch nicht vor⸗ ſtellen, welchen Schmerz der Menſch erdulden kann! Wäre ich Mutter, nie ſollte eine Ruthe in meine Hand kommen. Außerdem beſorgte ich, daß Du unter meiner Ausſage leiden könnteſt. Der Kerker ſchien mir nicht mehr trübe, ſeit ich er⸗ fahren, daß Du nicht in ihre Gewalt gefallen warſt.“
Wie iſt mir denn aber, wurdeſt Du nicht Biſt Du ausgebrochen? was hat Erzähle mir, kleines
„Der Kerker! zu zehn Jahren verurtheilt? Dich ſonſt vor La Force gerettet? Gänſeblümchen.“
Das Mädchen ſchilderte ihren Aufenhalt in dem Ge⸗ fängniſſe, wie ſie plötzlich befreit worden, daß der General⸗ polizeilieutenant ſich ihrer bedienen wolle, wie ſie ihn auf⸗ geſucht und erwartet und endlich gefunden habe. Schweigend hörte ihr Cartouche zu, nur hin und wieder ſchoß ſein Auge einen Blitz auf ſie, der, wäre er von ihr bemerkt worden, ihr ſicher verrathen, daß ſie an der Seite eines Feindes wandle.
Mehrere Gaſſen hatten ſie ſo durchſchritten. Jetzt blieb Cartouche plötzlich vor einem Hauſe ſtehen, in dem ſich eine Schänke befand, die„le pistolet“ genannt wurde.
„Wollen wir nicht einen Schluck Wein auf das fröhliche Wiederſehen trinken?“ fragte er ſie. „Biſt Du hier zu Hauſe?“
„Nein, mein Schätzchen, aber Komm'.“
Beide betraten die Schänke, oder vielmehr den Flur. In dieſem befand ſich ein Büffet, hinter dem ſich ein weibliches Weſen aufhielt, welches die Stelle der dame du cemptoir ver⸗ trat und Niemand anders war als Madame Joli, die Frau des Eigenthümers der Schänke. Hinter dem Büffet war eine Thür, die links über eine Treppe in die Gemächer des Beſitzers zu führen ſchien. Auf dieſe Thür ging Cartouche zu, öffnete dieſelbe, ohne mit Madame ein Wort zu wechſeln, und ließ ſeine Begleiterin durch dieſelbe ſchreiten.
„Iſt das rothe Zimmer in Ordnung?“ fragte er, ſich noch einmal umwendend.
„Das rothe Zimmer?“ wiederholte Madame.
„Allerdings.“
„Es iſt bereit.“
Die Thür ſchloß ſich und ein Seufzer entquoll den Lip⸗ pen der rieſigen Frau.„Joli,“ rief ſie dann.
„Ja,“ mein Herzchen.“ Und in der Thür des Schank⸗ zimmers zeigte ſich die kleine, magere Geſtalt des Ehemannes,
der Wein iſt hier gut.


