Jahrgang 
1 (1879)
Seite
330
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330 Concordia.

Am folgenden Tage hielt ein Wagen vor dem Häuschen der Madame Champion in Meudon. Dieſelbe verließ mit ihrem Kinde den Ort. Wohin ſie ging, wußte Niemand. Die Nachbarn hatten wenig mit ihr in Verkehr geſtanden, da ſie jede Annäherung floh; aber Jeder war ihr wohlgeſinnt.

Die Frau muß großes Leid erfahren haben, ſagten die Leute,ſie ſitzt immer ſo einſam und gedankenvoll und hat das Auge voll Thränen, daß es Einen tief in die Seele ſchmerzt.

Auch mit thränenvollen Augen verließ Sidi Meudon, ge⸗ horchte ſie dem Befehle des Geliebten.

Cartouche hatte flüchtig und mit Lami allein die franzöſiſche Hauptſtadt verlaſſen; jetzt kehrte er dorthin, an der Spitze einer Gaunerbande, zurück, die ihn als ihren Chef anerkannte, die von ihm gebildet und geübt war. Sein Räubergenie ließ den Seinen die Jugend ihres Hauptmannes vergeſſen, dem ſie abſolute Gewalt eingeräumt, dem ſie ſich mit Blut und Leben zugeſchworen hatten.

In der That war Dominique kein gewöhnlicher Kopf, der, unterſtützt vom Glück, in der Diebeswelt Berühmtheit erlangt; ſein Plan, ſeine Ideen waren gewaltig, titanenhaft. Nicht der Häuptlingsplatz genügte ihm, ein wahrhafter franzöſiſcher Räuberkönig zu werden, war ſein Ziel. Die Verbrecher, die Feinde der ſozialen Ordnung unter ſein Szepter zu ver⸗ ſammeln, einen gewaltigen, gefährlichen Staat im Staate zu bilden, deſſen Oberhaupt er war; mit dieſem Gedanken trug er ſich, ihn wollte er zur Ausführung bringen, darum kehrte er nach Paris zurück.

Vielleicht würde ſich ein Anderer dort mit Thaten aus⸗ gezeichnet und ſich ſo eingeführt haben, daß der Bürger in Schrecken geſetzt wäre im Gegentheil begann er den Krieg gegen die Gauner, die ſich ihm nicht unterworfen hatten. Noch nie hatte die Polizei ſolche Ernte unter den Dieben gehalten, als die eingehenden anonymen Angebereien möglich machten. D'Argenſon rieb ſich die Hände, der Henker arbeitete fort und fort.

D'Argenſon hatte ſich mit Villeneuve ausgeſöhnt, der junge Edelmann war ſein rechter Arm. Die Bedenklichkeiten, welche Ernſt bei der Exekution des hübſchen Mädchens ge⸗ habt, waren längſt entſchwunden, und er trat jetzt feſt in die Spuren ſeines Vorgeſetzten, der ihn des Spürſinnes, des ſcharfen Blickes wegen hochachtete, und wie man ſagte, zu ſeinem Nachfolger wünſchte.

Dieſe Denunziationen, ſagte d'Argenſon eines Tages zu ihm,ſind ſo eigenthümlich, ſo vortheilhaft, daß wir darauf rechnen können, das Eigenthum bald als geſichert anzuſehen. Wenn das ſo fortgeht, hat Paris in Jahresfriſt keinen Schel⸗ men mehr aufzuweiſen.

Ja, ja, es wird recht hübſch unter ihnen aufgeräumt, erwiderte Ernſt de Villeneuve.Wir ſchwimmen förmlich oben auf; aber ich fürchte, daß dies nicht immer dauern wird, daß

Warum halten Sie inne? Sprechen Sie, lieber Freund, Ihre Gedanken ohne Hehl aus.

Ich fürchte, daß ſich hinter dieſen Denunziationen ein Mann verbirgt, der unſerer einſt ſpotten wird.

Pah, Sie ſehen Dinge, die nicht exiſtiren. Ich bin feſt überzeugt, daß ein wohlwollender Abenteurer ſich in die Maske

des Angebers ſteckt, oder auch ein reuiger Verbrecher, der ſeine Miſſethaten nicht mit Buße und Gebet, auch nicht mit Strick, Schwert oder Galeere büßen will, ſondern durch die That auf Koſten der anderen Schelme. Was aber immer die Be⸗ weggründe ſind, er leiſtet uns herrliche Dienſte. Nur Eines iſt wunderbar, wie es möglich iſt, daß ein Einzelner dieſe Kenntniß beſitzen kann.

Und wenn es kein Einzelner wäre, wenn dieſe Angebereien von einer Bande ausgingen, die unter ihresgleichen aufräumt, um nachher einen freieren Spielraum zu haben? erwiderte Villeneuve.

Möglich, möglich; aber für uns auch nicht übel. Solche Verbindungen fallen uns leichter in die Hände, als ein ge⸗ wandter, einzelner Verbrecher, verſetzte der Generalpolizei⸗ lieutenant.

Ein ironiſches Lächeln flog über das Geſicht des Anderen.

Und doch gab es vor Jahresfriſt eine Bande, die nur durch Zufall entdeckt wurde, nur durch die freche Unvorſichtig⸗ keit eines ihrer Mitglieder.

Sie können mir alſo noch immer nicht vergeſſen, daß ich Sie faſt in einem ſeltſamen Verdachte hatte, entgegnete d'Ar⸗ genſon;ich dächte, daß ich Ihnen glänzende Satisfaktion ge⸗ geben.

Ich habe nicht daran gedacht, bemerkte der junge Edel⸗ mann;Sie wurden auf einen Augenblick durch die frechen Lügen einer Dirne getäuſcht, wie das mir auch hätte ge⸗ ſchehen können.

Allerdings war dieſe Perſon eine hodenloſe Lügnerin, die aber ihrem Lohne nicht entgangen iſt.

Leider wird ſie in La Force doppelt ſtreng behandelt ich hätte ihre Talente anders benutzt.

So ſprechen Sie.

Ziehen Sie dieſe Marguerite aus ihrem Kerker, gewinnen Sie ſich dieſelbe zum Spion, und ich wette, daß wir bald wiſſen werden, wer der gefährliche Denunziant iſt.

Und wenn wir das wiſſen? Sollen wir ihn fangen, einſperren, tödten, der uns die beſten Dienſte leiſtet, der uns die Diebe regimenterweiſe förmlich überliefert? Iſt das Ihre Anſicht?

Die Worte des Generalpolizeilieutenants hatten einen bitteren Beigeſchmack, der junge Edelmann ſchmeckte den Wermuth heraus und fühlte ſehr wohl, daß er nicht mit Herrn d'Argenſon harmonire; aber er verſchluckte nicht ſeine Anſicht, er erwiderte:

Es mag ungewöhnlich klingen und doch erinnere ich mich, daß ich auf der Schule die Worte las: Quidquid id est, timeo Danaos, et dona ferentes! und doch hörten die Troer die ungewöhnlich klingende Warnung des würdigen Laokoon.

Das Citat war nicht an unrechter Stelle, wenn nur Herr d'Argenſon, der ſonſt als ein gebildeter und ſcharſſinniger Mann gelten mußte, es verſtanden hätte ſo verlief es in den Sand und mit ihm der Rath Villeneuve's.

Nein, nein, erwiderte der Generalpolizeilieutenant,Sie werden mich nie überzeugen, daß Sie recht haben.

Die Zeit wird Sie vielleicht zu meiner Meinung einſt be⸗ kehren, verſetzte Villeneuve.

Das Geſpräch war doch nicht ſo nutzlos geweſen, als es

ſchien. Schon am folgenden Tage hatte d'Argenſon ein Zwie⸗