Güte
ſage wort,
Concordia. 329
„Gut, dann gieb mir Deinen Arm, dann wollen wir es
ganz gemüthlich abmachen.“
„Nein, noch nicht! Ich denke, es geht beſſer ſo, Du biſt aufmerkſamer, wenn Du weiter nichts thuſt.“
Ich ſetzte mich ungeduldig, mit den Achſeln zuckend, hin, und Vetter Ulih fuhr fort:
„Wenn ich Herrn Bertram recht verſtanden, ſo trug er Dir ſeine Hand an?“
„Nein, das that er nicht. Er ſprach nur eine Menge Unſinn, er ſagte, ich ſollte mit ihm nach der Pfarrei in Oxley gehen— als ob ich Luſt dazu haben könnte, mit einem ſo alten Junggeſellen wie er iſt!— ich ſollte ihm mein Herz ſchenken, und ſolches Zeug mehr,— ſchließlich lachte ich laut auf; ich konnte nicht anders! Und er, der alte Narr, wurde ärgerlich!“
„Das laß jetzt ruhen!— Was er auch geſagt haben mag, Du entnahmſt doch daraus, daß er den Wunſch hatte, Dich zu ſeiner Gattin zu machen, und daß er Dir ſeine Hand antrug?“
„Ja, ich glaube, das war der Sinn ſeiner Worte.“
„Ich gebe gern zu, Petronel, daß Du für einen ſolchen Antrag noch ſehr jung biſt, doch Du biſt ſchon zu alt, um darüber lachen zu dürfen; das war jedenfalls unzart und unweiblich.“
„Nun ja, gegen jemand Anderes würde ich auch ſo nicht gehandelt haben, aber—“
„Sind denn die Gefühle des Herrn Bertram nicht ebenſo werth, berückſichtigt zu werden, wie die eines jüngeren Herrn? Glaubſt Du denn nicht, daß ſie ebenſo innig und warm ſein können, als wenn er noch nicht ſo alt wäre, wie Du ſagſt? Sei überzeugt, jetzt würde er viel darum geben, wenn er im Stande wäre, die ihm gewordene Täuſchung mit der Leichtigkeit eines jüngeren Herzens hinzunehmen! Du pochſt zu ſehr auf Deine Jugend; ſie giebt Dir kein Recht, Herzen zu verwunden.“
„Du ſprichſt ſo ernſthaft, Vetter Ulih!“ ſagte ich leiſe und ließ den Kopf hängen.
„Sehr ernſt— vielleicht zu ernſt! Ich wollte, es wäre ſo. Doch da ich einſehe, daß Du in Deiner Gedankenloſigkeit
nicht die Vortheile, die Dir geboten ſind, in ihrem ganzen Umfange erkannt und berückſichtigt haſt, ſo halte ich es für meine Pflicht, Dich darauf aufmerkſam zu machen. Zuerſt und vor Allem, Petronel, ſage ich Dir, es iſt meine Anſicht, daß ein Mann, wie Herr Bertram, wohl im Stande iſt, eine Frau glücklich zu machen,— ich kenne ihn von Jugend auf und ſpreche aus voller Ueberzeugung—“
„Aber Vetter Ulih, wie kannſt Du ſo etwas ſagen?“
Bei dieſen Worten, die mir raſch entfuhren, konnte er ſich eines Lächelns nicht erwehren, doch ernſt fuhr er fort:
„Wenn es nicht meine Ueberzeugung und Herzensmeinung wäre, würde ich es nicht ſagen; er iſt freundlich und liebens⸗ würdig—“
„Er iſt der langweiligſte, unerträglichſte Menſch, der lebt,“ flüſterte ich.
„Und, was in meinen Augen einen weit höheren Werth hat, er iſt treu von Herzen. Ebenſo gewiß, wie er ein guter Sohn und Bruder iſt, wird er auch ein guter Gatte ſein; nebenbei iſt er ſo ſituirt, daß er Dir eine Deinen Verhältniſſen entſprechende Stellung bieten kann.“
„Was nutzt mir das Alles, wenn ich ihn nicht leiden kann!“
„Haſt Du auch wohl ſchon allen Ernſtes darüber nach⸗ gedacht, ob Du es nicht dahin bringen könnteſt, ihn lieb zu haben? Bis jetzt kennſt Du nur noch die leichtere Seite ſeines Charakters; doch hinter ſeinem Scherz und Frohſinn ſind auch treue, vollwichtige Eigenſchaften verborgen; das glaube mir. Niemand ſoll Dich zwingen, einen übereilten Entſchluß in dieſer Angelegenheit zu faſſen, dazu iſt ſie zu wichtig; doch, Petronel, ſei verſichert, es liegen manche Gründe vor, um derenthalben Du einen ſolchen Antrag keinenfalls leichtſinnig abweiſen darfſt. Es wäre ja doch möglich, daß dieſes Haus Dir nicht immer eine Heimat bieten könnte, in dem Fall—“.
„Du denkſt doch nicht an Heiraten?“ rief ich erſchrocken aus, wandte mich zu ihm und ergriff ſeinen Arm.„O, Vetter Ulih, neulich ſagteſt Du mir ja noch, Du dächteſt nicht
daran!“ (Fortſetzung folgt.)
Der Räuberkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Fortſetzung.)
„Du gehſt nach Paris und ſchickſt uns recht weit davon,“ entgegnete Sidi in vorwurfsvollem Tone.
„Ja, und dreimal Ja!“ rief Cartouche unwillig, dann ſetzte er ſanfter hinzu:„Sidi, wärſt Du mir wie der Junge da nicht mehr als ein Mädchen, an deſſen Buſen man eine Nacht verträumt, als ein Knabe, dem Einen der Zufall in den Weg geworfen, ich würde Euch vielleicht bei mir behalten. Die Nähe Deines Dominique iſt aber gefährlich, und ich möchte nicht, daß Euch ein Unfall träfe.“
„Der größte Unfall iſt, von Dir entfernt zu ſein,“ er⸗
widerte ſie und ſchmiegte ſich an ihn.
„Nun, dann mußt Du ihn tragen lernen,“ verſetzte er kalt.„Ueberhaupt bin ich nicht der Mann, der Einwände er⸗ tragen darf und wird. Gehorſam heißt die Loſung, welche
mich meine Pläne allein durchſetzen läßt. Was ich befehle, muß geſchehen.— Morgen wirſt Du mit unſerem Kinde nach Rouen gehen. Die Vorbereitungen ſind getroffen.“
„Und wirſt Du uns dahin geleiten?“ fragte wehmüthig, faſt klagend das junge Weib.
„Es geht nicht, mein Herz— man ermartet mich morgen in Paris. Für dieſe Nacht aber gehöre ich Dir.“
„Dominique, Du liebſt mich nicht mehr, Du verräthſt mich.“
„Mache mich nicht bös, Sidi— ich bin in heiterer Laune zu Dir gekommen. Sollen wir uns wiederſehen, ſo verbittere mir dieſe Stunden nicht, ich bitte Dich darum.“ Die Bitte lautete ernſt und ſtreng.
Sidi ſenkte das hübſche Köpfchen, eine Thräne perlte in ihrem Auge.—
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