328 Concordia.
unter einem Dache leben würden. Dazu war leider jetzt noch keine Ausſicht vorhanden; unſere Charaktere waren ſo ver⸗ ſchieden, und wir konnten einmal nicht zuſammenkommen, ohne uns zu zanken; ich war noch zu unerfahren, um ein⸗ zuſehen, daß der Grund dazu nicht darin lag, daß wir feind⸗ lich gegen einander geſinnt waren, ſondern nur darin, daß im Grunde unſerer Herzen ganz dieſelben Empfindungen lebten. Bei ihr waren dieſe ſchon reif und geſtählt, bei mir fingen ſie erſt an zu leben und ſich zu regen; offenbar weckten ſie bei uns Beiden Rivalität und hinderten uns daran, friedlich neben einander her zu gehen.— Wir liebten einen und den⸗ ſelben und waren eiferſüchtig auf einander.
Damals ſah ich dieſes noch nicht ein und fühlte mich recht unglücklich; denn wenn die Couſine auch noch ſo ungerecht gegen mich war und mich ſchlecht behandelte, ſo ſtand ſie ihrem Bruder doch zu nahe, als daß mir die Reibereien und Zänkereien mit ihr hätten Vergnügen machen können. Mit ähnlichen Gedanken ging ich im Hauſe umher, ſchalt auf mich ſelbſt wegen meiner unglücklichen Heftigkeit und ſehnte mich nach dem Augenblick der Rückkehr Marcia's, um Alles zwiſchen uns wieder in ein gutes Geleiſe bringen zu können. Als ich daher einen Wagen vorfahren hörte, trat ich an's Treppen⸗ geländer, lehnte mich hinüber und bereitete mich darauf vor, ſie auf's Freundlichſte zu begrüßen, damit ſie ſähe, daß meine Unart vorüber ſei.
Doch es war die Couſine Marcia gar nicht, ſondern der Vetter Ulih. Haſtig trat er in's Haus und ging, wie gewöhn⸗ lich, direkt nach dem Berathungszimmer. Als er mich jedoch bemerkte, hielt er an, nickte mir zu und fragte, ob ſeine Schweſter nicht daheim wäre.
„Nein, ſie iſt ſchon vor länger als einer Stunde aus⸗ gefahren.“
„Warum fuhrſt Du denn nicht mit aus?“
Ich zuckte trotzig mit den Achſeln, der Einfluß ſeiner Worte, die ſo ganz verſchieden von denen der Couſine waren und ſo viel Intereſſe zeigten für Alles, was ich that und ſagte, weckte den böſen Dämon wieder in mir.
„Ich weiß es ſelbſt nicht! Ich bleibe lieber zu Hauſe.“
„Was? Ganz aus eigener Paſſion?“
„Nun ja; oft iſt man lieber allein als in Geſellſchaft Anderer.“ Dabei lachte ich auf, der Vetter ſchien jedoch nicht eben zum Lachen aufgelegt, im Gegentheil, er wurde ſehr ernſt.
„Warte einen Augenblick, Petronel; ich muß eben etwas notiren, dann komme ich zu Dir, ich möchte Dich gern ſprechen.“.
Plötzlich ſah ich ein, daß ich mich feſtgefahren, mein Herz fing an, unruhig zu ſchlagen, und meine heitere Stimmung verſchwand; der Vetter hatte ohne Zweifel von meinem Be⸗ nehmen gehört und ſich vorgenommen, bei Gelegenheit mit mir darüber zu ſprechen; dieſe Gelegenheit aber hatte ich ihm ſelbſt gegeben. Warum auch hatte ich mich ſo thöricht über das Geländer gelehnt? Es war dumm und unpaſſend von mir, ich nahm mir vor, es nie wieder zu thun. Als der Vetter aber zu mir in's Zimmer trat, ſah er ſehr freundlich aus. Ich war, als ich ihn kommen hörte, ſchnell nach dem Blumen⸗ tiſch gelaufen und ſtand dort, als er eintrat, ihm den Rücken zugekehrt. Er legte ſeine Hände auf meine Schultern und ſagte liebreich:
„Warum kaufte ich denn den neuen Wagen, wenn Du nicht darin fahren willſt?“
Dieſe Frage zeigte mir deutlich, daß ich in ſeinen Gedanken einen höheren Platz einnahm, als ich mir gedacht; ſie erinnerte mich an alle ſeine Freundlichkeiten und Liebesbeweiſe und rührte mich tief.
„O, Vetter Ulih!“ rief ich, mich zu ihm wendend,„Du hältſt mich gewiß für recht undankbar, und das betrübt mich wahrhaft; doch Marcia iſt ſo— ſo unfreundlich gegen mich, und gerade jetzt— ich kann es nicht ertragen, mit ihr zu fahren.“—
„Gerade jetzt?“ wiederholte er;„was iſt denn paſſirt, das Dich ſo ungeduldig macht?“
Dabei zog er mich vom Fenſter nach dem Sopha, und wir ſetzten uns hin; ſchon wollte ich ſagen, ich wüßte es nicht, da fiel mir ein, daß ich es ſehr wohl wußte, ich wagte nicht die Unwahrheit zu ſprechen und zauderte; das Erröthen, das ich nicht unterdrücken konnte, verrieth mich.
„Hat Petronel wieder Geheimniſſe vor mir?“
„Nein, nein! Ich ſagte es Dir ja gern, wenn es nur irgendwelchen Nutzen hätte,“ ſtammelte ich.„Aber Vetter Ulih, Du weißt es ja ebenſo gut wie ich, und— ich räume ja gern ein, daß ich ſehr ungezogen war, doch ich haſſe ſolche Dinge und ſehe auch gar nicht ein, warum die Couſine ſo erboſt iſt, da Du es nicht biſt.“
„Kind, Du ſprichſt den tollſten Unſinn!“
„Ja, das weiß ich wohl, es geht mir immer ſo, wenn ich mit Dir rede, Du biſt ſo gütig und dabei ſo klug.“
„Das nenne ich aber einen ſchönen Lohn für meine Güte und Klugheit! Doch Scherz bei Seite, Petronel, nun ſage mir, Du denkſt wohl, die Couſine Marcia iſt mit der Antwort, die Du Herrn Bertram gegeben haſt, nicht zufrieden?“
„Wenn ich Dich bitten darf, ſprich nicht davon, Vetter Ulih!“ ſagte ich flehentlich.„Ich bin eine Thörin, das weißt Du, und Herr Bertram muß nahezu wahnſinnig geweſen ſein; laß uns das Alles, ſo ſchnell es geht, vergeſſen.“
„Es ſollte mir leid thun, wenn ich Dich betrübte,“ erwiderte er mit dem freundlichen Ton, der ihm gegen Jedermann eigen war;„Du weißt aber, Herr Bertram und ich ſind ſo alte Freunde, und—“
„Das habe ich ſchon oft genug von Dir hören müſſen,“ unterbrach ich ihn ungeduldig.
„Und bevor er fortging, vertraute er mir Einiges von dem, was zwiſchen Euch vorgefallen iſt, an—“
„Mein Gott, wie wagte er das? Der alte Schwätzer!“ rief ich mit hochrothen Wangen aus.„Er iſt mir immer fatal geweſen, ich wünſchte nur, ich hätte es ihm geradezu geſagt!“
„Vor ſeiner Abreiſe bat er mich, mit Dir über dieſe An⸗ gelegenheit zu ſprechen,“ fuhr der Vetter Ulih fort, nachdem er mich geduldig hatte ausſprechen laſſen.
„Gut! Es iſt aber ganz unnütz. Bitte, laß uns nun von etwas Anderem ſprechen,“ antwortete ich entſchieden.
„Nein, Petronel, das geht nicht. Ich verſprach es ihm, und muß mein Wort halten; welcher Art immerhin auch Deine Gefühle für ihn ſein mögen, ich muß Dich erſuchen, mir ruhig zuzuhören. Ich habe bei Dir Vormundſtelle über⸗ nommen, und es iſt unbedingt meine Pflicht, über dieſen Gegenſtand mit Dir zu ſprechen.“


