Jahrgang 
1 (1879)
Seite
326
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Concordia.

nicht gemeint haben! Nicht wahr, Sie haben nur einen Scherz gemacht?

Nein, ich ſprach in vollem Ernſte! rief er ärgerlich aus, jedes kleine Kind hätte das einſehen müſſen. Schon in der Weihnachtszeit, als ich verſuchte, Ihnen auf alle mögliche Weiſe meine Abſichten verſtändlich zu machen

O bitte, verſchonen Sie mich! ſtammelte ich, ich fühlte daſſelbe unüberwindliche Lachen ſchon wieder kommen. In der Stimmung, in der ich war, ſah ich ein, daß alles Kämpfen überflüſſig war; hätte er auch bis Sonnenuntergang ge⸗ ſprochen, meinen Reiz zum Lachen hätte er doch nicht zur Ruhe gebracht; darum ſah ich mein einziges Heil nur in der Flucht.

Laſſen Sie mich vorbei! bat ich, als ich ſah, daß er, meine Gedanken errathend, mir den Ausgang verſperren wollte.Ich muß nach meiner Stube; ich weiß, ich bin unartig gegen Sie geweſen, und bedauere es von Herzen, doch Sie haben keinen Begriff davon, welchen Unſinn Sie ge⸗ ſprochen!

Unſinn! Iſt es denn ganz unmöglich, es Ihnen deut⸗ lich zu machen, daß ich damit, daß ich Ihnen Herz und Hand anbot, die heiligſte Verantwortung übernahm, und

O bitte, bitte, fangen Sie nicht noch einmal von vorn wieder an! unterbrach ich ihn, indem ich an ihm vorüber⸗ ſchlüpfte.Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich kein Wort von alledem glaube, und Sie werden es ebenſo wenig thun, wenn Sie ſich Alles ruhig überlegt! Damit floh ich nach meiner Stube.

Hier angelangt, war alle meine Lachluſt verſchwunden, und ich fühlte mich in einer höchſt unbehaglichen Stimmung.

So kindiſch, wie mein Anbeter glaubte, war ich nicht; ich verſtand es ſehr wohl, daß er mich zu ſeiner Frau zu haben wünſchte, doch meiner Anſicht nach war die Idee, Mrs. Bertram zu werden, mich mit dem alten, graubärtigen Ehe⸗ gatten in Oxley zu etabliren und in die nicht eben intereſſante Familie Bertram hineinzuheiraten, ſo unſinnig und lächer⸗ lich, daß ich den ganzen Antrag mehr als Beleidigung denn als Kompliment aufnahm.

Nach einiger Ueberlegung ſchien es mir unerhört, daß ein ſo alter Knabe es wagte, bei einem Mädchen in meinen Jah⸗ ren anzufragen, ob es mit ihm nach einem ſo langweiligen Neſte wie Oxley gehen und dort den Reſt ſeines Lebens an ſeiner Seite zubringen wollte.(Daß ich dem Vetter Ulih gegenüber bei ähnlicher Gelegenheit ganz anderer Anſicht ge⸗ weſen war, vergaß ich.) Herr Bertram irrte ſehr, wenn er mir die Neigung zutraute, mich in jener dunklen, altmodiſchen Pfarrei häuslich niederzulaſſen, meine Verwandten dann vielleicht nur alle drei Monate zu ſehen und den Tag über nichts zu thun, als in meiner Haube die Hühner zu füttern und in brennender Sonne die Kohlfelder zu jäten. Das waren heitere Ausſichten. Ein junges Mädchen wie ich ſollte alles mir Liebe und Theure verlaſſen, um einen dreimal ſo alten Mann zu pflegen! Ich verſtand es gar nicht, was Herrn Bertram wohl dazu veranlaßt haben mochte, ſich einzubilden, daß ich ſeinen Vorſchlägen Gehör ſchenken könnte; er mußte mir doch einen abſonderlichen Geſchmack zutrauen. So hin⸗ und herdenkend, kam ich ſchließlich dahin, das, was wohl eine Ehre für mich hätte ſein ſollen, für eine Beleidigung anzuſehen. Bei dem Gedanken, Herrn Bertram wieder zu begegnen, wurde

mir ganz weinerlich zu Muthe; und doch war dieſes nicht zu umgehen. An demſelben Abende noch hatten wir Gäſte zu Tiſch, und die Couſine Marcia hatte ſchon beſtimmt, daß ich zum erſten Male unten eſſen ſollte; wahrſcheinlich wohl, weil ſie es für überflüſſig hielt, meinethalben beſonders anzurichten, und weil der Vetter immer darauf beſtand, daß ich nach dem Eſſen unten war; möglich war es auch, daß das fortwährende Erſtaunen der Fremden über meine Größe ſie zu der Anſicht gebracht hatte, daß ich doch wohl ſchon zu erwachſen und zu alt ſei, um noch ganz als Kind betrachtet zu werden. Abends mußte ich alſo jedenfalls hinunter. Nach einigen Stunden kam Jane und half mir bei meiner Toilette; nachdem dieſe beendigt, ging ich, einigermaßen beruhigt, hinunter, denn es war mir ein tröſtlicher Gedanke, daß es dem Herrn Bertram in Gegenwart Fremder nicht möglich ſein würde, den Vetter Ulih von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu ſetzen. Der Ge⸗ danke, daß dieſer die Dummheiten, die mir ſein Freund vor⸗ geſchwatzt, und die unpaſſende Art, wie ich dieſe aufgenommen, hören ſollte, war mir höchſt peinlich; ich wußte ſehr wohl, wie hoch der Vetter die Freundſchaft Herrn Bertram's ſchätzte und wie ſehr er wünſchte, daß mein Benehmen ſtets von guter Erziehung zeuge. Mit Angſt dachte ich ſchon an ſein ernſtes Geſicht, wenn er von dem Vorgefallenen Kunde erhalten würde. Bei dieſem Gedanken wurde mir ordentlich heiß zu Muthe; ſo wie es daher nur anging, eilte ich hinunter, um dort meinem Plagegeiſt womöglich noch vor der Geſellſchaft zu begegnen und ihn zu bitten, über unſer Rencontre mit Niemandem zu ſprechen. Doch Herr Bertram war nicht in der Wohnſtube, und zu meinem Erſtaunen erſchien er auch gar nicht; die Gäſte, etwa zwölf an der Zahl, kamen zur feſtgeſetzten Zeit und verfehlten nicht, ihre Verwunderung über mein raſches Wachſen und meine Entwickelung auszudrücken. Der einzige Gaſt aber, den ich erwartete, blieb aus, und bald bot mir Herr Auſtin ſeinen Arm, um mich zu Tiſch zu führen(ich war ſelbſt erſtaunt über meine Fortſchritte in der Civiliſation). Von meinen Verwandten wurde des Abweſenden mit keiner Silbe gedacht.

Herr Bertram iſt ja nicht da? bemerkte ich mit halb⸗ lauter Stimme, als wir uns hinſetzten.

Nein, erwiderte mein Partner gleichgiltig,vielleicht kommt er noch. Doch welche ſchöne Roſe Sie vorgeſteckt haben, Miß Fleming!

Herr Bertram iſt wieder nach Oxley abgereiſt! ſagte die Couſine mit ihrer kalten, ſcharfen Stimme.

Verdutzt ſah ich hin zu ihr, denn ich hatte keine Ahnung davon, daß ich ſo laut geſprochen, daß auch die Uebrigen außer Herrn Auſtin mich verſtehen konnten. Nach dem verdroſſenen Tone in ihrer Stimme und nach der ſchlechten Laune, die ſich deutlich in ihren Mienen ausſprach, zu urtheilen, ſchien es zweifellos, daß ſie den Grund der Abreiſe ihres Freundes wußte oder doch ziemlich ſicher vermuthete. Ihre Ungnade war mir völlig gleichgiltig, ich fürchtete aber, daß ihr Bruder ebenſo gut als ſie unterrichtet ſein würde, und daß die Ab⸗ reiſe des Freundes, den er gern hatte, ihm Verdruß ver⸗ urſacht. Bei der Pein, die ich bei dieſem Gedanken fühlte, war es mir ein Troſt, daß ich während des Eſſens in dem Weſen meines Vormundes nicht das Geringſte bemerkte, was auf eine gereizte Stimmung gegen mich hätte hindeuten können, im Gegentheil, er ſchien heiterer und aufgeweckter als ge⸗

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