Jahrgang 
1 (1879)
Seite
325
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. Concordia. 325

guter Laune zu ſehen; mehrere Tage hindurch ſpielte dieſelbe Geſchichte von früher, und noch in erhöhtem Maße. Schließ⸗ lich eines Nachmittags erzürnten wir uns ernſthaft. Mein Befinden hatte ſich ſehr nach Wunſch gebeſſert, in's Freie durfte ich jedoch nur zu Wagen, und ich war mit Ausnahme der Stunden des Ausfahrens mit der Couſine noch auf's Haus beſchränkt. So ſaß ich auch eines Tages in meiner Stube, während die Couſine einige Viſiten machte.

Es war außergewöhnlich heiß, ich fühlte mich angegriffener als am Morgen, ſuchte mir meine Lektüre und wünſchte nichts ſehnlicher, als allein zu bleiben, um leſen zu können. Doch bald nach dem zweiten Frühſtück trat Herr Bertram ein und lief unruhig im Zimmer umher, ſodaß an Leſen für mich nicht mehr zu denken war. Ich ſaß in liegender Stellung im Lehnſtuhl, hörte ununterbrochen das Kniſtern ſeinerTimes, bemerkte auch, daß er dieſe oft ſinken ließ, um mich zu be⸗ obachten, und dieſes machte mich ſo ungeduldig, daß ich mir das Buch vor's Geſicht hielt, die Zähne zuſammenbiß und mit dem Fuß ſtampfte.

Es geht Ihnen doch gut? fragte er,ſoll ich Ihnen eine Fußbank bringen? Damit ſtand er auf, um eine zu holen⸗

Es iſt nicht nöthig! erwiderte ich und ſchob die Fuß⸗ bank zur Seite.

Oder wünſchen Sie, ſich auf dem Sopha niederzulegen?

Nein, ich danke! Ich danke für Alles und wünſchte nur, mein Buch ausleſen zu können!

Iſt dieſes denn ſo ſpannend? fragte er weiter, legte ſeine Zeitung zur Seite und kam zu mir.

Seine Unbeſcheidenheit ärgerte und reizte mich; warum konnte er mich nicht ungeſtört laſſen! Es war zu langweilig, immer genirt zu werden, darum wurde ich heftig wie ein Schul⸗ kind und vergaß alle Rückſichten.

Seitdem Sie neben mir ſitzen, allerdings nicht mehr! rief ich aus, ſprang auf und ſetzte mich auf das Sopha; wirklich, Herr Bertram, es wäre mir ſehr lieb, wenn Sie ruhig Ihre Zeitung leſen wollten, für Sie kann mein Buch doch auch gar kein Intereſſe haben.

Wiſſen Sie das beſtimmt? fragte er, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen. Ich wüßte auch nicht, daß dieſes mir je gelungen wäre, darum aber wurde es mir immer fataler.Miß Fleming, halten Sie mich ſchon für ſo alt, daß ich Alles, was Lieben und Liebesleben heißt, vergeſſen haben ſollte?

Das weiß ich nicht, erwiderte ich keck,darüber hab' ich noch nie nachgedacht; übrigens hat es auch mit meiner Ge⸗ ſchichte nichts zu thun.

Hat es das nicht? Das muß ja ein eigenartiger Roman ſein. Doch dann hat es vielleicht deſto mehr Zuſammenhang mit Ihrer Zukunft?

Dieſe Frage würdigte ich keiner Antwort.

Denken Sie nie daran, daß Sie ſich mit der Zeit ver⸗ heiraten und Ihr eigenes Haus haben werden?

Ich brauche gar kein eigenes Haus! Ich wünſchte nur, Herr Bertram, Sie ging etwas ſpazieren.

Alles zu ſeiner Zeit, Mademoiſelle! Alſo Sie denken den TitelMiß nie aufzugeben und eine alte Jungfer zu werden, wie

Wie die Couſine Marcia! Nun, das werde ich ihr wieder⸗ erzählen.

Nein, bitte, thun Sie es nicht; an Miß Ford dachte ich eben nicht, auf ſie möchte ich dieſes Wort nicht bezogen wiſſen, ſie wird ſich ſicher noch verheiraten, und

Warum heiraten Sie ſie denn nicht? fragte ich ohne Ueberlegung; ich wollte ihn durch dieſe impertinente Frage eigentlich nur zum Schweigen bringen, doch Herr Bertram ſchien ſie für Ernſt zu nehmen.

Weil mein Herz nicht mehr frei iſt, ſagte er zu mir, nach dem Sopha kommend,eine Andere hat es mir ge⸗ ſtohlen, und mir erblüht kein Glück, bis ich ihr Herz er⸗ obert!

Bei dieſer Idee, die mir urkomiſch ſchien, lachte ich laut auf.

Warum lachen Sie, habe ich etwas geſagt, was Ihnen lächerlich ſein könnte?

Ich denke nur an Ihren Herzenstauſch; das wird ein ſchöner Tauſchhandel, hoffentlich machen Sie ein gutes Ge⸗ ſchäft dabei!

Das würde unbedingt der Fall ſein! Wenn ich nur hoffen dürfte, daß es dazu kommen könnte! ſagte er ganz ernſthaft; der Gedanke, daß ich Spaß mit ihm treiben könnte, ſchien ihm ganz fern zu liegen.Das Herz, nach dem ich ringe, iſt zwar noch etwas jung und unbedachtſam, doch es iſt mir das Theuerſte auf Erden!

Das iſt ja köſtlich! Dann will ich nur hoffen, daß es in einem ebenſo ſchönen Körper ſchlägt.

Das Herz, auf das ich hindeute, kann nicht ſchöner ſein als der Körper, der es birgt! antwortete Herr Bertram und kam mir noch näher;o, wie gern hätte ich Beides in der Pfarrei von Oxley! Wollen Sie kommen, Petronel? Wollen Sie Ihren Plan, eine alte Jungfer zu werden, aufgeben und mich zum Glücklichſten aller Sterblichen machen?

Ich? Ich bitte Sie, Herr Bertram, haben Sie immer von mir geſprochen? fragte ich, ſtarr vor Staunen.

Mißverſtehen konnte ich ihn keinen Augenblick. Ich fühlte wohl, daß der Augenblick ernſt war, und hätte nicht lachen ſollen, doch die Verſuchung ſiegte über die Vernunft; ich konnte mich nicht länger halten, aus meinem Kichern wurde ein ſchallendes Gelächter. Herr Bertram ſtand beleidigt neben mir.

Wenn etwas, was für mich von ſo großer Wichtigkeit iſt, von Ihnen in's Lächerliche gezogen wird, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort und wurde über und über roth,dann allerdings iſt es hohe Zeit.

O bitte, bitte, verzeihen Sie! rief ich aus, denn ich wurde ängſtlich bei dem Gedanken, daß es des Vetter Ulih's Zorn erregen könnte, wenn ichſeinen älteſten Freund ſo ſchlecht behandelte;bitte, vergeben Sie es mir, Herr Bertram, doch ich hielt es keinen Augenblick für möglich, daß Sie Hier mußte ich innehalten; ſo ſehr ich mich auch quälte, ich konnte meine Lachmuskeln nicht bezwingen und brach abermals in Lachen aus.

Liegt denn in dem, was ich Ihnen eben ſagte, etwas ſo Abſonderliches? fragte Herr Bertram, ſtand auf und ging im Zimmer auf und nieder.

O nein, nein! entgegnete ich, immer noch mit der Lach⸗ luſt kämpfend, die ich nicht unterdrücken konnte;ich in der Pfarrei? Doch es iſt unmöglich, Sie können mich damit