Jahrgang 
1 (1879)
Seite
324
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324 Concordia.

Nach drei oder vier Tagen wurde ich auf eine ſehr rauhe Weiſe aus meinen ſchönen Träumereien erweckt. Eines Morgens lag ich gemüthlich in dem oben geſchilderten Zuſtande, als plötzlich die Couſine Marcia mit dem Herrn Bertram eintrat. Anfänglich langweilte und beſchämte es mich, und ich verſuchte aufzuſtehen, doch ich war zu ſchwach dazu und mußte mich wieder niederlegen.

Bleib' ruhig liegen, Petronel! ſagte Marcia,obſchon es eigentlich doch wohl an der Zeit wäre, daß Du wieder auf Deine Füße kämeſt. Hier bringe ich Dir Herrn Bertram, der die Freundlichkeit gehabt hat, ſich nach Deinem Beſinden zu erkundigen; ich denke, es iſt gut für Dich, wenn Du Be⸗ ſuche von Freunden bekommſt und durch deren Unterhaltung etwas zerſtreut wirſt. Ich habe gerade noch Einiges im Haus⸗ halt zu thun, ſo muß ich Euch allein laſſen.

Damit ging ſie. Eingedenk der Abneigung, die ich während der Weihnachtsferien in Oxley gegen Herrn Bertram eni⸗ pfunden, war ich kühler gegen ihn, als ich bei dem Intereſſe, das er mir zeigte, wohl hätte ſein ſollen, er aber ſchien ſehr entzückt über unſer Wiederſehen, brachte mir die freundlichſten Grüße von ſeiner Mutter und ſeinen Schweſtern und außer⸗ dem ein prachtvolles Bouquet aus dem Garten der Pfarrei, ſodaß ich allmälig etwas aufthaute und mich ſchließlich ſehr gut mit ihm unterhielt. Herr Bertram hatte ſtets den Ruf eines angenehmen, unterhaltenden Geſellſchafters gehabt; ſo that er denn auch bei dieſer Gelegenheit ſein Möglichſtes, mich davon zu überzeugen, und die Morgenſtunden verſtrichen mir ſehr angenehm. Ja ich war ſchließlich ganz zufrieden damit, als ich von ihm hörte, daß er beabſichtige, ganze vier⸗ zehn Tage beim Vetter Ulih zu bleiben. So dachte ich jedoch nur das erſte Mal, als ich ihn ſah; nach Verlauf von einigen Tagen ſah ich die Sache ſchon mit anderen Augen an. Sehr bald bemerkte ich mit Unwillen, daß er ſtets die Wohnſtube oder das Eßzimmer, kurz immer gerade das Gemach, in dem ich mich etablirt hatte, auch zu ſeinem Hauptquartier machte; keinen Augenblick verließ er mich, und ich konnte weder leſen noch ſchreiben ohne ſeine Geſellſchaft. Es ſchien mir ſehr hart, daß die Couſine unter dem Vorwande, im Haushalt Geſchäfte zu haben, ſich gänzlich der Unterhaltung ihres Gaſtes entzog und mir allein dieſe Laſt überließ, zumal zu einer Zeit, wo ich kaum die Kraft dazu hatte. Nachdem Herr Bertram den ganzen Vorrath ſeiner Neuigkeiten aus Oxley ausgekramt, bemerkte ich, daß er nachgerade wieder in daſſelbe Weſen verfiel, das mich früherhin ſchon ſo ſehr verletzt hatte, er gab nämlich alle Unterhaltung auf und beſchränkte ſich darauf, mir die fadeſten Komplimente in's Geſicht zu ſagen und zwiſchendurch viel zu ſeufzen.

Unerträglich wurde es mir, wenn er den ganzen Morgen, mit einem Buche in der Hand mir gegenüberſitzend, mich unverwandt anſtierte, und wenn meine Augen jedesmal, ſo oft ich ſie aufſchlug, den ſeinigen begegneten; mir ſchien dies mehr als beleidigend. Ich ſagte ihm gerade heraus, daß es mir nicht angenehm ſei, ſo angeſtarrt zu werden, er möchte ſich doch mit ſeiner Lektüre einen anderen Platz ſuchen; als ich aber einſah, daß das ganz ohne Erfolg blieb und daß ſein Benehmen in keiner Art rückſichtsvoller für mich wurde, blieb ich oben in meiner Stube und weigerte mich entſchieden, wieder hinunterzukommen. Die Couſine theilte dieſes natürlich

ihrem Bruder mit und dieſer ſprach mit mir darüber. In

ſeiner gewohnten liebenswürdigen Art und Weiſe ſprach er

mir zu und ließ ſich über die allgemeinen geſelligen Pflichten

aus, namentlich auch darüber, daß der Einzelne im Intereſſe der Geſellſchaft ſeine eigenen Wünſche oft ſchweigen laſſen müſſe; ich ſah aber deſſenungeachtet nicht ein, was dieſes damit, daß ich immer mit dem Herrn Bertram zuſammenſitzen ſollte, zu thun hatte, und ſagte ihm dieſes auch offen.

Durch Dein abſichtliches Meiden verletzeſt Du ihn aber, erwiderte der Vetter Ulih;bedenke, er iſt einer meiner älteſten Freunde.

Das beſtreite ich keinen Augenblick, ſagte ich naſeweis, ſein Bart iſt ſchon grau genug.

Dieſe Bemerkung ſchien dem Vetter verletzend zu ſein.

Kind, er iſt jünger als ich.

Iſt er das? Ich glaubte immer, er verſuche es nur, ſich jünger zu machen! Als ich ein Lächeln in des Vetters Mienen ſah, fuhr ich fort:Glaube es nur, Vetter Ulih, geſtern ſah ich deutlich die grauen Haare in ſeinem Bart, und über den Augen hat er ſchon Krähenfüße!

Du ſcheinſt ihn Dir doch recht genau betrachtet zu haben, Petronel?

Dazu hat er mir Gelegenheit genug gegeben, fuhr ich ſchmollend fort;krank ſollte man davon werden, wenn man einen Herrn Tag für Tag immer auf demſelben Platz mit demſelben Geſicht wie angenagelt vor ſich ſitzen ſehen muß.

Ich denke, es iſt unvernünftig von Dir, wenn Du ver⸗ langſt, daß er den Ausdruck in ſeinen Mienen immer verändern ſoll! ſagte der Vetter Ulih, dann lachten wir Beide herzlich über dieſe Idee.

Doch Scherz bei Seite, Kind; ich hoffe, Du wirſt nun vernünftig und kommſt, wie wir Alle, wieder in die Wohn⸗ ſtube, es fällt auf, wenn Du wegbleibſt, und das möchteſt Du doch gern vermeiden.

Wann geht denn Dein Freund wieder weg? fragte ich, er wird bald langweilig; jetzt iſt er ſchon länger als acht Tage hier.

Liebes Kind, was willſt Du denn aber anfangen, wenn Du verheiratet biſt und einen Mann haſt, der Dir jahraus jahrein mit demſelben Geſicht gegenüberſitzt?

Den will ich auch gar nicht haben! erwiderte ſie raſch, wenn ich mir aber einen nehme, ſo muß er ganz anderer Art ſein, wie Herr Bertram.

Anderer Art, Petronel? Dann könnte er aber leicht ſchlechter ausfallen.

Mag ſein! Vor Allem dürfte er mich aber nie damit langweilen, mich zu überreden, etwas zu thun, wozu ich keine Luſt habe, ſagte ich ſchmeichelnd und ſchlang meinen Arm um ihn;er dürfte zum Beiſpiel nie verlangen, daß ich mit ſeinem alten, graubärtigen Freunde im Wohnzimmer ſitzen ſollte, und dergleichen, dann auch

Welcher Art er weiter ſein oder nicht ſein ſollte, erfuhr der Vetter nicht, er ſtand auf und ſagte mir mit freundlichem Kopfnicken, er wüßte, ich würde nun artig ſein, und ging fort.

Ich nahm meine Bücher und Arbeit und verfügte mich nach meinem alten Platz, um ſeinem Wunſche, der mir Befehl war, nachzukommen, wurde auch für meine Folgſamkeit belohnt; denn als ich eintrat, fand ich, daß Herr Bertram ausgegangen war. Doch leider nicht für lange; nach einigen Stunden ſchon kehrte er zurück und war entzückt, mich wieder bei