Jahrgang 
1 (1879)
Seite
322
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Concordia.

Es iſt wahr, ſagte ſie entrüſtet,ſeit einiger Zeit hat Fränzchen gar keinen Geſchmack mehr. Es gehören unbedingt Aermel in das Kleid und die Roſe müßte roth ſein. Mit Gewalt will das heimtückiſche Geſchöpf mich häßlich machen; ich ſage es ja, Alle haben ſich gegen mich verſchworen. Sie ſtampfte zornig mit dem Fuße.Rufen Sie mir augenblick⸗ lich das Mädchen, Bunzel!

Aber Frau Baronin, achten Sie doch nicht auf Freda's Kindergeſchwätz, beruhigte Fräulein Bunzel;die gelbe Roſe paßt durchaus zu der Toilette und nimmt ſich ſogar ſehr apart aus.

Es iſt nicht wahr, Mama, glaube ihr nicht, ſie belügt Dich! ſchrie Freda.Sie will auch nur, daß Du häß⸗ lich biſt.

Die Roſe muß heraus, entſchied die Baronin, immer zorniger an der Blume zerrend.Kinder haben einen rich⸗ tigen Blick für ſo etwas. Es iſt wahrhaft empörend, daß ich in meinem eigenen Hauſe wie verrathen und verkauft bin und Niemanden habe, der es ehrlich mit mir meint.

Sie riß heftig an der Klingelſchnur.

Athemlos ſtürzte Fränzchen herein.

Fehlt noch etwas, Frau Baronin?

Hinterliſtige! Du wußteſt, daß die Roſe meinem Teint unangemeſſen iſt und ſteckteſt ſie mir dennoch an. Freda ſagt ſehr richtig, ich ähnele damit einer Zigeunerin. Du triumphirſt, wenn ich erbärmlich ausſehe! Ich hatte eine beſſere Meinung von Dir. Augenblicklich entfernſt Du das häßliche Ding hier und giebſt die rothe Kamelie mit den Thautropfen.

Ein lebhafter Schrecken malte ſich in Fränzchen's Geſicht.

Um Gottes willen, Frau Baronin, die Kamelie iſt ja viel zu groß!

Aber die Baronin hörte nicht.

Mit zitternden Händen durchwühlte ſie den Inhalt eines umfangreichen Kartons, den ſie dem Wandſchrank entnommen.

Hier iſt die Kamelie, ſagte ſie und hielt eine große dicke Blume in die Höhe.Stecke ſie an, ohne Widerrede.

Ah machte Freda, über das Glitzern und Funkeln im Kelch der Blume lebhafte Freude äußernd.Ja, Mama, die thu' auf den Kopf, mitten d'rauf!

Siehſt Du, daß ich recht hatte? rief die Baronin triumphirend.Das Kind weiß augenblicklich, was ſchön iſt. Man müßte eigentlich bei der Toilette immer Freda's kind⸗ liche Unbefangenheit zu Rathe ziehen. Nun? was ſtehſt Du und glotzeſt?

Unmöglich können Sie die Kamelie tragen, Frau Baronin, erklärte Fränzchen,denn ſie paßt ganz und gar nicht.

Sie iſt von Daudemain in Paris und ſie paßt! Stecke ſie augenblicklich an die Stelle der Roſe! befahl die Baronin ſtreng, während ſie vor dem Spiegel Platz nahm.

Fränzchen ſchüttelte hinter dem Rücken ihrer Herrin den Kopf, warf Fräulein Bunzel einen Blick zu, welcher ungefähr ausdrückte: iſt ſie nicht halb verrückt? und ergriff in größter Geſchwindigkeit eine auf dem Tiſch liegende Scheere, um mit derſelben die äußere Blätterfülle der unſchönen Blume eiligſt herunterzuſchneiden.

Aber ſie rechnete ohne Freda.

Mit argwöhniſchen Blicken hatte dieſes liebenswürdige kleine Ungeheuer jede ihrer Bewegungen verfolgt und brüllte

nun mit wahrer Rieſenſtimme:

Mama, Mama, ſieh' doch! Sie ſchneidet ſie ja entzwei!

Wie eine gereizte Löwin ſtürzte die Baronin auf das Mädchen zu, ſchleuderte die Scheere aus ihrer Hand und rief zornbebend:

Raſende, was thuſt Du? Ich habe Dich durch meine endloſe Nachſicht und Güte verwöhnt, das ſehe ich leider zu ſpät ein. Wie kannſt Du es wagen, meinem Willen zu trotzen? Fort! Aus meinen Augen! Gieb die Blume her, Fräulein Bunzel ſoll ſie mir jetzt anſtecken.

Einen derartigen Eingriff in ihre Rechte zu dulden, war Fränzchen jedoch keineswegs gewillt.

Sie entriß Fräulein Bunzel die durch das öftere Hin⸗ und Herwandern aus einer Hand in die andere ſchon etwas zer⸗ drückt ausſehende Kamelie wieder und ſagte trotzig:

Wenn es denn ſein muß, ſo werde ich es ſchon thun. Fräulein Bunzel verſteht erſt recht nichts davon.

Mit einem Gleichmuth, welcher verrieth, derlei Szenen ſeien ihr nichts Neues, hatte Letztere dem Auftritt zugeſchaut und wandte ſich nun ebenſo ruhig zu Freda, um mit derſelben das Zimmer zu verlaſſen.

Freda bleibt! herrſchte die Baronin.Wozu hätte ich ſie denn rufen laſſen?

Ich glaubte, um die Toilette der Frau Baronin zu be⸗ wundern, ſagte Fräulein Bunzel etwas ſpöttiſch.

Der Baronin entging die ſarkaſtiſche Färbung dieſer Worte.

Nein, deshalb nicht allein. Ich habe noch einen Auftrag für Freda. Da indeß, wie ich ſehe, Ihre eigene Toilette noch der Ergänzung bedarf Sie wiſſen, daß ich Sie bat, ein wenig das Büffet zu überwachen ſo würde es nicht un⸗ zweckmäßig ſein, wenn Sie dieſelbe vollendeten.

Ohne eine Miene zu verändern, ſchweigend, wie ſie ge⸗ kommen, entfernte ſich Fräulein Bunzel.

Freda, mein Liebling, wandte die Baronin ſich in bitten⸗ dem Ton zu der Kleinen,geh', ſag' dem Papa, er ſolle nicht vergeſſen, daß heute Geſellſchaft iſt; in einer Stunde möchte er bereit ſein.

Was giebſt Du, Mama? fragte erwartungsvoll Freda, die nichts ohne Lohn that.

Eine Düte mit Bonbons, mein Herz!

Freda ſchien gewöhnt, ihre Leiſtungen höher anzuſchlagen.

Viel zu wenig, Mama!

Oder kandirte Früchte?

Nein, die mag ich nicht. Eine von den Marzipantorten, die im Büffetzimmer ſtehen, will ich.

Kind, die ſind für die Gäſte beſtimmt. Später wirſt Du ein Stückchen davon erhalten.

Ich will aber eine ganze Torte haben, ſonſt thu' ich's nicht, ganz gewiß nicht! ſchrie das Kind mit weinerlich eigen⸗ ſinniger Stimme und wandte ſich der Thüre zu.Die Tor⸗ ten ſind groß, an einer können die Gäſte genug haben.

Bleib', mein Liebling bleib' doch! flehte die Baronin, Freda zurückhaltend.Ja, es iſt eigentlich wahr, Du haſt recht! Eine reicht ganz gut aus. Zu Fränzchen:Das Kind hat wahrhaftig mehr praktiſchen Ueberblick als wir Alle. Aber Fredchen, mein Engel, Du wirſt Dir den Magen ver⸗ derben!

Das ſchadet nichts; dann nehme ich Rhabarber, und es iſt wieder gut.