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320 Concordia.
Eine der ſchmalen, knarrenden Hausthüren öffnete ſich und ließ ein Mädchen auf die Straße, das zu den kokett mit rother Sammetſchleife aufgeneſtelten Haaren und ſchelmiſch verſchmitztem Geſichte, deſſen kleines Stumpfnäschen neugierig triumphirend in die Welt hinauslugte, gleichſam als wolle es ſagen: mir bleibt nichts verborgen, ich ſchnüffle Alles aus! — das zu alledem nicht noch der weißen, zierlichen Schürze bedurft hätte, um ſich unwiderleglich als Zofe zu doku⸗ mentiren.
Ein altes Weib— man konnte nicht unterſcheiden, war es der Jahre Laſt oder die eines harten Lebens voll Noth und Entbehrung, die auf dem gebeugten Rücken lagerte— folgte ihr. Mit knöcherner Hand eine dünne Kattunjacke über der dürren Bruſt zuſammenraffend, ſchien ſie der Scheidenden nur das Geleit zu geben.
„Alſo pünktlich um elf Uhr ſoll der Dolſi da ſein, Mutter Schnellern, Punkto elf,“ ſagte das Mädchen.„Auf dem Korridor rechts im Winkel ſoll er warten. Und ſoll nur den großen, ſchwarzen Korb nehmen; denn ich denke, außer dem Weine werde ich wohl noch ein paar Paſteten und Geflügel mit hineinpacken können.— Aber nicht etwa den Wein wie⸗ der ausgetrunken, Schnellern! Es wird gewartet, bis der Joſef wieder'mal ſeinen freien Abend hat, dann komme ich auch hinüber und wir ſind Alle zuſammen kreuzfidel. Ich zähle die Flaſchen, hören Sie? Daß mir ja keine weg— kommt!“
„Keine wegkommt?“ Die Alte rümpfte die welken Lippen. „Kann ich etwa dafür, wenn unterwegs ein paar entzwei gehen? Meinetwegen behalten Sie Ihren Wein, Jungfer Fränzchen; ich brauche ihn nicht.“
„Na— na— na!“ beſchwichtigte das Mädchen.„Nicht immer Alles ſo krumm nehmen, Mutter Schnellern;'s war nicht bös gemeint.— Aber ich muß gehen, die Gnädige wird warten. Ich bin nur ſchnell ſo weggehuſcht; es giebt noch zu thun für mich. Adieu, Schnellern! Daß nur der Dolfi da iſt!“
„Keine Sorge, Fränzchen. Adieu!“
Die Alte blieb noch eine Weile ſtehen und ſah der leicht⸗ füßig über den Fahrdamm Hüpfenden mit einem böſen Blicke nach.
„Alberner Fratz Du!“ murmelte ſie und ſpie aus.„Möchte nur wiſſen, was der Joſef an ihr hat! Das hübſche Lärv⸗ chen wird auch nicht lange vorhalten und im Uebrigen finde ich ſie nicht intereſſant.— Windbeutel! Leichtſinniger Vogel! — Hält's doch mit den Reichen. Hüben kajolirt ſie uns und drüben die Gnädige, kenne das!“
Mit drohender Geberde in den ſtumpfen, faltigen Zügen reckte ſie dem Mädchen die Fauſt nach. Ja, es muß geſagt ſein: nicht genug damit, that ſie etwas, von dem man an⸗ nehmen konnte, ſie habe es irgend einem hoffnungsvollen Sprößlinge edler Eltern abgelauſcht, wenn nicht leider feſt⸗ ſtände, daß das niedere Volk in überraſchender Weiſe in ſeinem Gebahren, Denken und Handeln den Kindern ähnelt— ſie ſtreckte hinter der Ahnungsloſen in vollſter, anſehnlicher Länge die blaurothe Zunge heraus.
Auf dieſe draſtiſche Art die Gefühle, die ſie für ihren geweſenen Gaſt beſeelten, zum glücklichſten Ausdruck gebracht, ging ſie ſichtlich befriedigt in's Haus zurück, deſſen Thür krachend hinter ihr in's Schloß fiel.
Fränzchen war quer über den Platz nach der Südſeite deſſelben gegangen.
Im ſchreiendſten Kontraſt zu drüben erhob ſich hier eine ſtattliche Front in altem Style gehaltener hoher, palaſtähn⸗ licher Gebäude. Mittelalterliche Söller, geſchmückt mit ver⸗ goldeten Baldachinen und ſteinernen, der Antike nachgebildeten Hermen, liefen die Hauptſeite entlang und drückten im Verein mit den vielen kuppelartig gewölbten Thürmchen und Zinnen dieſem ganzen Häuſerkomplex faſt ein altſpaniſches Ge⸗ präge auf.
Mit Vorliebe pflegte man im Sommer denjenigen Theil der Anlagen, der, nur vom Weg getrennt, davor lag, gruppirte hier maleriſch Blumen und Bäume des Südens und ließ in zahlreicher Menge Springbrunnen ihre ſchlanken Waſſerſäulen in die Höhe werfen. Jetzt freilich lagen dieſelben erſtarrt in den marmornen Becken.— Nur Leben in die todte Ruhe, nur ein Wehen wärmerer Lüfte, zum leiſen Plätſchern der jetzt ſchlafenden Waſſer der ſehnſuchtsvolle Klang einer Mandoline, auf den hohen Balkonen anmuthige Frauengeſtalten, denen der neidiſche Rebozo nur die Augen frei ließ, glühende Augen, die auf den Minneſänger unterm duftenden Orangenbaum verſtohlene Blicke warfen— und in Sevilla's Glanzzeit hätte man ſich träumen können. 3
An einem der Häuſer mit weitgeöffneter Einfahrt brann⸗ ten zwei große, weiße Laternen. Ein bis zum ſchmalen Fahr⸗ weg aufgeſpanntes Leinwandzelt breitete ſich davor, während Decken, ebenfalls dicht an den Weg hinanreichend, die Füße der zu erwartenden Gäſte vor der Berührung mit Straßen⸗ ſchmuz bewahren ſollten.
Dem prachtvollen, reich verzierten Aeußern des Hauſes entſprach das Innere. Unſtreitig aus Kopf und Hand des Meiſters hervorgegangen, boten ſowohl die Fresken der Wände, als auch die Statuen auf den Säulen der mit breitem Teppichſtreifen belegten Marmortreppe dem Auge des Kunſt⸗ freundes hohen Genuß. Wahre Kabinetſtücke auch kunſt⸗ vollſter Glasmalerei waren die hohen Flurfenſter, durch welche infolge der vorherrſchend dunklen Farben das Licht ſelbſt am Tage nur gedämpft hereinfallen mußte.
Durch den weiten, hellerleuchteten Hausflur huſchte Fränz⸗ chen's Fuß; bis zur Hintertreppe, welche vom flieſenbedeckten Hof in das Gebäude hinaufführte. Einige Stufen tiefer mußte die Küche liegen, denn ein Konglomerat von tauſender⸗ lei Speiſedüften quoll empor.
Geräuſchlos hatte das Mädchen die Thür geöffnet, aber ſo leiſe ſie jetzt auch auftrat, die Treppe erklang dennoch unter ihrem Tritt.
Alsbald rief Jemand in krähendem Ton von unten herauf:
„Na, na, Jungfer Fränzchen, machen's, daß Se'naufkom⸗ men; die Gnädige hat ſchon zweimal ſtark geſchellt!“
„Nur nicht ängſtlich!“ lachte Fränzchen, fühlte ſich aber doch veranlaßt, nachdem ſie aus der Taſche ihres Kleides etwas hervorgeholt, die Treppe in beſchleunigterem Tempo emporzuhüpfen.*
Durch die nur angelehnte Glasthür auf einen langen Korridor gelangend, öffnete ſie eine der vielen Thüren, welche auf denſelben mündeten.
Ein Meer von Licht ſtrömte ihr entgegen. Aus dem ge⸗ öffneten Nebenzimmer ließ eine ungeduldige, ſcharfe Stimme ſich vernehmen:
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