Jahrgang 
1 (1879)
Seite
318
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318. Concordia.

Meine Theure, ſie ſind wirklich erfriſchend in ihrer ab⸗ ſoluten Naivetät, rief ſie aus, als ſie mit Madge und Viola in dem Ankleidezimmer von Mrs. Penwyn über die Vorgänge des Tages ſprach.Die Farben zu ſehen, welche ſie tragen, die ungeheuchelte Größe ihrer Stiefel, die Unzulänglichkeit ihrer Unterröcke, und die Weiſe, wie ſie ſchwitzen und purpur⸗ roth im Geſichte werden, ohne daß ſie es zu beachten ſcheinen; und die primitive Weiſe, welche ſie haben, wahrhaft glücklich auszuſehen das heißt für mich poſitiv eine neue Seite um⸗ ſchlagen im Buche des Lebens. Und wenn man das Alles ſehen kann ohne perſönliche Anſtrengung, unter einem lieben alten Baume ſitzend, und in Eis gekühlten Klaret dazu trinkt! ſo iſt das äußerſt erfriſchend!

Ich hoffe, daß ſie dann noch oft neue Seiten umſchlagen werden, theure Lady Cheshunt, antwortete Madge lächelnd.

Und am Donnerstag wollen Sie ein Diner geben und mir die feineren Einwohner, die edleren Sprößlinge des Lan⸗ des zeigen; glückliche Naturen, die kein Ende finden, wenn ſie von ihrem Familien⸗Wappen ſprechen, und niemals ein an⸗ ſtändig geſchnittenes Kleid tragen; die mit Pferden fahren, welche ausſehen, als ob ſie eben vom Pfluge weggenommen worden wären.

Ich weiß doch nicht, daß unſere Freunde in Cornwall ſo ganz in die Nacht der Zeiten verſunken wären, wie Sie mei⸗ nen, ſagte Madge lachend.Brunel hat ſie der Civiliſation ſehr nahe gebracht. Es giebt darunter Damen, deren Kleider ganz gut in Bond⸗Street gemacht ſein könnten.

Ach, meine Liebe, das ſind Leute, die in drei Jahren einmal nach London gehen. Und eine einzige Saiſon in der Stadt vermiſſen, iſt ſo viel, wie um ein Jahrhundert zurück⸗ bleiben; man bekommt moderige und mit Moos überwachſene Ideen; die Kleiderärmel dieſer Ladies ſehen aus, als ob ſie in der Zeit Georg's des Dritten gemacht worden wären. Um mit der Zeit gleichen Schritt zu halten, muß man immer auf dem Poſten ſein. Man könnte ſonſt ebenſowohl gleichdie ſchlafende Schönheit und hundert Jahre verlieren, wie eine Saiſon in London ignoriren. Ich erinnere mich, daß ich in einem Jahre in etwas ſchwankender Geſundheit war, und dieſe langweiligen Doktoren ſendeten mich nach Deutſchland, um dort einen Frühling und Sommer zuzubringen. Als ich im folgenden März nach London kam, fühlte ich mich wahrhaftig wie Rip van Winkle. Ich erinnerte mich kaum der Namen des Miniſteriums oder des richtigen Gebrauches der Spargel⸗ Zangen. Aber gleichwohl, es wird mich amüſiren, Ihre beſſere Geſellſchaft vom Lande zu ſehen.

Die Familien, welche zu dieſer Geſellſchaft gehörten, ver⸗ ſammelten ſich ein oder zwei Tage ſpäter und erwieſen ſich nicht ohne Bildung und Verſtand, wie Lady Cheshunt nach⸗ her bekannte, obgleich ſich ihr Geſpräch meiſt um lokale An⸗ gelegenheiten und Feld⸗Sport drehte.

Die Damen ſprachen hauptſächlich von ihren Nachbarn. Sie erzählten aber keineswegs Skandale. Das wäre höchſt gefährlich geweſen, denn ſie konnten kaum von Jemand ſpre⸗ chen, der nicht mit Einem von den Anweſenden verwandt ge⸗ weſen wäre. Aber ſie ſprachen von Geburten, Heiraten oder Todesfällen, von vergangenen oder ſolchen, welche kommen ſollten, von Eheverlöbniſſen, von Kindern, Alles einfache, ſo⸗ ziale und häusliche Gegenſtände, worauf Lady Cheshunt ganz verwundert lauſchte. Die Würze dieſer Geſpräche war für die

Weltdame der Hauptſtadt nicht pikant genug. Es war ihr, als ob ſie einen Breitling äße ohne Cayenne⸗Pfeffer oder Limonie ein Fiſch, der ziemlich geſchmacklos iſt. Die jungen Ladies ſprachen über Pfarrer, Spitzen, die Penny⸗Literatur des letzten Winters, Liebhaber⸗Konzerte, neue Muſik die in London längſt für alt galt und über die Schulkinder, oder ſie gruppirten ſich um Viola und lauſchten mit ehrerbietigem Intereſſe auf ihre Schilderungen von den Unterhaltungen der Saiſon den Bällen, Blumen⸗Ausſtellungen, Rennen und Regatta's denen ſie beigewohnt, den königlichen Perſonen, die ſie geſehen, den verſchiedenen On dits, die über dieſe könig⸗ lichen Perſonen in London im Umlaufe waren, und die ſo friſch und glänzend, und wenn auch nicht wahr, mindeſtens ſo reich an Details waren, daß ſie wie Wahrheit erſchienen. Viola war ganz populär unter den jüngeren Zweigen der Familien der Grafſchaft. Die Söhne ſpielten Kroquet und Billard mit ihr, die Töchter kopirten den Schnitt ihrer Klei⸗ der und wählten nach ihrer Empfehlung ihre neuen Bücher und Muſik. Mrs. Penwyn war bei Allen populär bei Matronen und Mädchen, älteren Squires und Studenten, bei Reich und Arm. Sie appellirte immer an die edelſten und mächtigſten Gefühle der menſchlichen Natur, und ſie nicht zu lieben, wäre ſoviel geweſen, als gleichgiltig zu ſein gegen Tugend und Anmuth.

Das erſte Diner nach der Rückkehr nach dem Schloſſe Penwyn war mehr oder weniger ein Feſtbanket und es wurde dabei aller Glanz des Hauſes entwickelt. Die großen ſilbernen und vergoldeten Becher und Präſentirteller, die gewichtigen alten Weinkühler und mächtigen Wiltpretſchüſſeln, eine ſchwere Laſt für einen ſtarken Mann, wurden aus ihrer gewöhnlichen Zurückgezogenheit in den Umhüllungen von grünem Flanell hervorgeholt. Das Buffet war wie bei einem königlichen Feſte beſetzt; die lange Tafel beim Diner glich einem kleinen Walde von exotiſchen Gewächſen und Blumen. Die geſchloſſenen Jalouſien ſchloſſen die Gluth des purpurrothen Sonnen⸗ unterganges aus und ließen doch die erfriſchende Abendluft zu. Die vielen Lichter flimmerten mit ſanftem, gedämpftem Strahlenglanze. Die mondähnlichen Silberlampen auf dem Servirtiſche und dem Kamingeſimſe gaben dem Speiſeſaale eine magiſche Erſcheinung. Die Frauen in ihren Gazekleidern, mit Familienjuwelen, die wie Sterne an den weißen Hälſen und den ſchönen runden Armen ſchimmerten oder aus den Wind⸗ ungen des dunkelſten Haares blitzten, vervollſtändigten das angenehme Bild.

Churchill Penwyn blickte mit ſtillem Lächeln die Tafel hinab.

So alltäglich ſolche konventionelle Dinge ſein mögen, ſie geben Einem doch das Gefühl von Macht, dachte er in ſeiner halb cyniſchen Weiſe,und für den Augenblick iſt es angenehm genug. Sardanapal, mit einer Nation von Sklaven unter ſeiner Ferſe, konnte ſich deſſelben Gefühles, nur in einem größeren Maßſtabe, erfreuen.

2. Kapitel. Es war die Stunde, wann die Wälder kalt ſind. Während der Squire von Penwyn ſeine mit Blumen

und exotiſchen Gewächſen geſchmückte Tafel überblickte und ſich ſelber dazu beglückwünſchte, daß er eine Macht im Lande