Jahrgang 
1 (1879)
Seite
316
Einzelbild herunterladen

3¹6 Concordia.

Ich fürchte, ich ſagte, ich ſei Miß Elgood's Bruder, oder etwas derart, denn ich war ſo verzweifelt begierig, ſie zu ſehen.

Er hatte Juſtina zur Entwickelung ihrer Talente gratulirt. Der Erfolg des Mädchens hatte dieſe mehr überraſcht, als. ſonſt Jemanden. Sie war in der letzten Zeit von Provinz⸗ Kritikern applaudirt und gelobt worden, aber ſie hatte nicht gedacht, daß ein Londoner Publikum ſo leicht zu erobern ſei. Die dunklen Augen ſchimmerten von einem neuen Lichte, denn der Erfolg war ſüß. Im Hintergrunde ſtand eine Geſtalt, die von Maurice erſt jetzt bemerkt wurde, als er ſich Mr. Flittergilt zuwendete.

Dies war Matthew Elgood, in denſelben unſcheinlich aus⸗ ſehenden Frack gekleidet, oder wenigſtens einen eben ſolchen, wie er vor zwei Jahren zu Eborsham getragen, aber heraus⸗ geputzt mit einem fleckenloſen Chemiſette, von dem indeß eine Seitenanſicht zeigte, daß es über das geringere Hemd gebunden war und keinen integrirenden Theil deſſelben ausmachte. Dazu trug er eine purpurrothe Atlas⸗Kravate.

Wie geht es, Mr. Elgood? Sie ſind auch hier engagirt? fragte Maurice.

Nein, Sir. Es war keine Stelle offen für einen Dar⸗ ſteller meines Genre's. Die Stücke, welche heutzutage populär ſind, ſind zu ſchal, um einem Schauſpieler von Gewicht eine Rolle zu bieten, oder es ſind einaktige Piècen, für irgend einen Manieriſten der Stunde geſchrieben. Die echte alte legitime Schule der Schauſpieler die Schule, die an den guten alten Provinztheatern gepflegt wurde iſt jetzt nirgends mehr. Ich beuge mich dem unvermeidlichen Geſetze der Zeit. Ich ward um einige zwanzig Jahre zu ſpät geboren. Ich hätte der Zeitgenoſſe Macready's werden ſollen.

Ihre Tochter iſt ſehr glücklich geweſen in ihrem Debut.

Ja, Sir. Die moderne Bühne iſt ein ſchönes Feld für ein junges Frauenzimmer mit Schönheit und Geſtalt, und wenn die Talente einer jungen Dame geleitet und genährt wurden durch einen Mann, der ſeine Kunſt kennt, ſo tritt ſie mit der Gewißheit des Erfolges in die Arena. Es gab eine Zeit, in der Böswillige meine Tochter einen Stock nannten. Es gab eine Zeit, in der meine Tochter ihren Veruf haßte. Aber meine fortwährende Sorge brachte die Veränderung her⸗ vor, welche dieſen Abend Sie überraſchte. Ein ſchlummernder Genius iſt erweckt worden ich werde nicht wagen, zu ſagen: durch einen verwandten Genius, da dieſe Bemerkung nach Egoismus ſchmecken würde.

Dann ſind Sie in London ohne Beſchäftigung, Mr. Elgood?

Ja, Mr. Cliſſold, aber ich habe meinen Beruf; ich bin hier als Bewacher und Beſchützer meines unſchuldigen Kindes.

Ich ſagte Miß Elgood vor zwei Jahren, wenn ſie je⸗ mals noch London käme und eines Freundes benöthige, wür⸗ den meine beſten Dienſte zu ihrer Verfügung ſtehen. Aber ihr heutiger Erfolg hat ſie von Freundſchaft unabhängig ge⸗ macht.

Das weiß ich denn doch nicht, Mr. Cliſſold. Sie ſind Schriftſteller, wie ich weiß, ein Freund von Mr. Flittergilt, und Sie haben ohne Zweifel einigen Einfluß auf Theater⸗ kritiker. Man kann nie zu viel Hilfe in der Art haben. Es iſt ein böswilliger Geiſt in der Preſſe, welcher durch freund⸗ ſchaftliche Einflüſſe beſänftigt und überwunden werden kann. So ſchön und begabt meine Tochter iſt, fühle ich mich doch

keineswegs der Zeitungen ſicher. Unſer beſcheidenes Domizil iſt in Bloomsbury, Hudſpeth⸗Street, Nr. 27, eine nicht gerade faſhionable, aber zentrale Gegend. Ich werde ſehr erfreut ſein, wenn Sie uns mit einem Beſuche beehren. Die Sonn⸗ tags⸗Abende gehören uns.

Ich werde keine Zeit verlieren, von Ihrer gütigen Er⸗ laubniß Vortheil zu ziehen, ſagte Maurice, und dann ſetzte er in einem leiſeren Tone, nur für Mr. Elgood vernehmlich, hinzu:Ich hoffe, Ihre Tochter hat den Kummer überwunden, welchen das fürchterliche Ereigniß zu Eborsham ihr ver⸗ anlaßte.

Sie hat ſich von dem Schlage wieder erholt, Sir, aber ſie hat ihn nicht vergeſſen. Ein ſeltſam ſenſitives Kind, Mr. Cliſſold. Wer hätte vorausſetzen können, daß eine ſo kurze Bekanntſchaft mit Ihrem unglücklichen Freunde einen ſo tiefen Eindruck auf ihr Gemüth machen würde? Sie war nachher nie wieder daſſelbe Mädchen. Von dieſer Zeit an ſchien ſie abſeits von uns Allen zu leben, in ihrer eigenen Welt. Sie wurde nach einer Weile aufmerkſamer auf ihre Berufspflichten beſorgter, ſich auszuzeichnen mehr intereſſirt für die Charaktere, welche ſie darſtellte, und ſie begann uns Alle zu überraſchen durch Anklänge an ein Pathos, das wir von ihr nie erwartet hatten. Sechs Monate nach dem Tode Ihres jungen Freundes wurde ſie von Mr. Tilberry vom Theater Royal in Weſtborough als jugendliche Liebhaberin engagirt, und ſie hat ſeither ſich in der Provinz immer in erſter Stell⸗ ung erhalten. Ihr Genius ſcheint durch den Kummer wach⸗ gerufen worden zu ſein. Gute Nacht, Mr. Cliſſold. Ich denke, Juſtina wird bereit ſein, jetzt nach Hauſe zu gehen. Wenn Sie auf einige Kritiker Einfluß nehmen können, ſo wer⸗ den Sie finden, daß Matthew Elgood die Bedeutung des Wortes Dankbarkeit kennt.

Maurice verſprach, ſein Beſtes zu thun, und gebrauchte noch denſelben Abend im Klub nächſt dem Strand allen Ein⸗ fluß, den er hatte, zu Juſtina's Gunſten. Er fand ſeine Auf⸗ gabe leicht. Die Kritiker, welche Mr. Flittergilt's neue Ko⸗ mödie geſehen hatten, waren entzückt von der neuen Schau⸗ ſpielerin. Jene, die wo anders geweſen waren und der Dar⸗ ſtellung irgend eines anderen neuen Stückes beigewohnt hatten, hörten das enthuſiaſtiſche Lob ihrer Kollegen, und verſprachen, das Royal⸗Albert⸗Theater am Montag zu beſuchen.

Es war Sonnabend. Maurice beſchloß, ſeinen Beſuch in der Hudſpeth-Street morgen Abend zu machen. Er hatte ein anderweitiges Engagement, aber es war eines, das ohne Be⸗ leidigung gebrochen werden konnte. Und er war neugierig, die erfolgreiche Künſtlerin in ihrem Daheim zu ſehen. Hatte ſie ſich als Mädchen viel verändert, ſeit er ſie auf ihren Knieen vor einem alten Armſtuhle, heiße Thränen über den Tod James Penwyn's vergießend, überraſcht? Er hatte ſie in jenen Tagen beinahe für ein Kind gehalten, und die Mög⸗ lichkeit des Ruhmes, von der er zu ihr geſprochen, um ſie zu tröſten, ſtand damals in ſo weiter Ferne. Und nun war ſie bereits berühmt vielleicht in einem kleineren Kreiſe, aber doch berühmt. Am Montage, das wußte er, mußten die Zeit⸗ ungen ihres Lobes voll ſein. Sie wurde der Welt unmittel⸗ barer bekannt, als er, der Poet, ſich bekannt gemacht. Sie hatte bereits die Süßigkeit des Applaus gekoſtet, der gerade⸗ zu aus den Herzen ihrer Zuhörer gekommen, nicht filtrirt durch