Jahrgang 
1 (1879)
Seite
311
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Concordia.

der Wiege ihres kleinen Dominique und weinte heiße Thränen um den Abweſenden. War er in die Hände der Gerechtig⸗ keit gefallen, eingekerkert, oder ſie ſchauerte, es zu denken gerichtet? Kaum konnte ſte noch zweifeln, daß er zu den

Todten zählte; wäre es ihm ſonſt möglich geweſen, ſo lange von ſeinem Kinde entfernt zu ſein, welches ſie keinen Augen⸗ blick entbehren mochte?

Sidi dachte wenig an ihre Zukunft; in dieſer Beziehung hatte die Sorge keine Macht über die frühere Abenteuerin, ob dieſe ſich ſonſt auch geändert hatte. Für Jahre hinaus reichte bei ihrem zurückgezogenen Leben dasjenige, was ſie be⸗ ſaß, und ſonſt war die Bohéèmienne ja gewohnt geweſen, kaum an den morgenden Tag zu denken. Es waren keine eigennützigen, ſelbſtſüchtigen Thränen; ſie galten dem tief empfundenen Verluſt des Geliebten.

Wieder war es Sommer, an ein em Juniabende. Die Mutter ſaß mit dem Kinde am offenen Fenſter und ſah thränenfeuchten Auges in die Abendröthe, während das Kind auf ihrem Schoße lächelnd ſpielte. Da ſprengte ein Reiter die Straße daher und hielt vor dem Hauſe, die noch immer ſchöne Träumerin mit der Frage erweckend, ob er hier bei Madame Sidi Champion(ſo hieß ſie in Meudon) recht ſei.

Das bin ich, erwiderte erröthend das junge Weib.

Der Reiter zog den breitrandigen Hut und der Leſer er⸗ kennr Joſef Lami's gebräuntes Antlitz.

So bring' ich Ihnen beſten Gruß von Herrn Champion, ſagte er, ſprang vom Pferde und nahte ſich dem Fenſter.

Sidi hatte bei ſeinen Worten einen freudigen Schrei aus⸗ geſtoßen und hätte faſt den kleinen Dominique aus ihren Armen fallen laſſen.

Er lebt alſo! rief ſie.Dominique, Burſche, Dein Papa lebt! O, tretet ein, Herr! erzählt mir!

Erlaubt, daß ich hier meinen Auftrag ausführe ich habe Eile. Um Mitternacht wird Cartouche hier ſein und läßt Sie erſuchen, im Geheimen für ihn ein kleines Mahl zu⸗ zurichten er ſei nicht allzu verwöhnt, und Sie dürften kein Aufſehen erregen, obgleich ich nicht glaube, daß dies hier verrätheriſch wäre.

Es ſoll Niemand ahnen ich werde die Magd in die Bodenkammer einſchließen.

Thun Sie das. Und nun erlauben Sie mir, ehe ich ſcheide, Dominique's Sohn zu küſſen.

Iſt er nicht ein prächtiger Junge und dem Vater ganz ähnlich? Mit dieſen Worten reichte ſie Joſef das Kind hin. Der nahm es und ſchaute es feſt an.

Ja, ja, und Ihnen auch, ſagte er und küßte es auf die Stirn. Dann gab er es der Mutter zurück, ſchwang ſich wieder auf das Roß, grüßte und flog davon.

Wache ich? träume ich? fragte das junge Weib.Nein, nein! Nicht wahr, Dominique, der Papa hat grüßen laſſen? Er kommt, er kommt! Sie tanzte in dem kleinen Zimmer um⸗ her.Daß ich nur nichts vergeſſe. Vorſicht! O, die Freude könnte ihn verrathen. Zurückl ein ernſtes Geſicht.

Noch nie war ihr eine Komödie ſo ſchwer geworden.

Mitternacht war da. Das Haus der Madame Champion lag, wie die anderen in Meudon, ſtill und todt, kein Leben ſchien in ihm zu herrſchen. Alles dunkel, die Laden geſchloſſen.

Das war aber bei der Thür nicht der Fall, und hinter ihr lauſchte angeſtrengt Sidi. Endlich vernahm ſie Schritte das mußte er ſein, das war er. Sie öffnete die Thür.

Dominique, hauchte ſie und ruhte in den Armen Car⸗ touche's, der ſie lebhaft küßte.Endlich, endlich biſt Du ge⸗ kommen, Du böſer, Du lieber Mann.

Schließ' die Thür und komm' hinein. Das junge Weib that, wie ihm geheißen war.

Beide betraten das erleuchtete Hofzimmer. Auch hier hatte Sidi die Fenſter ängſtlich verhängt. Auf den erſten Blick ſah der Angekommene die Vorrichtungen und gab ein Zeichen der Befriedigung.

Und nun ſchau' Dir doch unſeren Jungen, unſeren Do⸗ minique an, ſagte Sidi und führte den Geliebten an die Wiege ihres Kindes.Iſt es nicht ein prächtiger Bub'? Ganz die dunklen Augen wie die Deinen.

Statt der Antwort nahm Cartouche das Kind aus der Wiege und küßte es inbrünſtig. Es erwachte, ſchlug die Lider auf Sidi hatte recht, die Augen waren wie die des Vaters, vom tiefſten Schwarz. Als der kleine Dominique einen frem⸗ den Mann erblickte, verzog ſich ſein Geſicht und er rief ängſt⸗ lich:Mama!

Es iſt ja Dein Papa, Herzblut, Dein Papa, der Dich liebt! Aber das Kind langte nach der Mutter.

Ueber das Geſicht Cartouche's lief ein dunkler Schatten.

Er mag nicht bei mir ſein.

Nicht doch, Dominique. Iſt es nicht artig genug aus dem Schlafe aufgenommen und ſchreit nicht?

In dieſem Augenblicke bemerkte der Kleine bei dem Vater eine goldene Kette und griff nach ihr. Die Wolken waren verſchwunden, der Papa lächelte.Liebſt Du auch ſchon das Gold, mein Sohn? Ja, ja, es iſt der Lebensnerv der Erde. Da haſt Du ſie. Spiele Dich wieder in Schlaf.

Der Knabe nahm die Kette, hielt dankbar dem Vater ſein Mündchen zum Kuſſe hin und ließ ſich ſodann zur Ruhe bringen. Der Leſer hat dabei Zeit, den älteren Dominique zu betrachten, der ſich an den Tiſch geſetzt und raſch zu eſſen begonnen hat.

Cartouche war damals kaum zwanzig Jahre alt, aber ſein Ausſehen war das eines Mannes. Selbſt die jugendliche Elaſtizität ſeiner Bewegungen war von der vollen Kraft der reiferen Jahre durchdrungen. Das Geſicht wettergebräunt, die Stirn faltenlos und doch den Stempel der Energie zeigend, die Züge angenehm, aber von jeder Weichlichkeit weit ent⸗ fernt, die Geſtalt ſchlank und doch markig. Das Alles ver⸗ einigte ſich zu einem für jedes Weiberauge anziehenden Ganzen..

Und nun, Herz, wie geht es Dir, wie haſt Du gelebt? fragte Sidi, zu Cartouche eilend, nachdem der Kleine wieder in Schlummer gewiegt war.Haſt Du auch hin und wieder unſerer gedacht? Pfui, Du Schlechter, das war böſe von Dir, daß Du nichts, kein Wort haſt von Dir hören laſſen.

Es ging nun einmal nicht, entgegnete Dominique, der ſeine Mahlzeit beendet hatte, ſie in die Arme ſchließend.Im Uebrigen können wir zufrieden ſein. Ich war da unten im Süden, wo es auch zu thun giebt, freilich nicht wie in Paris Paris iſt und bleibt Frankreich. Aber man lebt auch in