312 Concordia.
der Provence und da herum ganz gemüthlich. Hübſche Mäd⸗ chen, hübſch wie die Nacht, und——“
„Hübſche Mädchen?“ unterbrach ihn Sidi und eine Wolke beſchattete ihre Stirn.„Haſt Du uns um ſie vergeſſen?“
„Vergeſſen— Thorheit!“ erwiderte Cartouche.„Bin ich nicht da, nicht wieder bei Dir, Sidi? Habe ich nicht für Dich und das Kind geſorgt? Eiferſucht, mein Kätzchen, iſt wahr⸗ haftig nicht am Orte.“
„Und jetzt bleibe ich bei Dir, ich und unſer kleiner Do⸗ minique?“
„Nicht doch, Schatz, das paßt mir ganz und gar nicht;
das würde mich lähmen. Im Gegentheil, Du gehſt nach Rouen, wo ich Alles für Dich eingerichtet habe. Du wirſt dort ein Häuschen finden, wie es für Dich paßt. Dort lebſt Du als die Wittwe Champion in aller Ruhe und beſorgſt die Geſchäfte, die ich Dir auftrage, pünktlich und treu, er⸗ ziehſt unſeren Jungen, bis ich es an der Zeit finde, ihn in ein College zu geben. Beim Himmel, der Junge ſoll einſt reich und angeſehen wie ein König werden. Große Pläne durchziehen mein Hirn und ich hoffe, ſie auszuführen. In Paris iſt das Feld meiner Thätigkeit, da werde ich meine Schlachten ſchlagen.“(Fortſetzung folgt.)
Plaudereien.
Die Glocken.
Den Urſprung der Glocken muß man im hohen Alterthume ſuchen, denn von kleinen Glocken oder Schellen lieſt man ſchon im Alten Teſtamente. So trug zum Beiſpiel der jüdiſche Hoheprieſter an Feſttagen ein mit goldenen Glöckchen geſchmücktes Gewand; die kleinen Glocken gaben das Muſter zu größeren und Glocken von nicht unbedeutender Größe hatten auch ſchon die alten Römer; aber von Glocken, beſtimmt zu gottesdienſtlichem Gebrauche, findet man damals noch keine Spur. Noch im fünften und ſechsten Jahrhundert wurden die chriſtlichen Gemeinden, nach alter jüdiſcher Weiſe, durch Trompeten oder durch Schlagen an Breter zum Tempel gerufen, und in Klöſtern ging, beſonders zur Nachtzeit, ein Mönch oder eine Nonne umher und verkündigte die Betſtunden durch Anſchlagen an die Zellen mittelſt eines hölzernen Hammers. Kirchenglocken in unſerem Sinne finden wir zuerſt im ſiebenten Jahrhundert in Italien, und in der campagniſchen Stadt Nola goß man die erſten großen ſchön klingenden Glocken. Von Italien aus erhielt auch im Jahre 872 der griechiſche Kaiſer Michael zwölf große Glocken, die er im Thurme der Sophienkirche zu Konſtantinopel aufhängen ließ, als aber die Türken 1453 dieſe Stadt eroberten, entfernten ſie ſolche wieder, denn die Türken bedienen ſich der Glocken nicht, ſondern verſammeln die Gläubigen zum Gebet durch Anſchlagen an Breter und durch den Ruf von hohen Thürmen. In der abendländiſchen Kirche findet man die erſten Glocken in den Klöſtern, doch ahmten dieſen Gebrauch bald auch andere Kirchen nach, denn es wird zum Beiſpiel erzählt, daß, als König Chlotar von Frankreich 659 Orleans belagern wollte und der dortige Biſchof die Glocken der St. Stephanskirche läuten ließ, des Königs Kriegsvolk über das unbekannte Getöſe ſo erſchrocken ſei, daß es eilig die Flucht ergriffen habe. Als man mit der Zeit in allen chriſtlichen Kirchen Glocken einführte, waren metallene für arme Kirchen oft zu koſtſpielig, und man gebrauchte hier und da gebrannte Thonglocken. Dagegen findet man noch jetzt in manchen Kathedralkirchen ſilberne, oder doch ſolche, deren Metall viel Silber enthält, in China eherne, in Abyſſinien ſteinerne, in Pegu meſſingene, und in einigen katholiſchen Kirchen läutete man in der Marter⸗ woche mit hölzernen Glocken. Auch der Zweck der Glocken blieb nicht immer blos das Zuſammenrufen der Gemeinden zum Gottes⸗ dienſte, ſondern es gab Ehren⸗, Schand⸗, Wetter⸗, Sturm⸗, Feier⸗ abend⸗ und Betglocken. Mit der Ehrenglocke wurde zum Beiſpiel in Klöſtern der Abt bewillkommt; mit der Schandglocke läutete man Friedensſtörer und exkommunizirte Verbrecher aus dem Lande, und beſondere Wetter⸗ und Sturmglocken findet man häufig, und eine der größten iſt der elftauſend Pfund ſchwere Roland zu Gent mit der Umſchrift:
Roland, Roland! als ich klappe, dann is Brand! Als ich lüe, dann is Orlog(Krieg) in Flanderland!
Verantwortlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden.— Verlag von Otto Freitag in Dresden.— Druck von F. W. Gleißner in Dresden.
Reiche Kirchen haben von jeher in der Größe der Glocken mit⸗ einander gewetteifert und es überſteigt faſt allen Glauben, welche ungeheure Metallmaſſen man mitunter auf Thürme gehangen hat. Die größte Glocke Deutſchlands, auf der St. Stephanskirche zu Wien, wiegt dreihundertvierundfünfzig, und mit Klöppel, Helm und Eiſenwerk fünfhundertvierzehn Zentner. Berühmt ihrer Größe und ihres Alters wegen iſt auch die in dem Dome zu Erfurt; ſie wiegt zweihundertſechsundſiebenzig Zentner und wurde 1497 gegoſſen, nachdem ihre Vorgängerin, die bedeutend ſchwerere Suſanna, bei einem Brande 1472 geſchmolzen war. Auch außerhalb Deutſchlands findet man Glocken von ungeheurem Gewichte, beſonders in Frank⸗ reich, der Schweiz und in Italien, weniger in England, denn der berühmte große Thomas zu Oxford, eine der größten Glocken Englands, wiegt nur einhundertundfünfzig Zentner. Die größten Glocken aber giebt es in Rußland. In Moskau zählte man vor dem Brande von 1812 nicht weniger als eintauſendſiebenhundert⸗ undſechs Glocken. Viele derſelben gingen damals zu Grunde, zer⸗ ſprangen oder ſchmolzen; die meiſten aber prangen ſeitdem wieder auf den Thürmen der alten Hauptſtadt, und die größte von ihnen, 1818 gegoſſen, hängt auf dem Iwan Weliki, dem höchſten Thurnie Moskau's, ſie wiegt tauſend Zentner und wird vorzugsweiſe Bolſhoi(die Große) genannt. Unmöglich wäre es, eine ſolche Laſt in Schwung zu bringen, allein die Ruſſen läuten überhaupt nicht mit Bewegung der ganzen Glocke, ſondern blos durch Anſchlagen des Klöppels, aber deſſen ungeachtet erſchallt, wenn dieſe Glocke ertönt, über ganz Moskau ein dumpfes Getöſe, gleich dem fernen Rollen des Donners. Auch in China giebt es Glocken von anſehnlicher Größe und von hohem Alter, ſo zu Peking eine eiſerne, hundert⸗ fünfundzwanzigtauſend Pfund ſchwer und vierzehnundeinhalb Fuß hoch, welche der Kaiſer Yong⸗lo gießen ließ, als er 1403 ſeine Reſidenz von Nanking hierher verlegte.— Der Gebrauch, die Glocken zu taufen, ſchreibt ſich aus dem neunten Jahrhundert her, wurde aber ſchon von Karl dem Großen ſtreng verboten. In der dabei üblichen feierlichen Taufe wuſch man die Glocke mit Weih⸗ waſſer, ſalbte ſie mit geweihtem Oele, ſprach den Exorzismus über ſie aus, lud zur Weihe oft an dreihundert Taufzeugen ein, gab ihr einen Namen, räucherte und ſegnete ſie ein, ſchmückte ſie mit Tüchern, Binden und Blumen und zog ſie ſo auf den Thurm hinauf.
(Die Rächer.) Lehrer:„Ihr nichtsnutzigen Gaſſenjungen, warum ſchlagt Ihr denn den jungen Hund ſo ſehr? Was hat Euch denn das arme Thier gethan?“— Bube:„Ja, dem jungen Hund ſein alter Hund gehört der Madame Müllern, und der Madame Müllern ihre Köchin hat unſerer Mutter ihrer Schweſter ihrer Henne ihre Eier geſtohlen.“


